Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Der Sieger der Berlinale heißt: Osteuropa
Mehr Welt Kultur Der Sieger der Berlinale heißt: Osteuropa
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:11 05.02.2015
Von Stefan Stosch
Das ist meiner: Die chilenische Schauspielerin Paulina Garcia reckt noch beim Verlassen der Preisverleihung am Potsdamer Platz stolz den Silbernen Bären in die Höhe. Quelle: dpa
Berlin

Einen Gewinner gibt es bei der 63. Berlinale – und das ist das osteuropäische Kino. Zumindest in diesem Punkt ist das Konzept dieses heftig kritisierten Festivals aufgegangen. Die siebenköpfige Jury hat just jene Beiträge herausgepickt, die uns etwas über unsere ungerechte Welt erzählen. Doch lässt sich diesen Filmen nicht einfach ein politisches Etikett aufkleben, sie bieten fesselnde Geschichten.

„Child’s Pose“ etwa, dessen Regisseur Calin Peter Netzer den Goldenen Bären gewann, konfrontiert uns mit der rumänischen Oberschicht am Beispiel einer besitzergreifenden Mutter. Auf die Sympathie des Zuschauers darf diese Neureiche kaum hoffen, die ihren Sohn von einer tödlichen Unfallschuld freikaufen möchte –und doch folgen wir der Frau gespannt. Der Regisseur verbannt alles Versöhnlich-Klebrige aus seinem Film, und gerade das machte die Qualität aus.

Ebenso galt das für „An Episode in the Life of an Iron Picker“, Gewinner des Großen Jury-Preises. Der bosnische Regisseur Danis Tanovic erzählt, wie die nicht krankenversicherte Mutter eine Roma-Familie beinahe stirbt, weil die Ärzte sie nicht operieren wollen. Tanovic, Oscar-Sieger mit „No Man’s Land“ (2001), bringt uns zugleich den mühseligen Alltag der Familie nahe: wie der Ehemann, ein Schrottsammler, allein mit Hammer und Händen Autokarosserien zerlegt, wie das Ehepaar mit den beiden Kindern in einem einzigen Zimmer lebt, wie mal wieder die Stromversorgung gekappt wird. Ihr Leid nimmt die Familie ohne Klage hin, sie macht einfach weiter.

Der besondere Coup des Films: Die Familie spielt ihre eigene Geschichte nach, ursprünglich wollte der Regisseur eine Dokumentation drehen. „Manchmal können gute Dinge aus Zorn heraus entstehen“, sagte Tanovic. Der Darstellerpreis an Familienvater Nazif Mujic verursacht trotzdem Unbehagen: Der ein oder andere preiswürdige Profi hätte sich schon gefunden, etwa Andrzej Chyra als schwuler Pfarrer in dem polnischen Film „In the Name of“. Unstrittig dagegen die Auszeichnung für die Chilenin Paulina García, die in „Gloria“ mit viel Schwung eben jene Titelfigur verkörpert, die sich nicht vom Alter und schon gar nicht von Männern kleinkriegen lässt.

Dem Drehbuchpreis für den vom iranischen Regime verfolgten Regisseur Jafar Panahi haftet zweifellos eine politische Note an. Doch lässt sich die Entscheidung für „Geschlossener Vorhang“ auch künstlerisch nachvollziehen. In diesem speziellen Fall ist das eine eben nicht vom anderen zu trennen. Das ließ sich auch aus den Dankesworten von Koregisseur Kamboziya Partovi herauslesen, der stellvertretend für Panahi den Bären entgegennahm: „Ich habe den Traum, dass jeder Künstler und jeder Denker, getragen von einem Gefühl der Sicherheit in seinem eigenen Land, sich seinen Gedanken widmen kann im Dienste des Friedens und der Menschlichkeit.“

Die übrigen Preise hat die Jury um Präsident Wong Kar-Wai möglichst gerecht über das Weltkino verteilt und dabei besonderen Sinn fürs Skurrile bewiesen. „Vic + Flo saw a Bear“ des Kanadiers Denis Côté, gewürdigt mit dem Alfred- Bauer-Preis, bot die absonderliche Story eines lesbischen Pärchen, das von seiner kriminellen Vergangenheit eingeholt wird. Auch der Regiepreis für David Gordon Green und seine beiden Straßenarbeiter tief in den texanischen Wäldern lässt sich nachvollziehen: Bei der Komödie „Prince Avalanche“ handelte sich um den erfrischendsten unter den insgesamt enttäuschenden US-Beiträgen.

Und die Deutschen? Die gingen leer aus, sieht man von der Lobenden Erwähnung für den Südafrika-Thriller „Layla Fourie“ der Wahl-Berlinerin Pia Marais aus. Mehr war für einheimische Filme tatsächlich nicht zu holen. So durfte man sich zumindest an der Begeisterung von Juror Andreas Dresen freuen, mit der er der Chilenin García ihren Silbernen Bären in die Hand drückte.

Mehr zum Thema

Momentaufnahmen eines Festivals: Ein Rückblick auf die 63. Berlinale, bei der am Abend die Preise vergeben werden.

Stefan Stosch 18.02.2013

Stars gibt es bei der Berlinale nie genug: Anne Hathaway weint in "Les Misérables" echte Tränen, Til Schweiger freut sich über sein Festival-Debüt und Amanda Seyfried wird für ihre Rolle als Pornodarstellerin gefeiert. Ein Star liegt aber krank im Bett.

10.02.2013
Kultur Internationale Filmfestspiele - Til Schweiger gibt sein Berlinale-Debüt

Nach mehr als zwei Jahrzehnten Karriere ist Til Schweiger erstmals in einem Film auf der Berlinale zu sehen. „Es fühlt sich einfach gut an, hier zu sein“, sagte er am Sonnabend mit breitem Lächeln vor der internationalen Presse. Schweiger spielt in der Farce „The Necessary Death Of Charlie Countryman“ von Fredrik Bond einen brutalen Gangster.

12.02.2013

John Cale in Hannover: Warum man sich den Helden der Gegenkultur nicht entgehen lassen sollte.

19.02.2013

Spannung vor der Verleihung der Bären: Wer macht das Rennen bei der Berlinale? Vor dem Finale des Filmfestivals gab es noch einmal Stars und Blitzlicht.

16.02.2013

Momentaufnahmen eines Festivals: Ein Rückblick auf die 63. Berlinale, bei der am Abend die Preise vergeben werden.

Stefan Stosch 18.02.2013