Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Die Wutschreiber
Mehr Welt Kultur Die Wutschreiber
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:58 21.11.2014
Von Martina Sulner
Wird deutlich: Karen Duve attackiert Männer auf Chefsesseln.
Wird deutlich: Karen Duve attackiert Männer auf Chefsesseln.
Anzeige
Hannover

Um sachliche, fein abgewogene Kritik geht es in diesem Buch nicht. Das verrät schon der Blick auf den Umschlag: „Warum die Sache schiefgeht“ heißt Karen Duves neues Buch - und im Untertitel: „Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen.“ Warum solche Übeltäter überhaupt erfolgreich sein können, zeigt das Cover auch: Abgebildet sind drei Affen, die sich Ohren, Augen oder Mund zuhalten. Sind das wir, die nicht erkennen wollen, wer uns in die Katastrophe bugsiert? So ist das wohl gemeint.

Karen Duve, Jahrgang 1961, gehört zu den erfolgreichen deutschen Autorinnen der mittleren Generation. Als 1999 ihr „Regenroman“ erschien, galt die gebürtige Hamburgerin als eine Protagonistin des sogenannten literarischen Fräuleinwunders - obwohl, zum Glück, ihre Bücher alles andere als fräuleinhaft sind. Die Autorin ist direkt, witzig, ironisch. Spätestens seit ihrem 2011 veröffentlichten Buch „Anständig essen“ weiß man auch, wie meinungsstark sie ist. „Anständig essen“ schildert Duves Selbstversuch, sich ethisch korrekt zu ernähren - und prangert die Auswüchse der Massentierhaltung an.

Jetzt holt Duve zum Rundumschlag aus: Sie attackiert den „Generationenimperialismus“, „also das Weiterleben wie bisher auf Kosten der eigenen Kinder und Kindeskinder“. Wütend schreibt sie über Männer, die vom Wunsch nach Macht, Geld und Kontrolle über Mitarbeiter elektrisiert seien. Viele dieser Typen seien Psychopathen; sie „tummeln sich überproportional häufig in Chefetagen und allerhöchsten Ämtern“.

Ob Psychopath oder nur durchschnittlich sozialgestörter Manager: Duve polemisiert gegen Finanzmanager, Politiker und Naturwissenschaftler, die sich um ihr eigenes Wohl - das meint: Geld und Prestige - sorgen, aber nicht um soziale Probleme und die drohende Klimakatastrophe. Es sind, betont die Autorin, vor allem die Männer, die diesen Planeten ruinieren. Männer sind „signifikant gewalttätiger“ als Frauen, haben „weniger Mitgefühl und Empathie für andere“ und haben „an den internationalen Finanzplätzen gezockt, bis beinahe der Finanzmarkt zusammenbrach“.

„Warum die Sache schiefgeht“

„Warum die Sache schiefgeht“ ist eine Wutschrift, ein literarischer Empörungsschrei. Dieses Genre hat derzeit Konjunktur auf dem Buchmarkt. „Empört Euch!“ heißt der Essay, den der damals 93-jährige Stéphane Hessel vor drei Jahren geschrieben hat. Der mittlerweile verstorbene Franzose - deutsch-jüdischer Herkunft und Kämpfer in der Résistance - attackierte darin die Diktatur der Finanzwirtschaft, die Umweltzerstörung und den Abbau des Sozialstaats. Das Echo aufs Hessels Schrift, die zu mehr Engagement aufrief, war gewaltig - auch in Deutschland.

Die Wut- und Empörungsschreiber spiegeln, was zahlreiche Menschen empfinden: Die da oben scheren sich nicht um uns da unten. Das Vertrauen in die Politik ist erschüttert, und von Sozialverbänden oder Gewerkschaften fühlen sich nur wenige ausreichend vertreten. Aus diesem Mix aus Wut, Hilflosigkeit und dem Wunsch, dennoch gehört zu werden, sind in den vergangenen Jahren zahlreiche zornige Bücher entstanden. Es sind Bücher gegen das Ohnmachtsgefühl, das viele Menschen empfinden, es sind Bücher, die aus einem moralischen Impuls - Irgend etwas muss man doch tun! - motiviert sind.

„Ist unsere Politik noch zu retten?“, fragte der österreichische Publizist Robert Misik im vergangenen Jahr polemisch. Der frühere ARD-Korrespondent Sven Kuntze, Jahrgang 1942, prangert in seinem Buch „Die schamlose Generation“ an. Die Älteren, so Kuntze, seien gierig, egoistisch und verschlössen die Augen vor der Umweltzerstörung.

Je undurchschaubarer die politisch-gesellschaftliche Situation erscheint, desto größer scheint das Bedürfnis zu sein, Wut (und oft auch Hilflosigkeit) via Buch herauszuschleudern. Wer meint, die richtigen Ideen zur Verbesserung der Lage zu haben, formuliert seine Forderungen gern in einem Manifest. Vom „Kommunistischen Manifest“, das Karl Marx und Friedrich Engels 1848 veröffentlichten, über das „Manifest der Futuristen (1909) sind bis heute Massen solcher Schriften erschienen. Als Replik auf Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ hat die bei Lüneburg lebende Publizistin Hilal Sezgin 2011 „Deutschland erfindet sich neu. Manifest der vielen“ herausgegeben, in dem deutsche Autoren mit Migrationshintergrund - wie Feridun Zaimoglu, Navid Kermani und Hatice Akyün - schreiben. Wir sind da, wir gehören längst dazu: Das ist der Tenor ihrer Texte.

Viele Empörungsbücher, Manifeste und Streitschriften der vergangenen Jahre (erfolgreich waren etwa „Lob der Disziplin - eine Streitschrift“ oder „Lob der Vernunftehe. Eine Streitschrift für mehr Realismus in der Liebe“) sind literarisch eher einfach gestrickt. Sie rütteln auf, regen zum Zu- oder Widerspruch.Aber etwas mehr Sorgfalt bei der Recherche, gern auch außerhalb des Internets, und Finesse beim Schreiben hätten einigen Titeln nicht geschadet.

Karen Duve hat sich für ihr stilistisch einwandfreies Buch, das sich bislang 25.000-mal verkauft hat und gerade in die nächste Auflage geht, nicht mit „Psyochopathen“ aus den Chefetagen getroffen. Sie gibt den Beschuldigten nicht die Chance, sich zu erklären oder zu rechtfertigen. Das widerspricht zwar journalistischen Standards, ist für Duves Text aber legitim und einleuchtend: Diese Leute, die sowieso zu viel Macht haben, muss man in so einem Buch nicht auch noch zu Wort kommen lassen.

Die Hoffnung der Autorin, dass wir das Steuer irgendwie herumreißen könnten, ist gering. Doch vielleicht sei das - angesichts dessen, was der Mensch so verbricht - gar nicht mal schlimm: „Wenn man die menschliche Perspektive einmal kurz aufgibt, ist es eigentlich ein ganz erfrischender Gedanke, dass Homo sapiens demnächst ausstirbt.“

Karen Duve: „Warum die Sache schiefgeht“. Galiani Berlin. 181 Seiten, 12 Euro. Am Dienstag, 19.30 Uhr, liest die Autorin, moderiert von HAZ-Redakteurin Jutta Rinas, im hannoverschen Literaturhaus, Sophienstraße 2.

Kultur Chris Dercon im Kunstsalon - Der Sechs-Millionen-Mann
20.11.2014