Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Die Grenzen des Literaturkanons
Mehr Welt Kultur Die Grenzen des Literaturkanons
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:30 02.05.2012
Von Martina Sulner
Hanjo Kesting im Gespräch mit der HAZ. Quelle: Martin Steiner
Anzeige
Hannover

HAZ-Redakteurin Martina Sulner sprach mit dem Publizisten Hanjo Kesting.

Herr Kesting, pro Jahr erscheinen in Deutschland rund 90.000 neue Bücher. Sie beschäftigen sich in Ihrer Vortragsreihe „Grundschriften der europäischen Kultur“, die jetzt als Buch erschienen ist, mit alten Texten. Warum sind Sie so rückwärtsgewandt?

Anzeige

Ein englischer Dichter hat mal gesagt: Manches Buch wird zu Unrecht vergessen, kein Buch bleibt zu Unrecht im Gedächtnis. Solche Grundschriften, die viele Jahrhunderte oder sogar 1000 oder 2000 Jahre überstanden haben, muss man für jede Generation neu anschauen und diskutieren. Viele Leser stellen dann fest, wie viel sie von alten Texten bereits wissen, ohne es gemerkt zu haben.

Zum Beispiel?

Man muss nicht unbedingt Thomas Morus’ „Utopia“ gelesen haben, um vielleicht eine Ahnung davon zu haben, dass Morus in Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ oder George Orwells „1984“ mitschwingt. Im Prinzip steckt er in allen Utopien. Solche inneren Verknüpfungen unserer Kultur möchte ich aufzeigen, sichtbare und unsichtbare Transferzusammenhänge deutlich machen – wie Homer in Vergil weiterwirkt, wie Vergil in Dante, wie Dante in der Gegenwart. Wer sich für seine kulturelle Identität interessiert, kommt an diesen Schriften nicht vorbei.

Was ist für Sie überhaupt eine Grundschrift?

Wenn ich das so genau sagen könnte! Es sind Texte, die kulturgeschichtliche Knotenpunkte markieren, reich an Rückbezügen und Vorausbezügen. Zum Beispiel das Nibelungenlied: Die Quellen des Textes, der um 1200 geschrieben wurde, stammen aus viel älterer Zeit, 700 Jahre zuvor. Seine große Wirkung entfaltete das Nibelungenlied jedoch erst 700 Jahre später, im 19. Jahrhundert. Grundschriften, das meint also weniger literarische Meisterwerke als Texte, die unsere Kultur dauerhaft geprägt haben.

Was können oder sollen wir im Jahr 2012 von einem antiken Stoff lernen?

Die Texte sind überliefert und aufbewahrt worden, weil in ihnen existenzielle menschliche oder politische Fragen behandelt sind, die dort eine gültige Darstellungsform gefunden haben. „Antigone“ ist für mich die immer noch gültige Darstellung des Konflikts zwischen Staat und Individuum. Spätere Behandlungen sind nur Variationen des Modells, das Sophokles vor rund 2500 Jahren entwickelt hat.

Dennoch: Sollten wir nicht lieber nach literarischen Modellen suchen, die uns auch für die Zukunft etwas zu sagen haben?

Ich glaube, das leisten die alten Texte durchaus. Um Zukunftsfragen zu bewältigen, brauchen wir das akkumulierte Wissen der Vergangenheit. Zahlreiche griechische Tragödien handeln davon, dass der Mensch in seiner Hybris Grenzen überschreitet. Denken Sie nur an die Atomenergie oder die Biotechnik: Sich anhand der antiken Stoffe klarzumachen, dass der Mensch seine Grenzen kennen sollte, halte ich nicht für falsch.

Sie beschäftigen sich mit Grundschriften der europäischen Kultur: Wollen Sie in Zeiten zunehmender Europa-Skepsis eine Lanze für Europa brechen?

Nicht programmatisch. Aber man stellt bei der Arbeit an den Texten fest, wie tief und alt der europäische Zusammenhalt ist. Was wir heute als zusammenwachsendes Europa begreifen, ist die Überwindung von 200 Jahren Nationalstaat. Vorher gab es zwar Sprachgrenzen, aber einen regen Kulturtransfer: Die meisten wichtigen deutschen Bücher des Mittelalters zum Beispiel sind Versionen allgemein europäischer Stoffe.

Was ist für Sie die wichtigste Grundschrift?

Als erste auf jeden Fall die Bibel, sie ist das Fundament der Kultur bis in die Neuzeit hinein. Und dann Vergils „Aeneis“: Vergil ist die Summe der Antike – aber er war auch der wichtigste Dichter für das ganze Mittelalter. Die Auswahl der Themen habe ich teilweise pragmatisch getroffen. Zweifellos ist Sigmund Freuds „Traumdeutung“ eine wichtige Grundschrift, aber diese Sammlung von Fallstudien eignet sich schlecht zum Vorlesen. Deshalb habe ich den Text nicht in die Reihe aufgenommen. Und das gilt auch für die meisten wichtigen philosophischen Werke, die nach Umfang und sprachlicher Anlage in einen Abend von 90 bis 100 Minuten einfach nicht hineinpassen.

Beim Publikum kommt die Vortragsreihe gut an: Zielen Sie vor allem aufs Bildungsbürgertum?

Ich glaube, es gibt ein großes Bedürfnis nach Selbstvergewisserung mittels Kultur – eben zu erfahren, woher wir kommen, wie es im Untertitel der Reihe heißt. Es gibt sicherlich ältere Zuschauer, die sich an diesen Texten noch mal erproben und den Klassikern wiederbegegnen wollen. Doch das ist keine geschlossene Veranstaltung fürs Bildungsbürgertum. Ich hoffe, eine Form gefunden zu haben, die den Texten gerecht wird und das interessierte Publikum nicht ausschließt.

Bilden die von Ihnen ausgewählten Grundschriften den Kanon europäischer Werke?

Nein, von einem Kanon halte ich nicht so viel. Nichts gegen Leselisten für Literaturstudenten, die aufzeigen, was wichtig für ihr Fach ist. Aber jeder Kanon suggeriert, dass man die darin enthaltenen Bücher kennen sollte, auf die anderen aber verzichten kann. Das ist mir zu schematisch, zu äußerlich.

Aber viele Leser empfinden einen Kanon nicht als einschränkend, sondern als gute und notwendige Orientierung in einem unübersichtlichen Feld.

Wenn Lesen Freude machen soll – und das soll es ja –, müssen Menschen selbst den Weg durch die Literatur finden. Statt einen Kanon vorzugeben, finde ich es wichtiger, Lesern Türen zu öffnen und neugierig zu machen.

Sind Sie selbst noch neugierig auf Gegenwartsliteratur?

Was für eine komische Frage! Natürlich interessieren mich nicht nur antike oder mittelalterliche Texte, sondern auch die Gegenwartsliteratur. Ich lese allerdings kritischer und ungeduldiger als vor 40 Jahren, lege ein Buch schneller zur Seite als früher. Es gibt kein wichtigeres Gut als die eigene Lebenszeit.

Kultur Kabarettstar in Hannoer - Richling im Theater am Aegi
01.05.2012
Kultur „Schrei“-Versteigerung - Munch-Bild könnte Auktionsrekord brechen
Johanna Di Blasi 04.05.2012
30.04.2012