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Kultur David Van Reybrouck gewinnt NDR-Sachbuchpreis
Mehr Welt Kultur David Van Reybrouck gewinnt NDR-Sachbuchpreis
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22:23 20.11.2012
 David Van Reybrouck erhielt den NDR-Sachbuchpreis für„Kongo. Eine Geschichte“. Quelle: dpa
Hannover

„Hier im Rathaus von Hannover muss ich es erwähnen: Auch Hannover kommt in diesem dicken Geschichtsbuch vor. Im Zusammenhang mit einer unbekannten Tatsache: Es gab im Ersten Weltkrieg Kongolesen, die im Kriegseinsatz in Europa waren. Und einige waren in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten, zum Beispiel Paul Panda Farnana. Dieser Mann, der mal den Boden von Hannover betreten hatte, hat dann die erste Partei gegründet: die Union Congolaise. Die hat zum ersten Mal gleiche Rechte gefordert für die Schwarzen und bessere Schulen und Mitsprache in der Verwaltung.

„Kongo“ ist das Buch eines Liebhabers. Man begreift, mit welcher Liebe sich der ausgebildete Archäologe Reybrouck dem Land nähert. (...) Man kann dieses Buch auf zwei Komplexe reduzieren. Da krachen Belgien und Kongo aufeinander – oder der Monarch Baudouin und der Postbote aus Kisangani Lumumba. Der nette König, der nichts von der Missachtung der schwarzen Bewohner je gesehen hatte, beginnt am 30. Juni 1960 mit einer gönnerhaften Rede: Die Unabhängigkeit des Kongo stelle den „Höhepunkt des Werkes“ dar, welches „vom Genie König Leopolds II. entworfen“ sei. Und der König traut sich zu sagen: „Es ist nun an Ihnen, meine Herren, zu beweisen, dass wir Recht daran taten, ihnen zu vertrauen. Ihre Aufgabe ist unermesslich.“

Wie unermesslich, wusste der König nicht. Sein königliches Genie entließ ein Land so groß wie fast die EU in die Unabhängigkeit mit 16 – noch einmal: sechzehn – schwarzen Menschen mit Universitätsdiplom. Es gab nicht einen schwarzen Arzt noch einen Ingenieur, weder einen schwarzen Juristen, Richter, noch einen schwarzen Agronomen oder Ökonomen.

Lumumba hatte die Gegenrede an diesem 30. Juni 1960 dem Präsidenten aus Katanga Kasavubu anvertraut, aber jetzt stürzte er selbst ans Rednerpult und sagte in einer Rede, die zu den großen Reden der Zeitgeschichte gehört: „Wir (Kongolesen) wurden verhöhnt und beleidigt, wir mussten morgens, mittags und abends Schläge ertragen, weil wir Neger waren. Wer wird jemals vergessen, dass man einen Schwarzen selbstverständlich duzte – nicht etwa wie man einen Freund duzt, sondern weil das respektvolle ‚Sie’ den Weißen vorbehalten war!“

Das Land ist ja noch größer, als die Statistik uns sagt. 2,3 Millionen Quadratkilometer, das ist so groß wie zwei Drittel von Indien, oder ganz West- und Mitteleuropa. Aber es ist ein Land ohne Straßen und Eisenbahnen. Und die Frage, die man sich heute stellt, ist: Weshalb kam so ein Roi Leopold II zu dieser Wahnsinnsidee? „Il faut à la Belgique une colonie“. „Belgien braucht eine Kolonie“. Der verblödende Nationalismus hat uns dahin geführt.

Nach 1960 gab es noch den größten Kleptokraten auf der Bühne des Kongo, der sein Land heruntergewirtschaftet und sich lieber in seinen Villen an der französischen Riviera aufgehalten hat. Mobutu Seese Seko. Er hat das Land zugrunde gerichtet. Aber wie es der CIA stellvertretend für den Westen sagte: „Mobutu ist ein Bastard, aber er ist wenigstens unser Bastard.“

Das Buch enthält die Potenziale des Landes, aber auch die Tragödien, die sich bis heute nicht haben richtig verändern lassen. Der Kongo ist neben Somalia der „failed State“, der gescheiterte Staat.
Im Grunde – so das Fazit von Reybrouck – sind auch nach der Kolonialzeit Heuschrecken und Krokodile aus dem westlichen Kapitalismus dabei, den Kongo auszuplündern. Manchmal gesellen sich die Nachbarstaaten dazu. Alle Weltmächte beißen sich die Zähne an einem Land aus, das als Staat kaum noch existiert.

Die größte Tragödie liegt in dem Drama, das mit den Kindern im Kongo geschehen ist. Sie sind zu Hunderttausenden missbraucht worden. Der größte Missbrauch, der Kindern weltweit angetan werden kann, ist die Verführung zum Kindersoldaten und zum Gebrauch von Waffen in Kinderhand. Zigtausende von Kindern wurden so missbraucht und sind traumatisiert für ihr ganzes Leben. Reybrouck zitiert einen Soldaten: „Mein Opa, meine Schwester, mein Bruder wurden getötet. Ich war zwölf und schloss mich an. Aus freien Stücken. Drei Jahre war ich bei der Miliz des Stammes der Hema. Wir nahmen Mütter, Väter, Kinder. Uns wurde befohlen zu töten, und ich tötete. Frauen und Kinder zu ermorden, das war mir unangenehm. Zum Glück hatte ich ein Gewehr, denn ich fürchtete mich, mit der Machete zu töten.“

Das war das größte Verbrechen, das bis heute nicht beendet ist, und um das sich der Präsident und seine Minister überhaupt nicht kümmern. Kinder ohne Zukunft hatten auf einmal ein Ideal und eine Identität. Und die sieht so aus: „Wenn man die Erlaubnis hat zu töten, was bedeutet dann noch die Vergewaltigung?“

Nirgendwo auf der Welt ist eine Gesellschaft so tief, bis in den Rachen des Kannibalismus und der Kindersoldaten-Mörderei gerutscht. Nirgendwo auch gibt es so viel Hoffnung, dass sich das Land wieder aufrichtet. Was und wen es braucht? Einen Patrice Lumumba oder einen Thomas Sankara mit den Fähigkeiten eines Charles de Gaulle und Willy Brandt zusammen. Wenn man Reybrouck liest, weiß man, das Land kann ein Juwel unter den Staaten Afrikas werden.

Das Buch endet – wo, wenn nicht in China? China ist der Schrecken für Europa, aber für den Kongo vielleicht ein Schimmer des Wiederaufbaus und der Anbindung an den globalisierten Weltmarkt. Was Europa und Amerika nicht schaffen, schafft China. Unser Autor geht am Schluss von 700 Seiten nach China, genauer nach Guanghzhou, Hauptstadt einer Provinz mit 100 Millionen Menschen. Reybrouck erblickt eine Weltkarte im Büro des Flughafens, von dem wöchentlich sechs Flugzeuge nach Afrika fliegen. Früher noch über Bangkok und Dubai, jetzt direkt nach Nairobi, Joburg, Addis Abeba. Eine Weltkarte mit China in der Mitte. „Europa und Amerika sind zur Peripherie geworden. Asien und Afrika bilden das neue Zentrum. Die chinesisch-afrikanischen Beziehungen werden die wichtigsten im 21. Jahrhundert sein.“

Wie sagte Napoleons Mutter zu ihrem Sohn, als dieser die ganze Macht erstritten hatte – so würde auch ich zu den Vorsätzen sagen, die die europäische Politik dem Kongo als Bedingung erteilt: „Pourvu que ca dure.“
Auf Kölsch gesagt: „Wenn dat man anhält.“

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