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Kultur Die Sehnsucht nach der Melodie
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19:30 11.10.2009
Von Stefan Arndt
Belegte den ersten Platz beim Internationalen Violinwettbewerb: Fumiaki Miura.
Belegte den ersten Platz beim Internationalen Violinwettbewerb: Fumiaki Miura. Quelle: Martin Steiner
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Dietrich H. Hoppenstedt brachte das Ergebnis des diesjährigen internationalen Violinwettbewerbs beim abschließenden Galakonzert im Funkhaus mit seinem niedersächsisch tönenden Englisch auf den Punkt: „The winner takes it all.“ Der Präsident der Stiftung Niedersachsen, die seit 1991 alle drei Jahre das Gipfeltreffen des Geigennachwuchses in Hannover ausrichtet, unterstrich auf diese Weise, dass Fumiaki Miura ein Preisträger der Superlative ist. Der 16-jährige Japaner ist nicht nur der jüngste Sieger in der Geschichte des Wettbewerbs, sondern auch der erfolgreichste: Neben dem mit 50.000 Euro dotierten ersten Preis erhielt er auch den in diesem Jahr erstmals vergebenen Kritikerpreis (5000 Euro) und den undotierten, aber nicht unwichtigen Publikumspreis.

Immer wieder musste Miuara bei der etwas steifen Preisverleihung seinen Platz am Rand des Podiums verlassen, eine Auszeichnung entgegennehmen und zu seinem Stuhl zurückkehren, um gleich darauf wieder aufzustehen und den Weg zu einer neuen Trophäe anzutreten. Am Ende bekam er auch die kostbare Guadagnini-Geige der Fritz-Behrens-Stiftung als Leihgabe für drei Jahre zur Verfügung gestellt.

Ausgerechnet dieses Instrument ließ dann allerdings Zweifel aufkommen, ob der junge Geiger wirklich so eindeutig der Konkurrenz überlegen war, wie das Ergebnis es nahelegt. Mit Joseph Joachims „Romanze“, dem Pflichtstück der ersten Wettbewerbsrunde, eröffnete Miura den Konzertabend und ließ vor allem durch Unsicherheit aufhorchen. Erst später, bei seinem verglichen mit dem Finalauftritt vom Vortag sehr souveränen Tschaikowsky-Konzert, wurde klar, warum: Der Geiger hatte beim ersten Stück gleich sein neues Instrument ausprobiert, ohne zuvor einen Ton darauf gespielt zu haben. Für das Konzert benutzte er dann wieder seine gewohnte Geige.

Die erste Hälfte des Galaabends gab dann noch Gelegenheit, die Entscheidungen der Jury zu überprüfen: Mit der dritten Solosonate von Eugène Ysaÿe unterstrich die Deutschkoreanerin Clara-Jumi Kang eindrucksvoll, dass sie den mit 30.000 Euro ausgestatteten zweiten Preis voll verdient hat: Sie ist vielleicht nicht die aufregendste, sicher aber die souveränste Teilnehmerin des diesjährigen Wettbewerbs. Dass sie nicht noch erfolgreicher war, zeugt von einer Sehnsucht nach musikalischer Authentizität, die offenbar sowohl die Fachleute in den beiden Jurys als auch die normalen Zuhörer umtreibt: Wichtiger als jede technische Bravour ist die eben nur scheinbar einfache Fähigkeit, eine Melodie lebendig klingen zu lassen. Dieser Wettbewerb wurde nicht in Virtuosenstücken, sondern in den langsamen Sätzen entschieden.

Dazu passt, dass die Südkoreanerin Yura Lee für ihr außergewöhnliches Spiel in Bartóks zweitem Violinkonzert im Finale nur mit dem dritten Preis und 20.000 Euro bedacht wurde: Die harsche Musik des ungarischen Komponisten konnte das nach zwei Wochen Violinwettbewerb nur noch größere Verlangen nach schlichter Schönheit nicht recht befriedigen. Eher taugte dazu Tschaikowskys „Valse-Scherzo“, mit dem Lee im Galakonzert zu erleben war. Die übrigen drei Finalteilnehmer teilen sich einen gleichberechtigten vierten Platz und erhalten je 8000 Euro. Noch eher als bei den beiden hannoverschen Studenten Solenne Païdassi und Hyuk Joo Kwun konnte man bei dem Japaner Yusuke Hayashi ins Grübeln geraten, warum genau diesem wunderbaren, aber etwas uncharismatischen Geiger ein größerer Erfolg verwehrt blieb. So aber liegt es allein an einem 16-Jährigen, die hohen Ansprüche des Wettbewerbs durch eine glänzende Karriere einzulösen. „Ich glaube, mit Fumiaki Miura haben wir die geigerische Entdeckung dieses Jahres gemacht“, jubelte etwa Joachim Werren, der Generalsekretär der Stiftung Niedersachsen.

Doch ist der Japaner wirklich so ein Ausnahmegeiger? Im Wettbewerb konnte man eher den gegenteiligen Eindruck gewinnen: Miura ist besonders normal. Er überzeugte vor allem mit einfachen musikalischen Grundtugenden wie dem Streben nach Klarheit oder dem Bemühen, einer Melodie Leben einzuhauchen. Sein Spiel ist schlicht, ungekünstelt und schön. Mit ihm hat Hannover keinen Superstar, sondern den netten Geiger von nebenan zum Sieger erkoren. Einem Wettbewerb, der immer auch ein wenig unter dem Verdacht steht, statt guter Musiker nur gute Geiger auf das Podest zu heben, tut das nur gut.

Karsten Röhrbein 09.10.2009