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Kultur „Er blieb mit dem Herzen in der DDR“
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20:14 15.07.2014
Von Martina Sulner
Undatierte Aufnahme des deutschen Schriftstellers Uwe Johnson. Vor 75 Jahren, am 20. Juli 1934, wurde Johnson im heute polnischen Cammin geboren. Am 23. Februar 1984 starb der Autor in Großbritannien. Quelle: dpa
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Zur Person

Frauke Meyer-Gosau, 1950 in Bremen geboren, lebt als Literaturkritikerin und Autorin in Berlin. Die verantwortliche Redakteurin der „Literaturen“ hat das Buch „Versuch, eine Heimat zu finden. Eine Reise zu Uwe Johnson“ (C. H. Beck, 296 Seiten, 22,95 Euro) geschrieben.

Uwe Johnson, einer der wichtigsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit, wurde am 20. Juli 1934 in Pommern geboren. 1959 erschien sein Roman „Mutmaßungen über Jakob“, 1970 bis 1983 kamen die vierbändigen „Jahrestage“ heraus. Posthum erschien 1985 Johnsons erster Roman „Ingrid Babendererde“. Der Autor starb 1984.

Frau Meyer-Gosau, Sie haben gerade ein Buch über Uwe Johnson geschrieben und bezeichnen es als „Reise“ zu Johnson. Wann hat Ihre literarische Reise zu diesem Autor begonnen?
Die hat so richtig erst mit Johnsons Tod 1984 angefangen. In der Schule haben wir zwar den Roman „Zwei Ansichten“ gelesen, doch den fand ich wahnsinnig langweilig, zu schematisch und blutleer. Auch die Rezensionen zu den „Jahrestagen“ haben mich später wenig begeistert: eine Bankangestellte, die aus der DDR stammt und in New York arbeitet – das hat mich nicht interessiert. Als nach seinem Tod die Nachrufe erschienen, dachte ich allerdings: Jetzt aber noch mal ran! Dann habe ich auf einen Sitz nahezu das gesamte Werk gelesen.

Was hat Sie dann so begeistert?
Mich hat vor allem Johnsons unglaubliche Fähigkeit fasziniert, wie er in den „Jahrestagen“ Geschichte und Gegenwart bündelt und beide mithilfe der Figur Gesine Cresspahl erzählt. Damit hat er ein Verständnis für historische Kontinuitäten geschaffen und für Brüche, die durch historische Ereignisse erzwungenen wurden. Das fand ich überwältigend, zumal Johnson die Geschichte der DDR miterzählt. Das hat mir als Westdeutsche die Augen geöffnet.

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Was schätzen Sie heute besonders an ihm?
Ich bewundere ohne Ende seine Schreibtechnik, in Stimmen zu erzählen – auch in den Stimmen der Toten. Ein wichtiges Figurenarsenal in den „Jahrestagen“ sind ja die Toten, die mit Gesine Cresspahl diskutieren. Noch ein weiterer Aspekt: Johnson hat sich immer als verkannten Humoristen gesehen. Er fand sich unglaublich lustig, und ich kann das nur bestätigen. Es gibt Wendungen in Dialogen oder Kommentaren des Erzählers in den „Jahrestagen“, die viel Ironie zeigen. Das habe ich erst beim Wiederlesen so richtig erkannt.

Lange vor den „Jahrestagen“ erschien der Roman „Mutmaßungen über Jakob“. Das war 1959 eine literarische Sensation in der Bundesrepublik, wo Johnson kurz vorher aus der DDR eingetroffen war. Warum fühlte er sich trotz seines Erfolgs im Westen fremd?
Der wesentliche Grund war, dass er eigentlich die DDR nicht verlassen und dort arbeiten und veröffentlichen wollte. Als er einsehen musste, dass das nicht möglich war, ging er in die Bundesrepublik, blieb aber mit dem Herzen in der DDR.

Er galt lange als „Dichter der beiden Deutschlands“.
Ja, und das hat ihn wahnsinnig gemacht. Aber die Bezeichnung ist doch nicht falsch, denn er hatte das Leben in beiden Teilen Deutschlands im Blick ... Es ist insofern falsch, weil er nicht auf ein Wiedervereinigungsprojekt hingeschrieben hat. Zudem ist es gemessen an seinen Intentionen unrichtig: Sein Lebensthema war der Sozialismus als Lebensform. Er hatte eine Grundsympathie für dieses Gesellschaftsmodell, selbst wenn es sich – auch in seinen Augen – als unrealisierbar herausgestellt hatte. Und er schaute sehr kritisch, was der Westen zu der Zeit anstellte. 

Johnson fühlte sich als ewiger Flüchtling. Glorifiziert er deshalb seine Mecklenburger Heimat so?
Das geht uns mit unseren eigenen Erinnerungen auch nicht anders: Die beglückenden und erfüllenden Erfahrungen bekommen eine ganz andere Leuchtkraft, wenn man als Erwachsener auf sie zurückblickt. Das war bei Johnson womöglich noch übersteigert der Fall, weil er wusste, dass er nach seiner Flucht in den Westen nicht wieder nach Mecklenburg würde zurückkehren können. Er hat diesem Land, in dem sein Kinderland lag, ein Denkmal gesetzt.

Johnson hat in Berlin, in New York und zum Schluss im englischen Sheerness on Sea gelebt. Hat er sich irgendwo zu Hause gefühlt?
Nicht wirklich, aber am wohlsten fühlte er sich offenkundig Ende der sechziger Jahre in New York. Dort hat das Beste vom Westen ihm zu Füßen gelegen, auch in Gestalt seiner Verlegerin Helen Wolff und in Gestalt von Hannah Arendt. Beide haben mütterlich für ihn gesorgt – Arendt in intellektueller Hinsicht, Wolff in materieller. Die Verlegerin sagte mal, dass Johnson wie ein Stiefkind sei, um das man sich kümmern müsse. Das hat sie auch gemacht.

Stiefkind klingt recht verniedlichend für jemanden mit einem – vorsichtig ausgedrückt – ruppigen Sozialverhalten. Er hat sich früher oder später mit jedem zerstritten, oder?
Ja, aber viele Menschen, die sein Herz erreicht haben, beschreiben auch, wie geradezu überfürsorglich er mit ihnen umgegangen ist. Der Lyriker Michael Hamburger hat davon erzählt, und auch Ingeborg Bachmann. Gerade in Johnsons letztem Lebensjahrzehnt hat sein schwerer Alkoholismus allerdings jegliche Sozialbeziehungen schwierig gemacht.

Johnsons Trunksucht ist legendär. Ihr Buch stimmt traurig, weil es auch von der Selbstzerstörung eines großen Autors handelt.
Er war wohl ein Mensch, der sich selbst unter immensen Druck gesetzt und daraus nicht herausgefunden hat. Dass jemand mit solchen literarischen und menschlichen Qualitäten sich nur noch im Schreiben hat verwirklichen können, ist tieftraurig. Alles hat sich im Werk gebündelt, für das Leben selbst war da nicht mehr viel übrig. Er hat sich in das Werk hinein aufgelöst. Das zu sehen tut jemandem, der diesem Lebensweg gefolgt ist, bitter weh.

Interview: Martina Sulner

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