Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Der Genosse mit den lackierten Fingernägeln
Mehr Welt Kultur Der Genosse mit den lackierten Fingernägeln
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:04 08.01.2010
Anzeige

Als der selbsternannte Arbeiter- und Bauernstaat dann zusammenbrach und mit der Bundesrepublik vereint wurde, ging es auch mit dem Dichter bald zu Ende. Schernikau starb am 20. Oktober 1991 an Aids – 31 Jahre jung.

Im zwanzigsten Jahr nach dem Mauerfall hat ein Berliner Freund „das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau“ nachgezeichnet. „Der letzte Kommunist“, lautet der Titel der stark subjektiv gefärbten Biografie von Matthias Frings. Das Echo ist grandios, viele Lesungen sind überfüllt – besonders im Osten Deutschlands. Das Buch leuchtet zwar auch das Graue und Spießbürgerliche der DDR aus, ist aber offenbar Balsam für die Seele vieler Ostdeutscher, die sich nicht damit abfinden wollen, dass alles schlecht gewesen sein soll, was ihrem Leben einst Halt gegeben hat. „Das Leben von 16 Millionen lässt sich nicht auf den Begriff Unrechtsstaat reduzieren“, sagt Frings. Und der Fall Schernikau beweist, dass der SED-Staat nicht nur Betonköpfen eine Heimat bot, sondern auch Querdenkern und Individualisten. Der Autor nämlich hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er schwul war. Schrill und schillernd sowieso.

Anzeige

Die Begeisterung der DDR-Oberen über die Sympathiebekundungen des Westdeutschen, der 1966 mit seiner Mutter im Kofferraum eines Diplomatenwagens von Magdeburg nach Lehrte bei Hannover geflohen war, hielt sich in Grenzen. Das Buch „die tage in l.“, in dem Schernikau die Erfahrungen seines Leipzig-Studiums von 1986 bis 1989 verarbeitet, durfte jedenfalls nicht in der DDR erscheinen – obwohl der Verfasser prominente Fürsprecher wie Peter Hacks hatte. „Es ist eine Liebeserklärung, natürlich“, sinnierte der Verfasser laut Frings. „Aber die DDR tut sich wohl schwer damit, gelobt zu werden.“

Zum einen verstörte vermutlich, dass der Autor bei all seiner Loyalität Mauer und Spitzelsystem beim Namen nannte, zum andern ist es aber vor allem der avantgardistische Stil, der die DDR-Verlage abschreckte. Der in konsequenter Kleinschreibung abgefasste Text bricht mit dem traditionellen Erzählschema und spielt mit Sprache, anstatt in allgemeinverständlicher Form die Werte des sozialistischen Realismus zu vermitteln.

Zu seinem Stil fand Schernikau schon als Schüler – und zwar mit Erfolg. Seine „Kleinstadtnovelle“, die er bereits vor dem Abitur im Rotbuch-Verlag veröffentlichte, ließ Literaturkritiker schwärmen. Schernikau schildert in dem nur 85 Seiten dünnen Bändchen sein Coming-Out als Schwuler am Gymnasium Lehrte. „Jede Regung selbständigen Gefühls wird erstickt von cholerischen Lehrern“, heißt es darin. „Da braucht nur ein Großkotz mit Peitsche zu rufen: allez!, schnippen und alles springt für Noten und Punkte durch brennende Reifen.“

Vier Wochen vor dem Abitur ging der Jungdichte durchs Klassenzimmer und legte jedem ein Exemplar aufs Pult. „Natürlich hat er sein Personal verfremdet, aber jeder erkennt sich problemlos wieder“, schreibt Biograf Frings. „Die Lehrer lesen es alle, jeder guckt nach, ob er gut wegkommt.“ Bei den Mitschülern war das Echo offenbar geteilt: Die Mädchen zeigten sich angeblich begeistert, die Jungen uninteressiert.

„Das hat damals viel Staub aufgewirbelt“, sagt Schernikaus frühere Mathelehrerin Sigrid Pitzel. „Wir haben uns alle wiedererkannt.“ Schernikaus Mutter, die heute wieder in Magdeburg lebt, erinnert sich aber auch an Missverständnisse. „War ich denn so schlimm, Herr Schernikau“, habe ein Lehrer gefragt. Darauf Ronald: „Aber Sie kommen doch gar nicht vor.“ Zuerst habe sie Angst gehabt, dass man ihren Sohn zur Strafe durchs Abitur rasseln lasse, sagt Ellen Schernikau. Aber diese Befürchtung habe sich nicht bestätigt. Eine Lehrerin habe Ronald sogar ermutigt, sich die Fingernägel zu lackieren. Ob sie selbst Probleme mit dem Schwulsein ihres Sohnes hatte? „Nein, das war für mich ganz natürlich. Meine einzige Sorge war, dass er es nicht leicht haben wird im Leben“, sagt die frühere Krankenschwester.

Schernikau wuchs bei seiner Mutter im Schwesternwohnheim in Lehrte auf. Schon mit 16 engagierte er sich in der DKP und wurde als Schüler in den Vorstand der DKP Ortsgruppe Hannover-Döhren gewählt. „Er war kein normaler Sechzehnjähriger, er war sehr interessiert und belesen“, erinnert sich der damalige Genosse Karl-Heinz Kühl. „Wir haben vor allem über Literatur gesprochen – weniger über die Werke von Marx und Engels.“ Dass der exotische Genosse mit den langen Haaren und lackierten Fingernägeln schwul war, sei bekannt, aber nie Thema gewesen, sagt der Elektriker. „Er war akzeptiert.“

Seine Mutter begleitete ihn oft zu den DKP-Treffen, durfte aber selbst wegen ihrer Republikflucht im Jahre 1966 nicht Mitglied werden. Dabei habe sie die DDR nicht aus politischen Gründen verlassen, betont die Rentnerin, sondern um zu Ronalds Vater zu ziehen. Aber aus dem erhofften Zusammenleben wurde nichts: „Es stellte sich heraus, dass er verheiratet war und schon eine Familie hatte.“

Während der letzten anderthalb Jahre seiner Lehrter Schulzeit lebte Schernikau in einer Wohngemeinschaft in Hannover, nach dem Abitur siedelte er nach Berlin über, schloss sich der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW) an, studierte Germanistik, trat auf als Tuntendiva und arbeitete mit dem Ensemble „ladies neid“. Gleichzeitig schrieb er weiter. Doch der Erfolg blieb aus. So veröffentlichte er 1981 „die heftige variante des lockerseins“ im Selbstverlag. Erfüllt von dem Bestreben, berühmt zu werden, rückte er auch prominenten Kollegen auf die Bude. Auf diese Weise knüpfte er Kontakt zu dem DDR-Autoren Peter Hacks und der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek. Beide lobten fortan seine Werke.

Auch von der Übersiedlung in die DDR erhoffte sich Schernikau einen Karriereschub. „Die DDR bringt die besseren Schriftsteller hervor“, sagte er einmal in einem Interview. Im übrigen war es vor allem sein eigener Zukunftsentwurf von der DDR, der ihn begeisterte – weniger die triste Realität. Stasi, Zensur und Todesschüsse schob er gern zur Seite. „Das ist sehr kompliziert“, habe er bei Fragen dieser Art meist geantwortet, sagt seine Mutter, die heute öffentlich aus den Büchern ihres verstorbenen Sohnes liest.

Ellen Schernikau wird auch dabei sein, wenn Frings am 14. Januar in Lehrte seine Biographie vorstellt. Auch frühere Klassenkameraden und seine Mathelehrerin Sigrid Pitzel wollen kommen. Manche Schüler des Lehrter Gymnasiums haben Schernikau bereits im Unterricht kennengelernt. Die frühere Deutschlehrerin des Autors nämlich hat für die Schule einen Klassensatz der „Kleinstadtnovelle“ angeschafft.

Ronald M. Schernikau, Kleinstadtnovelle, Konkret-Literatur-Verlag, 87 Seiten, 12 Euro. Matthias Frings, Der letzte Kommunist, Aufbau Verlag, 490 Seiten, 19,95 Euro.
Lesung: Matthias Frings liest am 14. Januar um 19.30 Uhr aus seiner Biografie in der Alten Schlosserei in Lehrte. Näheres unter Telefon (0 51 32) 50 51 04.

Kultur Dokumentationszentrum Bergen-Belsen - Museumspreis für den "Speicher der Erinnerung"
Simon Benne 07.01.2010
Kultur Kinder- und Jugendtheaterfestival - „Hart am Wind“ in Hannover
07.01.2010