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Kultur Der letzte Elvis auf großer Tournee
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20:00 23.05.2012
Bruce Springsteen lässt es bei seiner Tournee richtig krachen. In Deutschland macht er in Frankfurt, Berlin und Köln halt. Quelle: Reuters
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Hannover

Darum gehen die Leute auf die Barrikaden und blockieren die Bankenviertel in New York und Frankfurt: „The banker man grows fat, working man grows thin.“ So formuliert es Bruce Springsteen - griffig und publikumswirksam. Es könnten auch Worte des großen amerikanischen Protestsängers Woody Guthrie sein. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Es wird richtig abgezockt.

Darum gehen die Leute zu einer Springsteen-Show: Weil er und seine E Street Band drei Stunden und zehn Minuten lang alles geben. Die 73,30 Euro für ein Innenraum-Ticket sind gut angelegt, und zwar in Euphorie. Es wird richtig abgerockt.

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Barcelona brennt für „El Boss“. Springsteen tritt dort an zwei Abenden nacheinander im Olympiastadion am Montjuïc, am Jupiterberg, auf.

Vor einem Jahr, am 15. Mai, begannen auch in Spanien die Proteste gegen die Profitgier und die Exzesse an den Finanzmärkten. „Movimiento 15M“ heißt die Bewegung, die sich für soziale Gerechtigkeit und mehr Demokratie stark macht, so wie Occupy Wall Street in den USA. Die Arbeitslosigkeit in Spanien liegt bei 24,4 Prozent. Besonders betroffen sind die jungen Leute, Spaniens verlorene Generation. Manch einer macht sich sogar auf den Weg ins anscheinend krisenresistente Deutschland, auf der Suche nach einer Perspektive.

Auch die Protagonisten auf Springsteens aktuellem Album „Wrecking Ball“ sind auf Jobsuche. Sie sind deprimiert, nach jahrelanger Rezession aber zu erschöpft, um noch zu flüchten. Das unterscheidet die neuen Songs von Springsteens Hymnen des Aufbruchs wie „Born to run“ oder „Badlands“. Der Highway führte bei ihm schon immer durch Klapperschlangen-Gebiet, nur inzwischen wirkt das Gift der Resignation.

Springsteen verabreicht Gegengift. Er beginnt mit dem prächtigen „Night“. In dem Song nahm er 1975 das erste Mal die Rolle eines einfachen Arbeiters ein. Die Arbeit ist mies, nur in der Nacht findet der Mann Erlösung. Dann „Spirit in the Night“ von 1973. Eine Gruppe von Teenagern trifft sich zu einer nächtlichen Sause am See.

Die Charaktere vom Greasy Lake tauchen in späteren Songs immer wieder auf. Sie werden erwachsen, manche verlieben sich unsterblich, manche werden zurückgewiesen oder haben das Gefühl, ein gestohlenes Auto zu steuern, weil alles falsch läuft. Andere kommen im Treppenhaus des World Trade Centers um oder fallen im Irak. Und jetzt erleben einige, wie ihre mit faulen Krediten finanzierten Häuser von den Banken zwangsenteignet werden.

Anders als etwa die englische Band Radiohead, die im Schmerz dauerduscht, schmeißt Springsteen trotz allem eine Party: „Dancing in the Dark“. Der 62-Jährige tanzt wie damals im Musikvideo mit der Schauspielerin Courteney Cox. Man kann das, wie mancher Kritiker, als „Dur-Optimismus“ abtun. Doch welcher andere Künstler schafft es sonst noch, dass die anderen 50.000 im Stadion mittanzen?

Sieben der 28 Songs sind von „Wrecking Ball“, Springsteens Abrechnung mit dem Amerika der Abzocker. Es ist sein zehntes Nummer-eins-Album in den USA. Damit hat er mit Elvis gleichgezogen. Nur noch die Beatles (19) und der Rapper Jay-Z (12) liegen vor ihm. Und noch eins verbindet Springsteen mit seinem Vorbild Elvis. Nein, nicht die Amphetamine und Armen Ritter, die dieser in sich hineingestopft hat; man kann auch nicht behaupten, dass Springsteen ein Sexsymbol ist. Aber er ist ein Entertainer mit Elvis-Qualität, wahrscheinlich der letzte. Einer, der alle in einer Arena zu Tränen rühren oder von den Sitzen reißen kann.

Die umformierte, jetzt 16-köpfige Band hat sowohl den Folk von Springsteens „Seeger Sessions“ drauf als auch den typischen E-Street-Sound. Manchmal legt sie nur auf sein Handzeichen den richtigen Gang ein. Es genügt, dass er sich umdreht und mit zwei Fingern auf die Brust tippt, und schon geht’s los mit „Two Hearts“. Klar, dass das lässig rüberkommt; auch die Inszenierung ist perfekt.

Eine bange Frage beschäftigte viele Fans vor der Tournee: Wie verkraftet die Band den Tod von Clarence Clemens? Springsteens Saxofonist und Blutsbruder starb vor einem Jahr an den Folgen eines Schlaganfalls. Seine Soli, häufig so erhebend wie ein langer Kuss, waren stilprägend für den Sound.

Springsteen ersetzt den Einzigartigen durch zwei Saxofonisten: Ed Manion gehört wie er selbst der Szene von Asbury Park an, dem Küstenort in New Jersey, wo Springsteens Karriere begann. Und Jake Clemons ist Clarence’ Neffe. Er spielt die wichtigen Soli, bei „The Promised Land“ und „Bobby Jean“, und er nagelt sie wie sein Onkel passgenau in die Songs.

Bei „Tenth Avenue Freeze-Out“ gedenken die Musiker dem toten Freund. Nach der Zeile „And the Big Man joined the band“ stoppt Springsteen den Song. Kurze Stille. Dann setzt respektvoller, minutenlanger Applaus ein, ehe sie das Lied zu Ende bringen. Das ist schlicht, überhaupt nicht pathetisch und deshalb gut.

Die dunkle Ballade „Racing in the Street“, selten gespielt, wird zur Andacht. Die große Liebe ist verwelkt: Während sie sich in den Schlaf weint, erledigt er den Abwasch. Und alles wäre längst aus, wenn es nicht die Nacht gäbe, in die die beiden immer wieder flüchten. Die Koda des Songs - nur Rimshots, Orgel und Piano - dauert Minuten. Weder Springsteen noch das Publikum noch das desillusionierte Paar können sich trennen.

Eigentlich ist es nur eine doofe Wolke, die aus Richtung Jupiterberg über das Stadion hinweg zieht. Und man weiß, gleich nach Konzertschluss setzt der wenig magische Run auf die Taxis ein. Aber in diesem minutenlangen, orange beleuchteten Moment scheint es, als nehme diese eine Wolke alle Sorgen einfach mit. Springsteens Strategie ist aufgegangen.

Die Shows in Frankfurt, Berlin und Köln sind ausverkauft.

Matthias Begalke

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