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18:33 04.07.2013
Argumente sammeln: Ein Literaturfan tippt etwas für den Erhalt des Bachmann-Wettbewerbs. May Quelle: May
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Klagenfurt

Eine Umleitung rät Klagenfurts Besuchern, das ORF-Theater in der Innenstadt in großem Bogen zu umfahren. Ein Baustellen-Schild warnt vor Löchern im Asphalt. Uneben ist der Boden auch für die „Tage der deutschsprachigen Literatur“. Der Österreichische Rundfunk (ORF) hatte vorab angekündigt, ab 2014 könne er sich den dritten großen Treffpunkt der Buchbranche neben den Messen in Leipzig und Frankfurt nicht mehr leisten.

Angesichts des Proteststurms von Uwe Tellkamp bis Sibylle Lewitscharoff hatte man sich auf Untergangsstimmung eingestellt. Jedes der Ingeborg-Bachmann-Zitate, die auf himmelblauen Plakaten über der Klagenfurter Einkaufsmeile flattern, lässt sich auf die aktuelle Situation beziehen, zum Beispiel: „Die Spezialisten, die Experten mehren sich. Die Dichter bleiben aus.“

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Doch Klagenfurt klagt nicht, im Gegenteil: Die regionale „Kleine Zeitung“ titelt zum Auftakt „Leinen los am Wörthersee“, schreibt gar von Aufbruchstimmung. „Die Woche“ spekuliert über ein taktisches Manöver des ORF, der mehr Zuwendungen erpressen wolle. Der Wirt Rudolf Mack, dessen Pension nur 500 Meter vom ORF-Theater entfernt liegt, glaubt nicht an ein baldiges Aus. Auch Daniela Warmuth, die den Sammlerladen „Lendbuch“ am malerischen Lendhafen betreibt, hat keine Angst vor ausbleibenden Literaturtouristen.

Bei der Eröffnung am Mittwochabend scheint es, als habe der ORF schon mal an Sauerstoff gespart: Bereits eine halbe Stunde vor Beginn ist das kleine Sendertheater so voll, dass selbst Stehplätze rar sind. Die Luft wird dünn, nicht nur für das Klagenfurter Wettlesen. Karin Bernhard, ORF-Landesdirektorin von Kärnten, spricht in ihrer Eröffnungsrede jedoch von ersten Signalen einer Fortsetzung. Der österreichische Autor Michael Köhlmeier kritisiert den Wettbewerb in seiner „Klagenfurter Rede zur Literatur“ zunächst heftig. Im Rückblick auf den Schriftsteller Jörg Fauser spricht er von einer „Feier der Literaturkritik, bei der die Autoren die Rolle von Sektgläsern spielen.“ Doch am Ende nennt auch Köhlmeier es einen „Gewissensdienst“, gegen die „Abmurksung“ des Lesefestes zu protestieren. Wenn selbst die größten Kritiker für den Erhalt plädieren, muss dieser Wettbewerb etwas Rettenswertes an sich haben.

Das finden auch die vornehmlich jungen Zuschauer, die den ersten Vorlesetag am Donnerstag gemütlich im Sonnenstuhl am Lendhafen verfolgen. Zwischendurch tippen sie auf einer mechanischen Schreibmaschine Sätze ein, weshalb der Bachmannpreis weiterleben soll. Unter dem Stichwort „#bbleibt“ sollen die Argumente auch ins Internet getwittert werden. Schreibmaschine und Internet - hier mischen sich die Medienzeitalter.

Hinter „#bbleibt“ steckt der Verein „Lendspiel“, der die Kanalverbindung zwischen Stadt und Wörthersee zum Treffpunkt einer alternativen Kulturavantgarde gemacht hat. Aus den Lenkern eines rostigen Fahrrads am Ufer schießt ein Wasserstrahl in die Höhe. Das Lendhafencafé serviert hippen Birnen-Cidre, der „Sei da“ heißt. Vor den bunten Häuschen trocknet Lavendel - Idylle im Schatten ausladender Kastanien.

Die in Schleswig-Holstein aufgewachsene Wahlberlinerin Larissa Boehning liest als Erste einen Auszug aus ihrem unveröffentlichten Roman „Zucker“ vor: ruhig und ohne Schnickschnack. Sie erzählt von einem Sohn, dessen todkranke Mutter ihm in ihren letzten Monaten jedes Gericht aus ihrer bayrischen Heimat kocht. Er erträgt den Ekel vor Ochsenschwanzsuppe und Buttercremetorte mit der Aussicht aufs Erbe.

Larissa Boehning steht bei ihrem Auftritt, ungemütlich sieht das aus. Wie eine Delinquentin vor dem Richter. Tatsächlich führte die oft polemische Kritik der Bachmann-Jury zu Vergleichen mit anderen Formen medialer Beschämungskultur à la „Popstars“. Boehning jedoch ist die Jury wohlgesonnen. Die Wiener Literaturkritikerin Daniela Strigl lobt, diese Geschichte drücke aus mehreren Gründen auf den Magen, sei jedoch zu offensiv ödipal inszeniert. Auch ihren Jury-Kollegen gefällt die groteske Erbschleicher-Konstruktion.

Rainald Goetz’ Messerschnitte in die Stirn, Leopold Federmairs Fotografien der Jury: Klagenfurt ist bekannt für Possen. Von Joachim Meyerhoff, Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters und ab Herbst fest am Hamburger Schauspielhaus engagiert, hatte man sich ebenfalls eine Bühneninventionen erhofft, die das starre Ritual des Wettbewerbs aufbrechen. Doch Meyerhoff, dessen Buch „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ gerade als HAZ-Fortsetzungsroman abgedruckt wird, liest schlicht und ein wenig hastig den Text „Ich brauche das Buch“. Das passt allerdings zur Gehetzheit des Protagonisten. Die Geschichte eines Studenten, der sich angesichts eines Fotobandes über Hyänen als Meisterdieb übt, erntet Gelächter bei den Zuhörern. „Ich wollte auf eigenen Beinen stehen und stehlen, einen Band voller abenteuerlicher Fotografien auf abenteuerliche Weise in meinen Besitz bringen“, heißt es im Text. Ein Kandidat für den Publikumspreis. Die Kritiker loben die Wucht und den Witz der Erzählung. Der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen bekundet „Neid“ angesichts der performativen Leistung Meyerhoffs, die zur Identifikation mit dem Bücherdieb beitrage. So verläuft der Auftakt des 37. Klagenfurter Wettlesens - außerdem lasen Nadine Kegele, Verena Güntner und Anousch Mueller - unspektakulär.

Die Aufregung im Vorfeld hat eine lohnende Diskussion über die Verantwortung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entfacht. Die geht auch die deutschen Sender an, die Intellektuellen schon lange nicht mehr so viel Raum einräumen wie einst dem „Literarischen Quartett“, dessen Protagonist Marcel Reich-Ranicki auch zu den Vätern der Klagenfurter Literaturtage gehört.

Dass es sich wirklich um die letzte Ausgabe des Bachmann-Wettbewerbs handelt, glaubt man nicht so recht. Auch wenn jemand an die Lesebühne am Lendhafen den Satz „Welt ist so kaputt“ gesprüht hat. Die Angst vor dem Ende, sie scheint in diesen sommerlichen Tagen in Klagenfurt wie Godot. Man beschwört sie, man wartet auf sie, nur will sie sich nicht einstellen.

Von Nina May

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