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Kultur Dichter der „Zauberflöte“ starb vor 200 Jahren
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07:25 21.09.2012
Von Stefan Arndt
Foto: Emanuel Schikaneder feierte 1791 mit der „Zauberflöte“ seinen größten Erfolg.
Emanuel Schikaneder feierte 1791 mit der „Zauberflöte“ seinen größten Erfolg. Quelle: Picasa
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Hannover

Schund oder Meisterwerk, das ist hier die Frage: „Die Zauberflöte“, die bekannteste und beliebteste aller Opern, ist eigentlich über jeden Zweifel erhaben - ihren Erfinder, den Schauspieler, Impressario und Dichter Emanuel Schikaneder, aber umgibt der Makel des Billigen und Gemeinen. Schikaneder habe nur auf den kommerziellen Erfolg eines Theaterprojektes geachtet und auf jeden künstlerischen Anspruch verzichtet, so der gängige Vorwurf. Das Urteil über die „Zauberflöte“ steht also lange fest: göttliche Musik mit grottenschlechtem Text. Schon Goethe spielte das Stück gerne an seinem Weimarer Theater nach - allerdings nur mit einem von seinem Schwager Christian Vulpius bearbeiteten Libretto.

Doch nun scheint sich die Meinung über Schikaneder, der an diesem Freitag, 21. September, vor 200 Jahren verarmt und geistig umnachtet in Wien gestorben ist, zu wandeln. Verschiedene Veröffentlichungen zeichnen ein neues, differenziertes Bild des Theatermanns. Eva Gesine Baur etwa erzählt in ihrem Buch „Emanuel Schikaneder: Der Mann für Mozart“ (Beck, 464 Seiten, 24,95 Euro) mit unerhörter Detailfülle aus dem Leben eines Unterschätzten. Sie schildert Schikaneders Aufstieg vom mittellosen Halbwaisen zum gefeierten Prinzipalen. Als „Lyrant“, als fahrender Musikant, sammelt er erste Erfahrungen, bevor er 1773 als 22-Jähriger Mitglied einer Schauspieltruppe wird. Bald wird er Direktor eines eigenen Theaterunternehmens, das bei Gastspielen in Salzburg auch die Familie Mozart zu den begeisterten Besuchern zählt.

Schikaneder und der fünf Jahre jüngere Wolfgang Amadeus verstanden sich offenbar auf Anhieb. Beide verband nicht nur die Leidenschaft fürs Theater, sondern auch für das Bölzelschießen - einer Art Indoor-Bogenschießen, das sich damals großer Beliebtheit erfreute. So überrascht es kaum, dass die „Zauberflöte“ nicht ihr erster Volltreffer war: Schikaneder war es, der den Freund auf den Roman „Die Hochzeit des Figaro“ aufmerksam machte. Er selbst wollte mit einer Bühnenversion seine erste, prestigeträchtige Saison in Wien eröffnen - und ging prompt pleite, als die kaiserliche Zensur die Aufführung untersagte. Mozarts Interesse an dem Stoff aber war geweckt - der Rest ist Musikgeschichte.

Es ist also falsch, wenn man behauptet, die „Zauberflöte“ sei das Produkt einer kurzfristigen, zufälligen Zusammenarbeit. Schikaneder und Mozart waren einander viel näher, als man bislang angenommen hat. Das gilt wohl auch für den Geschmack: Beide hatten Sinn für das Hehre wie für das Derbe. Schließlich reüssierte Schikaneder nicht nur als Gärtner Anton, sondern auch als Hamlet. Seine Truppe spielte Lessing und Shakespeare ebenso selbstverständlich wie die eigenen Volksstücke. Letztere waren bei Schikaneder sehr gut gemacht, wie man an ihrem Erfolg ablesen kann, der bis heute nachklingt: Das Lied „Die Tyroler sand often so lustig und froh“ ist immer noch bekannt, und dass man den eigentümlichen Gesangsstil eben jener „Tyroler“ heute „jodeln“ nennt, geht ebenfalls auf einen Einfall Schikaneders zurück.

„Die Zauberflöte“ war von Beginn an ein großer Erfolg, was auch an ihrer populären Thematik lag. Ob die ägyptisch dekorierte Geschichte eines Prinzen auf dem Weg zu höherer Erkenntnis nur der damaligen Freimaurermode folgte oder selbst eine höhere Botschaft verkündet, ist bis heute umstritten. Während Eva Gesine Baur in ihrer Biografie auf viele tatsächliche oder literarische Vorbilder der Figuren und Motive verweist, sieht der Altägyptologe Jan Assmann in seinem lesenwerten „literarischen Opernbegleiter“ (Manesse, 448 Seiten, 19,95 Euro) eine sorgfältig konzipierte „opera duplex“, die unter der volkstümlichen Fassade ein inneres Mysterium verbirgt, das nach ägyptischem Vorbild die „drei Schritte zur Einweihung“ nachvollziehen lässt. Assmann vermutet auch schon im Libretto eine Gruppenarbeit: Schikaneder war der Mann für das Äußerliche, Mozart hat für die Mysterien gesorgt.

Tatsächlich konnte Schikaneder nach Mozarts Tod 1791 nicht mehr an den Erfolg der „Zauberflöte“ anknüpfen. Das Ansehen seiner Truppe sank mit den Jahren. Schikaneder musste nicht nur das von ihm erbaute Theater an der Wien verkaufen, sondern auch sein Schloss am Stadtrand, das ohnehin von napoleonischen Truppen geplündert worden war. Als er am 21. September 1812 starb, waren seine zwischenzeitlich beträchtlichen Vorräte an Geld und Ruhm erschöpft. Der Mann, dem die Massen zugejubelt hatten, wurde in einem Massengrab bestattet. Genau wie sein Freund Mozart.

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