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Kultur Der König aus der vierten Reihe
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08:49 12.07.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Gott sehen: Laetitia Mazzotti als Jeanne. Quelle: Fleige
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Hannover

Hier ist der Zuschauer König. Im Eiskeller der hannoverschen Eisfabrik in der Seilerstraße spielt die freie Gruppe Theater Sýstema „Jeanne“, ein selbst verfasstes Monologstück über Jeanne d’Arc, die die französischen Truppen zur Eroberung von Orléans anführte und 1431 im Alter von 19 Jahren auf dem Scheiterhaufen endete. Da diese Produktion ein Solostück für die Schauspielerin Laetitia Mazzotti ist, wird der König aus dem Publikum rekrutiert.

Ein weißhaariger Herr in der vierten Reihe darf sich von Johanna anschmachten lassen. Zwei andere Zuschauer werden aufgefordert, Rechenaufgaben lösen – deren Ergebnis die göttliche Bestimmung Johannas beglaubigen soll. Diese Zuwendung zu den Zuschauern passt ins Konzept, denn „Jeanne“, das den zwar richtigen, aber doch etwas ambitionierten Untertitel „Träume von einem wirklichen oder eingebildeten Leben“ trägt, ist Erzähl- und Erklärtheater, das sich oft direkt ans Publikum wendet.

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Das Sýstema-Team betrachtet den Mythos der Jungfrau von Orléans von verschiedenen Seiten: Es geht um die Geschichte des Mädchens, das den Stimmen der Engel kaum Glauben schenken mag und Angst hat, seine Eltern zu verlassen, es geht um die soziale Situation im 15. Jahrhundert, es geht um Ausbruchsversuche junger Frauen und es geht auch um die Rezeption des Johanna-Stoffes. Die Theatergruppe hat Schiller dabei weniger im Blick als den Dramatiker Jean Anouilh und die Romanautorin Felicitas Zeller. Das Theater Sýstema präsentiert eine hübsch verspielte und sehr zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem Johanna-Mythos. Das zeigt sich nicht nur in der erfrischend offenen Spielweise von Laetitia Mazzotti (die auch in den Improvisationspassagen Präsenz und Stärke beweist), sondern auch in dem technisch ausgeklügelten Bühnenbild.

Der Kellerraum ist mit Altar und Beichtstuhl in einen Kirchenraum verwandelt worden. Auf dem Altar und auf den Wänden sind Bilder projiziert, die sich plötzlich bewegen und auch zu sprechen beginnen (Video: Henrik Kaalund). Sehr eindrucksvoll! Regisseur Harald Schandry (ansonsten Chef des Klecks Theaters) hat mit dem Theater Sýstema einen klugen, unterhaltsamen und kurzweiligen Abend erarbeitet. Nach 75 Minuten verlässt man den Keller nicht nur klüger, sondern auch vergnügter, als man ihn betreten hat.

Weitere Vorstellungen am 17., 18., 19., 24., 25. und 26. Juli sowie am 1. und 2. August.

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