Die „Soldaten" nach dem Buch von Sönke Neitzel und Harald Welzer sind auf der Bühne in Hannover zu sehen.
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Kultur Theaterstück „Soldaten" feiert Premiere
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00:15 12.09.2013
Von Jutta Rinas
Soldaten in Vitrinen: Dominik Maringer, Jakob Benkhofer, Philippe Goos.
Soldaten in Vitrinen: Dominik Maringer, Jakob Benkhofer, Philippe Goos. Quelle: Schauspiel Hannover/ Klaus Lefebvre
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Hannover

Manche dieser Kriegsgeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg klingen noch lange nach der Aufführung schmerzlich in einem nach. Die von den beiden 15-jährigen Russen beispielsweise, die die Deutschen erst laufen lassen wollen, wenn sie „nur ja auf dem Weg bleiben und nicht bei der ersten Gelegenheit in den Wald fliehen“. Die beiden fliehen, natürlich, und werden von den Wehrmachtssoldaten auf sadistische Weise umgebracht. Oder die von der Spionin, die nach einer Vergewaltigung zu Tode gequält wird: „Dann haben wir ihr nachgeschossen, da lag sie auf dem Rücken, da haben wir mit Granaten gezielt, und wenn wir in die Nähe trafen, hat sie jedes Mal aufgeschrien.“

In diesem Moment in der Premiere des Theaterstücks „Die Soldaten“ von Thomas Dannemann ist in der Cumberlandschen Galerie auf der Bühne niemand zu sehen. Lediglich fünf ausgeleuchtete Vitrinen stehen auf schwarzen Podesten: groß genug, um jeweils einen Soldaten als eine Art lebendes Schaustück einer Wehrmachtsausstellung der ganz besonderen Art zu zeigen.

Abhörprotokolle deutscher Kriegsgefangener

Jetzt jedoch sind die Vitrinen für eine Weile leer. Man ist allein mit diesen vielen fürchterlichen Sätzen. Bei manchem Zuschauer, dessen Eltern oder Großeltern im Zweiten Weltkrieg waren, mischen die Zitate sich mit Erinnerungen an verstörende Gespräche zu Hause, mit Tätern oder Opfern, oder mit der Erinnerung an erdrückendes Schweigen. Fetzen aus Propagandareden des Führers dröhnen durch den Raum. Dazu erklingt eine russisch-orthodoxe Fassung des Vaterunsers, eine liturgische Komposition von Nikolai Kedrov.

Etwa 18 Millionen Männer haben im Zweiten Weltkrieg bei der Wehrmacht und der Waffen-SS gedient. Was sie dachten, warum sie kämpften, wie sie kämpften und töteten, war lange Zeit nur aus Autobiografien oder Feldpostbriefen zu schließen. Bis der Historiker Sönke Neitzel 2001 auf neue Quellen stieß: auf die Abhörprotokolle deutscher Kriegsgefangener. 150 000 Seiten Material des britischen und des US-Geheimdienstes wertete Neitzel für sein 2011 gemeinsam mit dem Soziologen Harald Welzer publiziertes Buch „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ aus. Thomas Dannemann, Regisseur der jetzt uraufgeführten hannoverschen Bühnenfassung, und Dramaturgin Kerstin Behrens zogen für ihr Theaterstück noch eine weitere Publikation, die des Mainzer Historikers Felix Römer, hinzu. Allein der Umfang der Quellen (Dannemann und Behrens nahmen von Besuchen bei den Wissenschaftlern laut Programmheft ein 2000 Seiten starkes Quellenkonvolut als Vorlage für ihre Fassung mit), dazu die Drastik und der Bilderreichtum der Gespräche deuten auf eine große Geschichte auf einer großen Bühne hin.

Aber so ist es nicht. Eine der großen Stärken der hannoverschen Inszenierung ist, dass sie die Abhörprotokolle als eine Art Kammerspiel auf die Bühne bringt. Dannemanns und Behrens’ Fassung besticht durch ihren Mut zur Reduktion, zur radikalen Verknappung. Sie ist weit weg von jeder Art von Bilderrausch, weit weg von jeder suggestiven Überhöhung. Sie überzeugt durch die Klarheit der Ideen und Gedanken. Schon das Bühnenbild von Dirk Thiele - jene fünf Vitrinen mit Soldaten - ist auf eindrucksvolle Weise schlicht und komplex zugleich. Es reflektiert die Entstehung der Protokolle: die Soldaten wurden zwischen 1942 und 1945 in ihren Zellen abgehört.

Zugleich nehmen wir uns selbst als Beobachter wahr, wenn wir die in den Vitrinen ausgestellten Soldaten sehen: als empörte, wütende, manchmal aber auch innerlich merkwürdig unberührte, ja sogar belustigte Zuschauer. Thiele verhindert die Identifikation mit den Wehrmachtsoldaten, in dem er sie hinter Glas verbannt. So lässt er einen Sätze besser ertragen wie: „Dass das deutsche Volk das beste Menschenmaterial ist, merkt man doch daran, dass wir weitermachen.“

Die Vitrinenkäfige werfen aber auch unangenehme Fragen auf: Zum Beispiel die, was es eigentlich mit einem selber macht, wenn man lebende Soldaten zu Ausstellungsobjekten degradiert. Dannemann und Behrens ordnen die Protokolle nach Themenbereichen - und schaffen immer neue, schlichte Szenarien dafür. Die fünf Soldaten (durchweg überzeugend: Jakob Benkhofer, Philippe Goos, Mathias Max Herrmann, Dominik Maringer, Andreas Schlager) stehen für unzählige Figuren. Sie erzählen sich beispielsweise, nur mit Unterhose bekleidet, in verstörend harmlosem Plauderton von Frauen, die sie „gebürstet“ (vergewaltigt) und getötet haben. Angefeuert von einem Moderator in einem „Wunschkonzert der Wehrmacht“ wetteifern sie dann wieder um die größten Heldengeschichten, die allesamt Gräueltaten sind.

Wechsel der Perspektive

Immer wieder bricht Dannemann zudem überraschend die Perspektive. Ein Soldat beispielsweise, frierend und mit rot verschmiertem Gesicht, weint plötzlich, schreit, berichtet von ihn quälenden Kriegserlebnissen. Plötzlich tritt ein Aufseher (Oscar Olivo) auf und brüllt auf Englisch: „Los, los, schrei weiter, bislang glaube ich dir nicht.“ Viele Zitate aus den Protokollen über die Erschießungen von Juden durch Wehrmachtssoldaten bilden den Abschluss eines eindrucksvollen, teils schwer aushaltbaren Theaterabends: Es ist eine Art Zwiegespräch zwischen einem österreichischen und einem deutschen Wehrmachtsangehörigen vor den Vitrinen, das unendlich viele Grausamkeiten, aber auch Selbstzweifel und - zum einzigen Mal an diesem Abend - auch Spuren von Mitgefühl enthält.

Man müsse sich klarmachen, dass alle Dialoge so nicht gesprochen, sondern von den Autoren komponiert worden seien, lobte einer der Autoren des „Soldaten-Buches“, Sönke Neitzel, das Stück am Ende. In Hannover sei extrem schwer zusammenfassbares Material ohne jeden Holocaustkitsch, ohne jede Gewaltpornografie auf die Bühne gebracht worden, ergänzte sein Mitstreiter Harald Welzer. Auch das Publikum war beeindruckt. Großer Applaus.

Wieder am 13. und 24. September sowie am 6. und am 24. Oktober.

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