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Kultur Der Meister der zeitgenössischen Musik
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19:00 28.10.2012
Von Jutta Rinas
Der Klassiker: Hans Werner Henze im September bei einer Premiere seiner Oper „Wir erreichen den Fluss – We come to the river“ in der Semperoper in Dresden. Quelle: dpa
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Hannover

Noch am 13. September dieses Jahres war Hans Werner Henze auf einem der prächtigen, gold verzierten Balkone in der Dresdener Semperoper zu sehen. Fast schon aristokratisch wirkte er an jenem Abend, wie so oft, in seinem eleganten schwarzen Anzug und der roten Fliege, während er der Aufführung seiner 36 Jahre alten Antikriegsoper „Wir erreichen den Fluss - We come to the river“ lauschte. Die Uraufführung eines Balletstücks von Helen Pickett mit seiner Musik an demselben Ort erlebte er nicht mehr.

Wenige Stunden bevor sich am vergangenen Sonnabend in der Semperoper erneut der Vorhang für ein Stück mit seiner Musik hob, starb der 86-Jährige an den Folgen seiner Parkinson-Erkrankung in einem Dresdener Krankenhaus: in Deutschland also, jenem Land, das er mit 27 Jahren fluchtartig verlassen hatte, weil ihm die geballte Kritik der Neue-Musik-Avantgarde das Leben als Komponist unerträglich gemacht hatte.

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Wie kreativ der alte Mann mit dem markanten Kahlkopf - neben Stockhausen der größte deutsche Komponist seit 1945 - bis zuletzt war, zeigt unter anderem, dass noch vor einer Woche in der Deutschen Oper Berlin ein Werk von ihm uraufgeführt wurde. Henze schuf im Lauf seines Leben ein gewaltiges Werk mit mehr als 130 Kompositionen, darunter mehr als 20 (!) Opern (Puccini schaffte nur zwölf). Auch mit seiner zehnten Symphonie durchbrach er eine musikalische Schallmauer. Beethoven, Bruckner und Mahler hatten nur neun Werke dieser Art geschrieben.

Woher er in hohem Alter noch die Kraft nehme, Werk auf Werk zu komponieren, wurde Henze 2010 gefragt, als bekannt wurde, dass er für die Ruhrtriennale ein neues Stück in Arbeit hat. „Todesangst“, antwortete er mit dem für ihn so typischen trockenen Humor. Henzes letzte große Werke, seine an der Berliner Staatsoper uraufgeführte Kammeroper „Phaedra“ oder die bei den Salzburger Festspielen uraufgeführte „L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe“ wurden vom Publikum und von der Kritik gefeiert.

Das war nach den von Skandalen begleiteten Anfängen seiner Karriere in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Henze wird am 1. Juli 1926 in Gütersloh geboren, als Sohn eines autoritären Dorfschulmeisters und Nazis, der dem jugendlichen Henze, als dessen homosexuelle Neigungen deutlich werden, entgegenschleudert, so etwas wie er gehöre ins KZ. Henze muss zum Militärdienst, erlebt im letzten Kriegsjahr als Militärfunker den Terror des Krieges mit. Als er in der Nähe von Esbjerg endlich von der Kapitulation erfährt, soll er dem Sohn eines dänischen Pfarrers sein Gewehr geschenkt haben: so froh ist er, dass alles vorbei ist. Henze studiert an der Staatsmusikschule in Braunschweig Klavier und Schlagzeug, ehe er Kompositionsschüler von Wolfgang Fortner wird. Nach anfänglichen Erfolgen erlebt er den ersten Skandal nach der Uraufführung seiner Oper „Boulevard Solitude“ in Hannover. Bei der Premiere 1952 in einer Inszenierung mit dem damals noch völlig unbekannten Bühnenbildner Jean-Pierre Ponnelle kommt er noch glimpflich davon. Natürlich hätten auch die Buhrufe nicht gefehlt, wird er von seinem Biographen Jens Rosteck in „Rosen und Revolutionen“ zitiert. Aber er habe „total glücklich“ die Ovationen der einen Publikumshälfte entgegengenommen und versucht, die Vehemenz der Ablehnung der anderen zu ignorieren. Er habe ja nicht wissen können, dass die „paar hannoverschen Protestrufe ein harmloses Vorspiel zu weiteren Schlachtszenen“ gewesen seien. Ein überregionaler Kritiker beklagt damals schon den „Verrat an der deutschen Musik“. Bei einer weiteren Aufführung von „Boulevard Solitude“ 1953 in Rom kommt es zu tumultartigen Szenen: „Geh nach Hause“ ist noch das harmloseste, was dem jungen Komponisten entgegenschlägt.

Immer wieder, besonders heftig bei der Uraufführung seiner Oper „König Hirsch“ 1956 an der Deutschen Oper Berlin, muss Henze die Ablehnung seiner Werke erleben. Heute undenkbar: der Dirigent der Uraufführung, Hermann Scherchen, kürzt die gewaltige Partitur eigenmächtig, streicht vor allem die im vom strengen Serialismus geprägten Nachkriegsdeutschland geächteten Arien. 25 Minuten nach dem Schlussvorhang bekriegen sich Befürworter und Gegner des Werkes verbal immer noch. 1957, bei einer Uraufführung in Donaueschingen, verlassen die drei Granden der Neuen Musik, Stockhausen, Boulez und Nono, demonstrativ den Saal. Henze hält sich nicht an die Dogmen der von dem Philosophen Theodor W. Adorno geprägten Avantgarde. Er greift auf alte, musikalische Formen zurück, schreibt eine manchmal von der Zwölftontechnik inspirierte, aber immer sinnliche, ausdrucksstarke, wohlklingende Musik. Auch als er längst ein international geachteter Komponist ist, schlägt dem in Italien lebenden Kommunisten in Deutschland noch heftiger Widerstand entgegen. 1968 in Hamburg weigert sich der Chor bei der Uraufführung des Che Guevara gewidmeten Oratoriums „Das Floß der Medusa“ unter einer roten Fahne aufzutreten. Nach einem Polizeieinsatz wird das Konzert abgesagt. Mit Werken wie „Der junge Lord“, den „Bassariden“ oder auch seiner neunten Sinfonie schreibt Henze dennoch Musikgeschichte. Er ist schon zu Lebzeiten ein Klassiker geworden.

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