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Kultur „Die Polizei darf bei mir einziehen“
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18:59 04.06.2012
„Never Sorry ist meine Lebenseinstellung.": Der chinesische Künstler Ai Weiwei.
„Never Sorry ist meine Lebenseinstellung.": Der chinesische Künstler Ai Weiwei. Quelle: dpa
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Peking

Herr Ai, am 14. Juni kommt der Dokumentarfilm „Never Sorry“ über Ihr Leben in die deutschen Kinos. Kein Bedauern - ist das in Ihrem Leben Realität?

„Never Sorry“ ist meine Grundeinstellung. Der Titel hat natürlich eine Geschichte. 2009 habe ich in München eine Ausstellung mit dem Titel „So Sorry“ gemacht. Der Name bezog sich auf die faulen Entschuldigungen, die wir häufig von Politikern und Beamten hören. Wer „Tut mir leid“ sagt, versucht sich damit oft aus der Verantwortung zu stehlen. Ich versuche, das Gegenteil zu leben: Verantwortung und Engagement.

Haben Sie nie bereut, mit Ihren politischen Aktivitäten so stark in die Öffentlichkeit getreten zu sein?

Natürlich gibt es Dinge, die ich bedauere, aber bereuen tue ich das nicht. In meiner Kindheit habe ich erlebt, wie schwierig das Leben für die Generation meines Vaters war, für Intellektuelle und jeden unabhängigen Geist. Damals wäre ich für meine Aktionen vielfach zum Tode verurteilt worden, das ist kein Witz. Gemessen daran leben wir heute durchaus in einer liberaleren Zeit.

Trotzdem hat die Partei versucht, Sie mundtot zu machen, oder?

Ja, ich muss jetzt kürzer treten. Ich äußere mich zwar immer noch im Internet und gebe das eine oder andere Interview, aber viel weniger als früher. Außerdem darf ich nicht reisen.

Zum Jahrestag ihrer Verhaftung haben Sie in ihrem Studio Überwachungskameras angebracht und die Bilder direkt ins Internet gestellt - eine offene Anspielung auf staatliche Kontrolle.

Die Idee drängte sich auf, weil ich ständig überwacht werde. Rund um mein Haus sind 15 Kameras installiert; im Gefängnis waren in meiner Zelle drei Kameras. Als Erinnerung daran habe ich selbst Kameras aufgebaut: in meinem Schlafzimmer, im Büro, im Garten. Im Internet haben sich das innerhalb von 47 Stunden 5,2 Millionen Menschen angeschaut. Schließlich haben die Behörden es nicht mehr ausgehalten und mir gesagt: „Bitte schalte das ab!“ Das habe ich dann auch gemacht.

Die Zeit der offenen Konfrontation ist also vorbei?

Ich denke, ich habe kommuniziert, was ich kommunizieren wollte. Dass ich damit nicht die Welt verändere, ist mir klar. Aber als chinesischer Staatsbürger muss ich mich an die hier geltenden Regeln halten. Die Polizei ist sehr mächtig. Ich habe keine andere Wahl, als ihre Anweisungen zu befolgen. Aber ich lerne daraus und entwickle eine neue Art der Kommunikation.

Wie sieht die aus?

Neulich habe ich zum Beispiel die Polizisten eingeladen, ob sie nicht bei mir im Büro arbeiten wollen. Ich habe ihnen gesagt: „Dass ihr mich ständig ausspioniert, ist völlig ineffizient. So bekommt ihr doch gar nicht all die Informationen, die ihr wollt, oder ihr zieht daraus die falschen Schlüsse. Also zieht doch bei mir ein. Dann könnt ihr genau beobachten, was ich tue und wer ich bin. Und wenn ich eines Tages wieder reisen darf, dürft ihr mich gerne begleiten, als meine Assistenten, und auf mein Benehmen aufpassen.“ Aber natürlich haben sie meine Einladung nicht angenommen.

Was würden die Polizisten denn sehen, wenn sie bei Ihnen einziehen würden?

Wir bereiten gerade eine große Werkschau für Washington D.C. vor, arbeiten aber auch an anderen Ausstellungen, Büchern und Filmen.

Kurz vor ihrer Festnahme arbeiteten Sie an einem Film über das deutsche Rechtssystem. Machen Sie den fertig?

Ich bin noch nicht dazu gekommen. Wir haben zuerst einen Film über meine Zeit in München im Krankenhaus fertig geschnitten.

Während der Vorbereitungen für die Ausstellung mussten Sie wegen lebensgefährlicher Hirnblutung operiert werden, eine Folge von Schlägen durch chinesische Polizisten.

Ja, und damals entstand die Idee für den Film über das deutsche Rechtssystem. Ich habe untersucht, unter welchen Bedingungen Menschen in Deutschland verhaftet werden können, wie es in Gefängnissen aussieht.

Kurz nach Ihrer Festnahme hat die Berliner Akademie der Künste Sie als Gastprofessor eingeladen. Wann werden Sie den Lehrauftrag erfüllen können?

Die einjährige Bewährungszeit, die mir die Behörden auferlegt haben, endet am 22. Juni. Wenn ich dann eine Reiseerlaubnis bekomme, könnte ich Ende des Jahres nach Deutschland fliegen.

Was wollen Sie unterrichten?

Eigentlich will ich selbst von den Studenten etwas lernen.

China veranstaltet 2012 in Deutschland ein Kulturjahr. Sie sind nicht Teil des offiziellen Programms, trotzdem wird wohl „Never Sorry“ das größte chinesische Kinoereignis des Jahres sein.

Die Regierung gibt Milliarden aus, um sogenannte chinesische Softpower zu verbreiten. Sie hat die Riesenleinwand am Times Square in New York gemietet und hält mit allen möglichen Ländern Kulturjahre ab. Aber mein Name darf dort nirgends auftauchen. Unsere Regierung versteht einfach nicht, wie Kultur funktioniert, wie Kunst, Freiheit und Kreativität zusammenhängen und unser Land stärker machen könnten.

Wie optimistisch sind Sie für Chinas Zukunft?

Sehr! Chinas junge Generation lebt schon in einer ganz anderen Welt. Das Internet hat sie in vieler Hinsicht befreit, und immer mehr Menschen studieren im Ausland. Das wird China verändern.

Wie geht es für Sie persönlich weiter? Ihr Verfahren wegen angeblicher Steuerhinterziehung ist noch nicht abgeschlossen.

Ich habe jetzt meinerseits das Pekinger Steueramt verklagt. Das Gericht hat den Fall auch angenommen, wir warten auf den Verhandlungstermin. Womöglich wird das Gericht uns nie Recht geben, aber die Öffentlichkeit wird ihr eigenes Urteil fällen.

Interview: Bernhard Bartsch

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