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Kultur Der schönste Freak von allen
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22:21 09.10.2009
Von Karsten Röhrbein
Stimmgewaltig: Mika.
Stimmgewaltig: Mika. Quelle: Handout
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Michael Holbrook Penniman kennt seine Qualitäten. Sein neues Album, das zweite, das er unter dem Künstlernamen Mika veröffentlicht hat, rotiert noch keine Minute im CD-Player, da schraubt er seine Stimme so unvermittelt in die Höhe, dass es in den Ohren schmerzt, wenn man zu laut aufgedreht hat. So hemmungslos, wie er bei „We Are Golden“ dem Falsettgesang frönt, schlägt er auch wieder sein Piano an und setzt seinen Backgroundchor in Szene.

Alles, so scheint es, ist wie 2007, als Mika mit seinen überkandidelten Popsongs schlagartig bekannt wurde: Mit fast kindlicher Lust an Pop und Pomp schreckte Mika weder vor Streichersentiment, kitschigen Bläsern und Gitarrentremolo zurück, bediente sich bei Queen, Elton John und George Michael. Diese zuckerwatteweiche (und manchmal ebenso klebrige) Mischung machte Mika aus dem Stand zum Popstar: Allein die Single „Grace Kelly“ verkaufte sich damals drei Millionen Mal, stolze fünf Millionen Mal gar das Debütalbum „Life In Cartoon Motion“.

Auch das neue Album „The Boy Who Knew Too Much“ strotzt zu Beginn wieder vor Gute-Laune-Melodien, die einem schon beim ersten Hören seltsam vertraut vorkommen: Die stoisch wummernden Synthesizer bei „Rain“ etwa erinnern verdächtig an New Orders ­„Bizarre Love Triangle“.

Dennoch offenbart Mika bei Pianoballaden wie „I See You“ und „By The Time“ eine neue, verletzliche Seite. Auf die Kopfstimme mag der 26-Jährige dabei zwar nicht verzichten, gibt sich aber ansonsten erkennbar Mühe zu signalisieren, dass er mehr kann als kunterbunten Kindergeburtstagskitsch.

Stärker als noch beim Debüt sind die Songtexte durchsetzt von Fragmenten aus Mikas Biografie: Als Sohn eines US-Amerikaners und einer Libanesin in Beirut geboren, zog er mit Mutter und Geschwistern erst nach Paris, später weiter nach London.

Von den Mitschülern gemobbt, suchte der entwurzelte Mika Zuflucht in seiner ganz eigenen musikalischen Welt – was er unter anderem in der Single ,„We Are Golden“ aufgreift. „Mit 18 Jahren habe ich mich wie ein Freak gefühlt“, sagte Mika kürzlich im Gespräch mit dem „Musikexpress“. Beim Songschreiben habe er dann einen Entschluss gefasst: „Wenn ich schon ein Freak bin, dann werde ich zumindest der schönste Freak von allen.“

So erklärt sich nicht nur Mikas eigenwilliger Eklektizismus beim Rückgriff auf die Popmusikhistorie, sondern auch die reizvolle Diskrepanz zwischen fröhlichen Melodien und subtilen Wendungen in den Songtexten. „Die Texte repräsentieren den Schrecken, die Musik den Schutz“, sagt Mika, der mit „The Boy Who Knew Too Much“ ein überraschend reifes Popalbum abliefert.

Das Mika-Album „The Boy Who Knew Too Much“ ist bei Island (Universal) erschienen.

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