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Kultur „Die Schachspielerin“ startet Donnerstag im Kino
Mehr Welt Kultur „Die Schachspielerin“ startet Donnerstag im Kino
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07:29 07.01.2010
Von Karl-Ludwig Baader
Hauptfigur zwischen Schwarz und Weiß: Sandrine Bonnaire als Zimmermädchen Hélène. Quelle: Concorde
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Es ist früher Morgen, der Wecker rappelt. Hélène steht auf, automatisch macht sie sich Kaffee, den sie im Stehen trinkt, zieht ein schlichtes Kleid an, steckt sich die Haare hoch, greift sich ihr Fahrrad und fährt an der korsischen Küste entlang zu einem Hotel, wo sie zuverlässig ihre Arbeit als Zimmermädchen verrichtet. Ihr Leben mit dem Hafenarbeiter Ange und ihrer 15-jährigen Tochter läuft so dahin, aber unter der Eintönigkeit scheint Hélène nicht zu leiden.

Da, auf einmal, scheint etwas auf, das sie bisher nicht vermisst hat, das aber eine eigentümliche Faszination ausübt. Als sie in einem Zimmer die Betten macht, beobachtet sie ein offensichtlich verliebtes junges Paar, das auf dem Balkon Schach spielt. Eine zauberhafte Szene, die sich da hinter einem wehenden Vorhang erahnen lässt – das Schachspiel als intimes erotisches Zwiegespräch. Die Frau gewinnt, küsst ihren Geliebten – es ist ein Spiel, bei dem die Dame die stärkste Figur ist.

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In „Die Schachspielerin“, diesem ersten abendfüllenden Spielfilm der Deutschitalienerin Caroline Bottaro, der den gleichnamigen (allerdings in Griechenland spielenden) Roman der in Paris lebenden deutschen Schriftstellerin Bertina Henrichs zur Vorlage hat, wird das Schachspiel zum märchenhaften Versprechen eines ganz anderen, ­eines erfüllten Lebens. Bottaro inszeniert diese Szene unspektakulär, aber doch wie eine jenseitige Erscheinung, von der eine magische Kraft ausgeht. In ihrem Licht empfindet Hélène ihr bisheriges Leben als schal. Sie ist plötzlich aus dem kindlichen Paradies des unbewussten Einverständnisses mit der Alltagsroutine vertrieben worden und kommt zum (unglücklichen) Bewusstsein ihrer bisher verschütteten Sehnsüchte.

Sandrine Bonnaire spielt diese einfache Frau mit einer stillen und unpathetischen Unbedingtheit. Hartnäckig bringt sie sich das Spiel bei, steht nachts auf, um gegen den Schachcomputer anzutreten. Während sie sich in der Auseinandersetzung mit den Regeln und der Raffinesse des Schachspiels selbst vergisst, erfindet sie sich neu. Sie hat den Mut, die bisherigen Grenzen zu überschreiten.

Zunächst eher widerwillig ebnet ihr ein kauziger Amerikaner den Weg zum tieferen Verständnis des Spiels. Dieser Dr. Kröger, bei dem sie an manchen Nachmittagen den Haushalt macht und der sie zunächst sehr herablassend behandelt, ist ein kultivierter, selbstgefälliger Misanthrop, der sein Leben schwerkrank in einer alten Villa inmitten alter Bücher und Antiquitäten verbringt. ­Hélène will ihn gegen sein Widerstreben zu ihrem Lehrmeister machen, und nun hebt zwischen Kevin Kline und San­drine Bonnaire ein subtiler Machtkampf an, bei dem sich die Balance zunächst unmerklich, dann immer deutlicher zu ihren Gunsten verschiebt. So wird aus den Lehrstunden zunehmend ein Duell, dessen Stand sich an Gesten und Blicken ablesen lässt. Mit ihrem Durchhaltewillen und ihrem natürlichen Stolz gelingt es der einfachen Frau, den Respekt dieses Snobs zu gewinnen.

Selten darf das Schachspiel so viel erotische Ausstrahlung entfalten wie in diesem Film – als beide am Ende Blindschach spielen, erhält das eine bezaubernd frivole Note. Aber es geht hier nicht um eine Frau, die im üblichen Sinne „fremdgeht“, auch wenn ihr Mann ­eifersüchtig reagiert. Zwischenzeitlich will sie das Spiel aufgeben, weil sie ihr bisheriges Leben nicht gefährden will. Das Spiel wird aber zur Chance für alle Familienmitglieder, sich selbst und auch gegenseitig neu zu entdecken. Der Film versucht, allen Figuren gerecht zu werden, legt sie differenziert und komplex an und vermeidet Klischees.

Kein Kampf der Geschlechter, kein Befreiungskampf der Frau – der Konflikt wird eher mit postfeministischer Gelassenheit ausgetragen. Hélène geht einfach ihren Weg. Für sich, nicht gegen ihre Familie. Und alle profitieren, wenn sie sich gegenseitig ihre individuellen Bedürfnisse zugestehen – dieser paartherapeutische Aspekt ist aber nur ein Kollateralnutzen eines sympathischen, genau und doch leicht erzählten Films.

Schach dem Leben: 
Anrührender Film mit
glänzenden Darstellern.


Hochhauskino.