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Kultur „Das verlorene Symbol“: Fingerzeig im Capitol
Mehr Welt Kultur „Das verlorene Symbol“: Fingerzeig im Capitol
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19:25 09.10.2009
Von Stefan Stosch
Das Capitol in Washington ist der Ausgangspunkt für die Suche nach dem verlorenen Symbol.
Das Capitol in Washington ist der Ausgangspunkt für die Suche nach dem verlorenen Symbol. Quelle: afp
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Paris – London – Rom. Und jetzt ­Washington: Das klingt nach der ­legendären „Drei-Wetter-Taft“-Haarspraywerbung. Ein bisschen etwas davon haben Dan-Brown-Romane ja auch an sich. Ganz gleich, in welcher Metropole sie spielen, stets steigt ein in teurem Tweed gekleideter Harvard-Professor aus dem Flugzeug. Von nun an wird seine gefahrvolle Mission vom Wind der Geschichte heftig umweht. Seiner Frisur kann das nichts anhaben, auch wenn er zwischendurch mal in einen Wassertank gesperrt wird.

„Das verlorene Symbol“ ist nach „Illuminati“ und „Sakrileg“ nun schon Browns dritter Roman um den Symbologen Langdon. Die Illuminaten und das Opus Dei hat der amerikanische Thrillerautor Brown bereits abgehakt. Nun werden nach dem gleichen Muster die Freimaurer verarbeitet. Nur dass er diese, anders als die katholische Kirche, offenbar als eine Elite verehrt, die seit Jahrhunderten zum Wohle Amerikas agiert.

Es ist schon erstaunlich, wie sich ein Autor so sehr wiederholen und dennoch immer wieder Rekorde aufstellen kann. Allein am ersten Verkaufstag in den USA fanden mehr als eine Million Bücher Abnehmer. Nur „Harry Potter“ hatte bessere Zahlen. Bei Potter aber geht es um Zauberer, bei Langdon angeblich um Fakten.

Jedenfalls pocht der Autor Brown darauf. Er will seine kruden Verschwörungstheorien stets als beinahe bare Münze verkaufen und verweist dieses Mal darauf, dass sich im Safe des CIA-Direktors ein Dokument befinde, das Hinweise „auf ein altes Portal und einen unbekannten Ort im Untergrund“ enthalte. Darauf stehe der Satz: „Irgendwo da draußen liegt es vergraben.“ Aha.

Andererseits: Warum soll sich Brown Neues ausdenken, wenn die alte Formel so wunderbar funktioniert? Man nehme einen Geheimbund, mische ihn mit Räuberpistolen auf, gebe einen psychopathischen Schurken hinzu – und schon beginnt die Schnitzeljagd, bei der Symbolforscher Langdon in Rekordzeit Codes entziffert. So einen Schnelldenker könnte man auf der Couch von „Wetten, dass ...?“ gut brauchen. Obwohl: Zwischendurch referiert Langdon so langatmig über letzte Geheimnisse der Menschheit, als würde er ganze Wikipedia-Einträge zitieren.

Dieses Mal zweifelt allerdings sogar Langdon an seiner Mission – obwohl er ja in der Vergangenheit schon so vieles geschluckt hat, zum Beispiel, dass Jesus ein Kind mit Maria Magdalena gezeugt hat. Doch nun sollen die Freimaurer mitten in Washington D. C. einen Schatz versteckt haben, der den Menschen Erleuchtung bringt. Mehr als 300 Seiten und ein paar wundersame Tricks braucht es, um Langdon von seiner Mission zu überzeugen.

Nur zwölf Stunden bleiben ihm, um das Geheimnis zu lüften. Diese noch einmal verknappte Zeitvorgabe belegt, dass der Autor Brown die Anforderungen an sich selbst und sein Personal beständig erhöht – das ist der Fluch, sich selbst von Buch zu Buch zu übertrumpfen, wenn man sonst nichts Neues zu bieten hat. Ökonomischer wird dadurch nicht unbedingt erzählt. Gegen Ende ufert das Buch aus.

Am Anfang aber geht es knackig zur Sache: Im Herzen Washingtons, in der Rotunde des Capitols, stößt Langdon auf einen grausigen Fund. Die abgetrennte Hand seines Freundes und Mentors Peter Solomon, hochrangiger Freimaurer der Stadt, liegt dort, versehen mit allerhand Tattoos und kryptischen Zeichen. Ein Finger ist auf ein Gemälde von George Washington gerichtet, erster US-Präsident und Freimaurer. Und dann geht die Suche nach einer ominösen Pyramide los, bei der der spirituelle Schatz zu finden sein soll. Löst Langdon den Rätselparcours nicht rechtzeitig, ist das Leben des entführten Freundes Solomon verwirkt – und bald auch das von dessen schöner Schwester Katherine, einer begnadeten Wissenschaftlerin.

Die CIA in Gestalt einer trotz Kehlkopfkrebsoperation kettenrauchenden Japanerin ist zeitweilig mehr hinter Langdon als hinter dem Täter her und schwafelt vom „nationalen Interesse“, ohne dass klar wird, warum das gefährdet sein soll. Nur weil ein paar hochrangige Politiker auf heimlich gefilmten Aufnahmen bei seltsamen Riten zu sehen sein sollen?

Und dann ist da noch ein masochistischer Schurke, der es locker mit dem Albinomönch aus vergangenen Tagen aufnehmen kann. Er nennt sich Mal’akh, ist über und über tätowiert, hat sich kastriert und schwärmt von sich selbst als „Meisterwerk“ und darüber hinaus von „Blutopfern“, „erleuchteten Adepten“ und „dunklen Mächten“. Mit Mal’akh ist Brown dieses Mal eindeutig übers Ziel hinausgeschossen. Der Mann führt einfach zu viele Selbstgespräche. Überhaupt ist die Geschichte so hanebüchen, dass man immer wieder den Kopf schüttelt. Zugleich muss man jedoch eingestehen: Man liest immer weiter, mag das Buch kaum aus der Hand legen.

Brown hat seine Cliffhanger-Strategie perfektioniert: Kaum ein (drei oder vier Seiten kurzes) Kapitel, an dessen Ende nicht das nächste Geheimnis lauert. Und weil stets verschiedene Handlungsstränge parallel laufen, springt man atemlos von einem Schauplatz zum nächsten.

„Das verlorene Symbol“ erscheint am 14. Oktober, Lübbe Verlag, 765 Seiten, 26 Euro.

Uwe Janssen 08.10.2009
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