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11:25 20.11.2015
Plane, planvoll gelegt: Michael E. Smith und die erstickte Werbung. Quelle: Michael Wallmüller
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Hannover

Wer mit den Werken des 1977 im amerikanischen Detroit geborenen Künstlers Michael E. Smith vertraut ist weiß, dass er in seiner Kunst auf die Kraft der Reduktion setzt. Diese Karte spielt er auch bei seiner aktuellen Einzelausstellung im Kunstverein Hannover in brillanter Weise aus. Selten, dass in den Räumen mehr als ein, zwei Objekte von Smith zu sehen sind - und zwar ohne Schrifttafeln und Hinweise auf den Künstler.

Eine größere Leere als bei Michael E. Smith hat es in der Geschichte der Ausstellungen wahrscheinlich nur während der legendären Yves-Klein-Schau „Le vide“ (Die Leere) bei Iris Clert 1958 in Paris gegeben, als Yves, „le monochrome“, die Galerie völlig leer geräumt hatte und allein die in hellem Neonlicht daliegenden, weißen Räume zu sehen waren. Was beide Künstler bei aller Unterschiedlichkeit indes über die Zeit hinweg gemeinsam haben, ist, dass es ihnen darum geht, mit ihren Werken und Gesten die Wahrnehmung des Betrachters in extremer Weise herauszufordern.

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Service

Michael E. Smith im Kunstverein Hannover, bis zum 17. Januar. Künstlergespräch und Eröffnung der Ausstellung am Freitag, 20. November, ab 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Ein Katalog ist in Vorbereitung.

Smith, der bei Jessica Stockholder in Yale Bildhauerei studiert hat, reist zu seinen Ausstellungen mit einem reichen Fundus an Alltagsmaterialien an, die er erst vor Ort in nächtelanger Arbeit zu Werken zusammenfügt und einrichtet. Dem geht in der Regel eine Besichtigung der Räume voraus, in Hannover fand sie etwa ein Jahr vor der Ausstellungseröffnung statt.

Viel Zeit also, um minutiös zu planen, wobei der Künstler es liebt, seine Pläne bis kurz vor der Premiere seiner Schau zu ändern und umzuwerfen. Spontaneität und Präzision gehen bei Smith gleichermaßen in die Gestaltung seiner Werke ein. Dabei gibt es in seinem Kopf eine Matrix von Grundannahmen über unsere Zeit und Gesellschaft, ihre Werte und Unwerte, die gleichsam die Folie bildet, vor der sich seine Arbeiten entwickeln.

Hat der Besucher die Treppe zum Kunstverein im ersten Stock genommen, prallt er förmlich auf ein Objekt von Smith, das sich in ähnlicher Form in Varianten wie ein Leitmotiv durch die Ausstellung zieht. Eine Assemblage, die aus einem großen Warmwasserboiler aus Stahl und einem Surf- oder Tauchanzug aus Neopren besteht, der ausgebreitet auf dem Gerät liegt. Der Materialgegensatz ist nicht allein ästhetisch von hohem Reiz. Er bildet auch spezifische Bedeutungsdimensionen ab: Die unterschiedlichen Objekte der Arbeit lassen einerseits an den Menschen und andererseits an Systeme denken, mit und in denen er sich einrichtet. Wobei das Element des Wassers, das ihnen gemeinsam ist, die innige Verbindung beider hervorhebt. Dass Systeme immer auch gefährlich sind, betonen die nicht zu übersehenden Gefahrenhinweise auf den Boilern.

Nicht nur sie forcieren den Eindruck der Gefährdung des Menschen durch jede Art von System. Auch der wie gekreuzigt auf dem Boiler liegende Gummianzug tut das Seinige dazu. Dass Smith den Menschen als Opfer der Machtmechanismen der kapitalistischen Gesellschaft sieht, haben seine früheren Werke längst eindringlich demonstriert. Wobei sie dabei durchaus drastischer, auch plakativer vorgegangen sind, als das in dieser eher diskreten und subtil anspielungsreichen Arbeit der Fall ist.

In Sachen repressiver Kapitalismus braucht der Künstler von niemandem Nachhilfe. In Detroit aufgewachsen, hat er den Niedergang des amerikanischen Traums hautnah miterlebt. Das einst stolze Zentrum der nationalen Automobilindustrie erlitt 2009 den Konkurs von General Motors und 2013 den finanziellen Bankrott. Die zu 80 Prozent von Afroamerikanern bewohnte Stadt ist heute von Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität geprägt.

Natürlich steht Smith mit seiner Konzentration auf Alltagsmaterialien in der Tradition des Readymade von Marcel Duchamp und der sozialen Plastik von Joseph Beuys. Und selbst wenn seine Eingriffe in die von ihm gefundenen Objekte, die Kellertüren, Vogelhäuschen und Videofilme in dieser Ausstellung sehr viel zurückhaltender sind als früher, gilt für sie doch immer noch die Einschätzung des Kritikers und Kurators Joshua Simon, der von ihnen als von „Unreadymades“ sprach.

Das trifft auf keine Arbeit so sehr zu wie auf die riesigen Werbeplanen aus wetterfestem Kunststoff, die Smith in den schwer zu bespielenden, großen Räumen des Kunstvereins in geradezu ingeniöser Weise ausgelegt hat. Indem er ihre schwarzen Rückseiten statt der schreienden Vorderseiten zeigt, hat er die Werbung gewissermaßen erstickt und zum Schweigen gebracht.

Darüber hinaus treten die schwarzen Planen aber auch in einen schönen Dialog mit dem White Cube der Ausstellungsräume und den hellen Rasterdecken über ihnen. Es ist sehr symbolisch: Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Kunst und Leben finden hier zu einer gelingenden Allianz, die tröstlich ist und Mut macht.

Das vielleicht dramatischste und auch pathetischste Objekt dieser Ausstellung kommt indes aus der Reihe der gefundenen Vogelhäuschen, deren Armseligkeit für sich genommen schon sehr berührend ist. In der Version des Künstlers greift ein großer, schwarzer Handschuh nach ihm, der ebenso sehr Schutz wie Bedrohung bedeuten könnte. Eine Dialektik, wie sie ganz ähnlich auch das menschliche Leben bestimmt.

Von dieser Ausstellung, die Kathleen Rahn, die Direktorin des Kunstvereins, zu Recht für eine der besten und bedeutsamsten ihres bisherigen Kuratorenlebens hält, wird man in der Stadt mit Sicherheit noch lange sprechen.

Von Michael Stoeber

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