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Kultur Die CD lebt doch – noch
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22:29 26.12.2011
Deutschland gilt als extrem stabiler CD-Markt.
Deutschland gilt als extrem stabiler CD-Markt. Quelle: HAZ
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Berlin

„Dieses Jahr sieht von den ersten drei Quartalen her sehr ordentlich aus, wir liegen in etwa auf dem Vorjahresniveau“, sagte der Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie, Florian Drücke. Vor allem beim digitalen Vertrieb habe es wieder einen deutlichen Anstieg gegeben. 2010 hatte die Branche ein Minus von 4,6 Prozent verbucht. 2012 wird sich der Markt nach Einschätzung des Verbands „noch mal deutlich verändern“. Der IT-Branchenverband Bitkom und die Verwertungsgesellschaft Gema hatten jüngst die lang erwartete Einigung in Bezug auf die Lizenzierung und Vergütung von Urheberrechten unterzeichnet und damit den Weg für neue Musikdienste im Netz geebnet.

Neue Streaming-Dienste finden nach Einschätzung der Musikindustrie in Deutschland einen aufstrebenden Markt vor. „Deutschland hat einen extrem stabilen CD-Markt, aber auch noch viel Raum für neue Onlineangebote“, sagte Drücke. Zwar gehe er davon aus, dass viele Konsumenten Streaming-Angebote nutzen wollten. „Wir wissen aber auch, dass deutsche Kunden das haptische Erlebnis suchen, also im Wesentlichen die CD, und bei der Internetnutzung oft zaghafter sind als andere europäische Nachbarn.“ So rechnet der Verband trotz neuer Streaming-Angebote damit, dass auch Alben- und Single-Downloads weiter steigen. Ihr Verkauf werde über die Jahre „abschmelzen, aber die CD ist noch nicht tot“.

Der Berliner Musikunternehmer Tim Renner rechnet vor dem Hintergrund des sich vergrößernden Onlinemarktes für Musik mit einer radikalen Reform der Charts. Bei dem Streaming-Dienst Spotify, dessen Markteintritt in Deutschland 2012 erwartet wird, gebe es etwa in Schweden und Frankreich die Musiktitel bereits dann, wenn sie im Radio gespielt würden – und damit bis zu zehn Wochen vor der offiziellen Veröffentlichung, sagte der Chef von Motor Entertainment.

Dies widerspreche der bisherigen deutschen Chartslogik, die darauf basiere, dass der Konsument im Radio einen Song höre, den er zu dem Zeitpunkt aber noch nicht kaufen könne. Renner macht den Erfolg von Streaming-Diensten von ihrer Aktualität und damit der Konkurrenzfähigkeit mit dem illegalen Angebot abhängig. Die große Frage werde 2012 sein, ob sich die Industrie trauen und Musik frühzeitig freigeben werde oder weiter wochenlang Bedarf aufstaue, um das Chartssystem zu wahren, sagte er.

Der frühere Deutschland-Chef von Universal Music prognostiziert eine Reform des deutschen Chartssystems für Ende 2012. Er plädiert dafür, Streams und Downloads vor der Veröffentlichung freizugeben und dann für die erste Chartswoche mitzuzählen. Immer mehr Menschen entdeckten neue Musik nicht mehr durch das Radio, sondern selbst im Internet oder durch Verlinkungen mit Freunden. Die klassischen Charts würden immer weniger interessant „und irgendwann auch obsolet“.

dapd