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20:17 14.01.2013
Von Jutta Rinas
Männer im Tief: Tommy Lee Jones (l.) und Ben Affleck als gescheiterte Banker in „Company Men“. Quelle: Senator
Hannover

An Selbstbewusstsein mangelt es dieser Autorin wirklich nicht. Um nicht weniger als „das Ende einer zweitausendjährigen Periode der Menschheitsgeschichte“ und den „Beginn einer neuen Ära“ geht es in dem neuen, heute in Deutschland erscheinenden Buch der amerikanischen Journalistin Hanna Rosin. „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“ heißt es schlicht - und hat schon in den USA bei seinem Erscheinen für heftige Diskussionen gesorgt.

Auch hierzulande ist eine kontroverse Debatte zu erwarten: In Zeiten, in denen die Lohnlücke zwischen deutschen Männern und Frauen laut einer OECD-Studie aus dem Jahr 2012 durchschnittlich 21,6 Prozent beträgt und hitzig über eine Quote für mehr Frauen in Spitzenpositionen debattiert wird, hat das von Rosin ausgerufene Matriarchat zu Beginn des 21. Jahrhunderts etwas fast schon Weltentrücktes an sich.

Jedenfalls auf den ersten Blick. Denn die vielfach preisgekrönte Autorin argumentiert viel differenzierter, als es der marktschreierische Titel vermuten lässt. Rosins Buch ist keineswegs nur eine feministische Kampfschrift, sondern eine manchmal stark zugespitzte, aber in der Sache oft kluge und wissenschaftlich gut unterfütterte Beschreibung der ökonomischen Verhältnisse in den postindustriellen Gesellschaften von heute.

Ausgangspunkt sind Beobachtungen Rosins aus der Zeit der Rezession in den USA seit dem Jahr 2000. Fast sechs Millionen Arbeitsplätze seien seitdem allein im produzierenden Gewerbe verloren gegangen, überwiegend Männerjobs im Bau, im Transportwesen und in der Versorgungswirtschaft, konstatiert die Ehefrau des Chefredakteurs eines Online-magazins und Mutter dreier Kinder (darunter zwei Jungs). Stattdessen boomten die Bereiche Gesundheitsfürsorge und Erziehung. Statt einer Arbeit, in der Muskelkraft eine übergeordnete Rolle spielte, seien in der Informations- und Dienstleistungsgesellschaft von heute die sogenannten Softskills „soziale Intelligenz, offene Kommunikation und die Fähigkeit, still zu sitzen und aufzupassen“ gefordert. Dies alles seien „keine Stärken von Männern“.

Vor allem Eltern von heute wissen genau, dass es diese Softskills sind, die dazu führen, dass Mädchen nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland bessere Schul- und Universitätsabschlüsse machen. Landauf, landab wird die Bildungsmisere des „neuen schwachen Geschlechts“, der Jungen, beklagt. Auch in Hanna Rosins Buch ist sie eine Ursache der prognostizierten „Männerdämmerung“.

Hierzulande arbeiten sich Feministinnen wie die frühere Chefredakteurin der „taz“, Bascha Mika, vor allem an der Frage ab, warum Frauen trotz besserer Ausbildung im Beruf so oft auf der Strecke bleiben.

Hanna Rosin hingegen geht einen Schritt weiter: Sie zeigt in einem Kapitel mit dem süffisanten Untertitel „Die Mittelschicht vollzieht eine Geschlechtsumwandlung“, wie die fehlende Fähigkeit von Männern, sich auf die moderne Arbeitswelt einzustellen, aus einer ganz normalen Stadt ein „amerikanisches Matriarchat“ gemacht hat. „Alexander City“ heißt der gut 150.000 Einwohner starke Ort in Alabama - und der Prototyp des gescheiterten Mannes ist Charles Getty. 23 Jahre lang arbeitet der Mann bei der „Russel Corporation“, einem weit über Alexander City hinaus bekannten Hersteller hochwertiger Sportkleidung und zugleich dem Hauptarbeitgeber der Stadt. Getty arbeitet in der Färberei und bringt es als Ernährer der Familie sogar zu bescheidenem Wohlstand. Als es billiger wird, T-Shirts in Asien statt in Alabama produzieren zu lassen, verliert er seinen Job, wie fast alle Arbeiter der Textilfabrik. Getty verfällt in eine Art Schockstarre, die ihn immer weniger an einen neuen Job glauben lässt. Sein Geld, sein Selbstwertgefühl als Mann und Ernährer der Familie: Alles ist weg. Seine Frau rettet die Familie aus der Misere. Sie fängt wieder als Krankenschwester an und arbeitet sich bis in die Klinikleitung des lokalen Krankenhauses hoch.

Das Interessante ist: Getty bleibt in Alexander City kein Einzelfall. Rosin kann anhand weiterer Einzelbeispiele und Arbeitsmarktstatistiken belegen, dass sein Fall im Gegenteil beispielhaft ist. Die Frauen von Alexander City und in vielen anderen von der Wirtschaftskrise gezeichneten US-Städten übernehmen in der Krise die Rolle der Familienernährer: Sie finden Arbeit bei örtlichen Ärzten, Rechtsanwälten oder im Einzelhandel. Sie schulen um, werden Krankenschwestern oder Lehrerinnen und ziehen gleichzeitig die Kinder groß, während die Männer an ihrer Seite trübsinnig vergangenen Zeiten nachtrauern.

Es ist eine der offenen Fragen in diesem Buch, ob man diese Entwicklung der Geschlechterrollen in den postindustriellen US-Städten so ohne Weiteres auf andere Arbeitsbereiche oder gar andere Staaten übertragen kann. Es darf überdies bezweifelt werden, ob das von Rosin skizzierte „weibliche 21. Jahrhundert“ überhaupt so erstrebenswert ist. Allzu oft übernimmt in ihrem Buch eine gutaussehende, erfolgreiche, weibliche Superspezies lässig gleich alle Rollen. Die Karrierefrau, Hausfrau und Mutter arbeitet gefühlte 48 Stunden am Tag, während der Mann an ihrer Seite ab und an Windeln wechselt oder Kinder aus der Schule abholt und sich ansonsten als eine Art männliche Drohne aufführt.

Dass es immer mehr Frauen gibt, die in den modernen Familien von heute „mehr als Papa“ verdienen, ist in Deutschland allerdings auch unabhängig von Hanna Rosins Thesen brandaktuell. „Mama zahlt“ heißt das neue Buch von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, Saarlands Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer und Altersforscherin Ursula Lehr, in dem es um den Trend zu immer mehr „Familienernährerinnen“ geht. Es ist gestern im Herder Verlag erschienen.

Hanna Rosin: „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“. Aus dem Amerikanischen von Heike Schlatterer und Helmut Dierlamm. Berlin Verlag. 352 Seiten, 19,99 Euro.

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