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00:15 29.12.2012
Von Karl-Ludwig Baader
Geldscheine waren zur Zeit der großen Inflation von 1919 bis 1923 kaum mehr Wert als Papier. Ein Liter Milch kostete 26 Milliarden Mark, für Brot mußten die Menschen 105 Milliarden Mark zusammentragen. Quelle: dpa
Hannover

Es geht ein Schreckgespenst um in unserer Öffentlichkeit, die Inflationsgefahr. Kaum etwas unterscheidet die Deutschen von anderen Nationen der EU so sehr wie das Ausmaß dieser Inflationsangst, die eine traumatische historische Erfahrung widerspiegelt. Die Deutschen erlebten und erlitten im 20. Jahrhundert zweimal eine totale Geldentwertung, verbunden mit Massenelend oder der Erfahrung des sozialen Abstiegs des Mittelstandes. Für den Sparer war diese Entwertung eine Enteignung.

Dieses Trauma erschwert es allen, die andere wirtschaftliche Gefahren für viel bedeutender halten, in der deutschen Öffentlichkeit durchzudringen. Warnungen vor Inflation gewinnen leicht eine große Plausibilität, weil sie die ohnehin unterirdisch wabernden Ängste bestätigen.

Zudem sorgt die hierzulande mehrheitlich vertretene Theorie des Monetarismus für die theoretische Fundierung – und sie hat den Vorzug, dass sie auf den ersten Blick auch einleuchtet: Je mehr Geld gedruckt werde, etwa von der Europäischen Zentralbank, je mehr also Geld in die Wirtschaft geschwemmt werde, je größer sei automatisch die Inflationsgefahr, so lautet die Argumentation.

Nicht alle Ökonomen, noch nicht mal alle deutschen, halten diese Argumentation für überzeugend. Sie verweisen darauf, dass es empirisch dafür keine Bestätigung gibt, und führen etwa das Beispiel Japan an. Dort wuchs die Geldmenge seit den neunziger Jahren an, eine Inflation gab es nicht.

Inflationsgespenst verbreitet Schrecken

Das Inflationsgespenst verbreitet deshalb so viel Schrecken, weil den Deutschen die Hyperinflation der Anfangszwanziger vor Augen steht, als das Geld im Laufe des Tages seinen Wert verlor und Friseurbesuche Millionen kosteten. Davon unterschieden werden muss die normale Inflation, die immer mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und der Erhöhung der Kaufkraft einhergeht. Die derzeitige Fixierung auf die Preisstabilität führte zu relativ niedrigen Löhnen und gesunkener Kaufkraft, niedrigen Zinsen, schwachem Wachstum und niedrigen Investitionen und zu hoher Arbeitslosigkeit im gemeinsamen Währungsraum.

Bisher konnte nirgendwo gezeigt werden, dass mit der hierzulande so populären Sparpolitik überhaupt Spareffekte erzielt wurden. Ob nun Spanien, Griechenland oder Großbritannien: Die Austeritätspolitik hat zu einer Spirale nach unten geführt. In einer Rezession gehen die Kaufkraft und die staatlichen Ausgaben genauso zurück wie die Steuereinnahmen. Die Schuldenquote ist überall gestiegen. Die weitere Entwicklung wird zeigen, als was die bei der deutschen Bevölkerung beliebte Bundeskanzlerin in die Geschichte eingehen wird: als „schwäbische Hausfrau“ oder als Milchmädchen.

Da Voraussagen – vor allem solche, die die Zukunft betreffen – äußerst problematisch sind, wenden wir uns der Vergangenheit zu. Und da kann man eine These wagen: Die großen Inflationen von 1922/3 und 1945 waren das Ergebnis vorhergegangener politischer Katastrophen, die Deflation von 1929 und den frühen Dreißigern schuf die politischen und sozialen Voraussetzungen für den rasanten Aufstieg der Nazibewegung, den Verursachern der letzten Totalinflation.

Beide Inflationen waren die Folge von geplatzten Kriegskrediten. Das wilhelminische Reich wollte sie mit den Reparationen des Feindes bezahlen. Es kam, wie wir wissen, anders, das Kaiserreich verlor den Krieg und musste seinerseits auch noch ruinöse Reparationen an Frankreich zahlen. Das konnte die Währung nicht überstehen.

Nur zwei Jahrzehnte später stellten die Nationalsozialisten eine noch monströsere Fehlkalkulation an, die auf wahnhafter Selbstüberschätzung beruhte. Das Deutsche Reich war schon 1939 insolvent, die Gelddruckmaschine finanzierte die Aufrüstung und den Krieg – das zynische Kalkül, die Ausraubung der eroberten Gebiete als Rückzahlungsmodus zu wählen, konnte nicht aufgehen.

Massenelend der Weltwirtschaftskrise

Dass die Nazibewegung überhaupt an die Macht gelangte und die Gelegenheit bekam, um ihre Kriegspläne zu verwirklichen, verdankte sie dem Massenelend der Weltwirtschaftskrise, das durch die Austeritätpolitik des damaligen Reichskanzlers Heinrich Brüning noch wesentlich verschärft wurde. Anders als die Politik des von John Maynard Keynes inspirierte „New Deal“ von US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der mit staatlichen Investitionen Amerika aus der Rezession heraushalf, setzte die deutsche Politik unter Reichskanzler Heinrich Brüning ganz aufs Sparen , was zur Verelendung von Millionen Deutsche führte.

Es kam zu einer politischen Destabilisierung durch den Vertrauensverlust in die Lösungskompetenz der Republik. Und zu einer Hinwendung großer Teile der verängstigten Bevölkerung zu radikalen republikfeindlichen Parteien. Die Verzweiflung machte Millionen reif für falsche Versprechungen. Und die Bereitschaft wuchs, seine Wut auf Sündenböcke zu richten.

So geriet die Demokratie in die Zange von oben und unten. Während die Bürger das Vertrauen in den Staat verloren und sich von demokratischen Parteien abwandten, betrieb die Staatsführung die Aushöhlung des parlamentarischen Systems. Der Reichskanzler konnte mit Hilfe des Paragrafen 48 und des Reichspräsidenten ohne Einmischung des Reichstags regieren. Der autoritäre Ausnahmefall wurde vermittels sogenannter Notverordnungen zur Normalität.

Die Erfahrung, dass Austeritätspolitik die Demokratie gefährden kann, ist merkwürdigerweise in unserer Gesellschaft weit weniger präsent als die Angst vor „der“ Inflation. Dabei hat die derzeitige hauptsächlich von der deutschen Regierung verfolgte Sparpolitik im Währungsraum des Euro vergleichbare Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft: die Schwächung der Wirtschaftskraft, eine hohe Arbeitslosigkeit, ein sinkendes Wirtschaftswachstum.

Noch scheint man in den oberen politischen Etagen zu glauben, dass die Strategie des Bankensozialismus (die Rettung der Banken durch den Steuerzahler) bei gleichzeitiger Ausweitung der Armutszone in allen europäischen Gesellschaften ohne große Probleme für die Legitimität des demokratischen Systems bleibt.

Parallelen zu historischen Ereignissen

Aber schon jetzt mehren sich in vielen Ländern die Anzeichen für eine Destabilisierung der politischen Verhältnisse – die Protestbewegungen in Italien und Spanien werden immer stärker, die ­Jugendarbeitslosigkeit wächst. Das schlimmste Ausmaß hat die Krise in Griechenland erreicht, wo beispielsweise von einem Zusammenbruch der medizinischen Versorgung berichtet wird. Auf der politischen Ebene zeigen sich dort die rüdesten Formen der politischen Radikalisierung – wie der Aufstieg einer rechtsradikalen Gruppierung und die Vergiftung des innenpolitischen Klimas unterstreicht. Und mit den Ausländern werden auch hier die klassischen Sündenböcke ausgeguckt – und die eigene wirtschaftliche Elite, die keine Steuern bezahlt und ihr Geld ins Ausland, zum Beispiel nach Deutschland, schafft, gerät aus dem Blick.

Es gibt noch andere Parallelen zu historischen Ereignissen. Heute werden die nationalen Parlamente geschwächt. Ein von Brüssel aus zentral gelenktes Finanzregime soll nach den Regeln des „Fiskalpakts“ in das Haushaltsrecht der nationalen Parlamente eingreifen und von Brüssel verordnete Sparziele durchsetzen können. Völlig vergessen wird, dass damit das gesamte demokratisch-parlamentarische System in den Augen der Bevölkerung unglaubwürdig wird, dass die Wahlen entwertet und die nationalen Souveräne weitgehend entmachtet werden. So ließe sich ohne parlamentarische Einmischung durchregieren. Alternativlosigkeit (mit ihrer Berufung auf die sogenannte Sachgesetzlichkeit) ist die zentrale Denkfigur der Technokratie.

So mancher wird sich jetzt zu trösten versuchen mit der historischen Erfahrung, dass historische Parallelen bisher wenig besagten und Geschichte sich nicht wiederholte. Anders gesagt: Auf Prognosen, die sich auf historischen Erfahrungen gründen, konnte man sich noch nie verlassen.

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