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Kultur Die Diva und ihr Chauffeur
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21:46 01.10.2013
Von Stefan Stosch
Nur Bling-Bling oder ein Beweis für echte Liebe? Liberace (Michael Douglas, links) beschenkt seinen Assistenten und Liebhaber Scott (Matt Damon). Quelle: DCM
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Washington

Das hätte fürchterlich schiefgehen können: als Groteske mit Pomp, Plüsch, Putten und Pudeln, schrill und schwül und letztlich leer. Tatsächlich ist Steven Soderberghs Film „Liberace“ trotz Las-Vegas-Glitzerkulisse eine intime Liebesgeschichte, die es in sich hat: Die Besetzung wurde schon bei der Premiere in Cannes als Sensation gefeiert. Michael Douglas, der skrupellose Börsenmakler Gordon Gekko aus „Wall Street“, und Matt Damon, der todbringende Agent aus den „Bourne“-Filmen, sind ein Paar. Zeitweilig sogar ein glückliches, wenn man dieser Interpretation glauben mag.

Douglas spielt Liberace, den begnadeten Klavierklimperer und extravaganten Entertainer, eine Art Vorläufer von Elton John oder Lady Gaga, „Mr. Showmanship“ getauft. Sein Markenzeichen war der goldene Kandelaber mit echten Kerzen auf dem Bühnenklavier. Im weißen Fellmantel mit meterlanger Schleppe galt er in Las Vegas als Star, gern rollte er im Rolls-Royce auf die Bühne. Am Steuer saß sein etwa halb so alter Liebhaber Scott Thorson – und der wird von einem zunächst pausbackigen Damon gespielt, der später in seiner Rolle zum Drogenwrack abmagert.
Beinahe sechs Jahre waren Liberace und Thorson zusammen. Am Ende sprach Liberace von der „Liebe meines Lebens“. Zuvor allerdings hatte er Thorson aus seiner Villa hinausgeworfen, als er einen noch hübscheren, noch jüngeren Mann fand. Erst kurz vor seinem Aidstod 1987 rief Liberace vom Sterbebett aus den Geliebten wieder zu sich. Der arbeitete inzwischen in einem Postbüro und hatte sich halbwegs von der Diva emanzipiert.

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Douglas mit Toupet, dicken Goldringen und im Glitzerfummel, Matt Damon in Chauffeurs-Livree und mit blonder Föhnfrisur: Das ist ein Hingucker. Doch schnell wird klar, dass die Verwandlung ernst gemeint ist. Die beiden Hollywoodstars treten, soweit eben möglich, hinter ihre Figuren zurück – wozu gewiss auch Maskenbildner und digitale Nachbearbeitung ihren Teil beigetragen haben. Der Auftritt von Douglas bleibt sensationell: Sein Liberace lockt und verführt, er flirtet mit seinem Publikum genauso wie mit seinem Geliebten.

Für den 69-jährigen Douglas ist dies die erste Rolle nach seinem Kehlkopfkrebs. Angeboten hatte Soderbergh sie ihm das erste Mal bei den Dreharbeiten zu „Traffic“ (2000) – und dann auf ihn gewartet. Als Douglas im Mai davon in Cannes sprach, stockte seine Stimme.

Soderbergh schaut hinter die schillernde Oberfläche dieser Beziehung. Auf der Bühne präsentiert sich ein altersloser Gockel, zu Hause versteckt sich unter der Perücke ein Glatzkopf. In den Privatgemächern sitzen Liberace und seine Eroberung erst mit Champagner im Whirlpool und haben (eher brav gefilmten) Sex, später hocken sie in Trainingsanzügen gemütlich auf dem Fernsehsofa und mampfen Popcorn.

Die zwei liefern sich Eheschlachten wie andere Paare auch und sind ebenso unglücklich. Mindestens. Denn öffentlich haben sie ihre Liebe nie gemacht. Liberace galt als Frauenschwarm – auch wenn das heute kaum jemand für möglich hält, der alte Aufnahmen des Unterhaltungsgenies sieht. Noch nach Liberaces Tod wird dessen Entourage peinlichst darauf achten, die Homosexualität des Chefs geheim zu halten.

Solche gesellschaftlichen Bezüge interessieren Soderbergh aber nicht – was schade ist. Er bleibt in seinem Kammerspiel im Privaten. Die Liebe zwischen dem Showman und seinem Chauffeur mag tragisch gewesen sein, noch tragischer aber war das Versteckspiel, zu dem sich Liberace gezwungen sah.

Man darf auch durchaus an dieser Liebe zweifeln: Allzu ungleich sind die Machtverhältnisse verteilt. Liberace lässt seinen Loverboy vom Schönheitschirurgen zu einem jüngeren Ebenbild seiner selbst ummodellieren. Und wenn sie sich so richtig fetzen, macht er klar, dass er fürs Luxus-Lotterleben bezahlt. Der echte Thorson hat diese Liebe einmal als Vater-Sohn-Beziehung mit Sex bezeichnet.

„Liberace“ bietet schnelle, gewitzte Unterhaltung – die in den USA im Fernsehen und nicht auf der großen Leinwand zu sehen war. Das Warner-Hollywoodstudio hatte zwar den Stoff entwickelt, machte dann aber einen Rückzieher. Der US-Bezahlsender HBO sprang mit einem 20-Millionen-Budget ein und bestätigte damit Soderberghs Diagnose: Hollywood sei nur noch auf serielle Blockbuster fixiert, ersticke im Vermarktungswahn und begehe kreativen Selbstmord. Kleine, mutige Produktionen hätten kaum noch eine Chance. Das Qualitätsfernsehen biete eine Alternative – HBO hat auch Serien wie „The Sopranos“ oder „The Wire“ erfunden.

Soderbergh, der seine Karriere 1989 mit „Sex, Lügen und Video“ begann und seine Vielseitigkeit mit Filmen wie „Out of Sight“, „Traffic“, „Ocean’s Eleven, „Haywire“ oder „Side Effects“ unter Beweis stellte, will jetzt nicht mehr. Er hat genug von Hollywood und macht weiter Fernsehen. Schade ist das schon.

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