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Kultur Der Zeichengeber ist tot
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07:40 14.07.2014
Von Stefan Arndt
Mit Übersicht und Präzision: Lorin Maazel.Foto: Archiv Quelle: Chris Lee
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Hannover

Das Problem eines jeden Dirigenten: Man hört ihn nicht. Jeder andere Musiker erzeugt Klänge; einzig ein Kapellmeister muss zeigen, was andere zum Klingen bringen sollen. Er ist ein Musikdarsteller, der Dirigentenstab sein stummes Instrument. Nun ist einer der größten Virtuosen des Taktstocks gestorben: Der amerikanische Dirigent Lorin Maazel, dessen elegante, phantasievolle und präzise Schlagtechnik Vorbild für Generationen von Orchesterleitern war, ist am Sonntag im Alter von 84 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.

Erst im Juni hatte der 1930 in Paris geborene Dirigent sein letztes Engagement als Chef eines großen Orchesters aufgeben müssen. Aus gesundheitlichen Gründen legte er sein Amt bei den Münchener Philharmonikern nach nur zwei Jahren nieder. In der kommenden Saison hätte er dort noch 44 Konzerte leiten sollen.

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Deutschland hat in der Karriere des polyglotten Dirigenten (er sprach sieben Sprachen fließend) oft eine zentrale Rolle gespielt. In Berlin konnte der als dirigierendes Wunderkind bekannt gewordene Amerikaner auch als Erwachsener ein breites Publikum überzeugen. Als Leiter des damaligen Radio-Sinfonie-Orchesters und bald darauf zusätzlich als Chefdirigent der Deutschen Oper wurde er in der Stadt ab Mitte der sechziger Jahre der große Dirigent neben Herbert von Karajan. Der förderte den jungen Kollegen und sorgte für Engagements bei den Salzburger Festspielen und an der Wiener Staatsoper. In Bayreuth war Maazel ohnehin schon in den fünfziger Jahren bei den Wagner-Festspielen aufgetreten.

In Berlin erlebte der Dirigent allerdings auch eine seiner wenigen großen Niederlagen: Als die Philharmoniker Claudio Abbado zum Nachfolger von Herbert von Karajan wählten, reagierte Maazel, der fest mit einer Anfrage gerechnet hatte, beleidigt und sagte für Jahre alle Termine mit dem Orchester ab. Nötig hatte Maazel das prestigeträchtigen Engagement sicher nicht. Längst war er zu einem der Pultstars des Klassikgeschäfts aufgestiegen. Er war Chef in Paris, London, Cleveland, Wien und Pittsburgh und auch auf dem Schallplattenmarkt sehr präsent - mehr als 300 Aufnahmen hat der Dirigent im Laufe seiner 70-jährigen Karriere eingespielt.

Nachdem sein Traum von der Karajan-Nachfolge geplatzt war, widmete Maazel sich verstärkt einem anderen Talent: dem Komponieren. Auf seine Programme setzte er trotzdem nur selten eigene Werke - seine Stücke seinen „zu persönlich“, um sie selbst zu dirigieren, sagte er. Das taten aber bald andere: Die „Monaco Fanfares“ und die „Music for Violoncello“ haben schon den Weg ins Repertoire gefunden.

Vor allem als Dirigent blieb Maazel bis zuletzt hoch respektiert, aber nicht unbedingt geliebt. Der Wille zur Perfektion selbst bei hochemotionalen Werken konnte manchmal unterkühlt wirken. Gleichgültig ließen Maazels Konzerte die Hörer aber nie. Stets fand er in seinen Interpretationen einen außergewöhnlichen Moment, einen besonderen Klang, den eben nur er mit seiner aberwitzigen Schlagtechnik hervorrufen konnte.

Erklärung für diese besondere Begabung zur Zeichengebung gibt es viele: Maazel hat früh mit dem Dirigieren begonnen und später als versierter Geiger wichtige Erfahrungen im Orchester und Streichquartett gesammelt. Der wichtigste Grund lässt sich aber wohl nicht an mögliche Nachfolger weitergeben: „Zum Dirigieren braucht man vor allem eine spezifische Begabung“, sagte Maazel vor seinem letzten Auftritt mit den Münchener Philharmonikern 2011 im hannoverschen Kuppelsaal. Dirigent sei nun mal ein ganz anderer Beruf als Pianist oder Geiger. Man hört ihn nicht. Man sieht ihn nur. Und Ausdruck in Klang verwandeln konnte kaum jemand besser als Lorin Maazel.

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