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20:22 15.05.2012
Von Johanna Di Blasi
Sprengel Museum: Ein Esel mit Streifen ist ein Zebra – das Diptychon von Shannon Bool erzählt eine ungewöhnliche Geschichte. Quelle: Steiner
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Hannover

Ein Zebra. Oder doch eher ein Esel? Mit großformatigen Fotocollagen führt die in Berlin lebende Kanadierin Shannon Bool die Betrachter an der Nase herum. Ihre Zebraesel hängen in der mit großer Spannung erwarteten zweiten Ausgabe der Ausstellung „Made in Germany“ in Hannover, einem Schulterschluss der drei großen Kunsteinrichtungen der Stadt: Sprengel Museum, Kestnergesellschaft und Kunstverein.

Wie oft bei Werken der Gegenwartskunst kann man auch beim Zebraesel tiefer graben. Hinter der visuell wahrnehmbaren Oberfläche verbirgt sich eine Geschichte. Die Künstlerin bezieht sich auf einen tatsächlichen Vorfall in Gaza. Dort starben in einem Zoo zwei Zebras. Die Einfuhrbestimmungen und Grenzkontrollen sind so strikt, dass der Tierpark keine neuen Zebras bekommen konnte. Aus Protest und Verzweiflung malte man den Eseln Streifen aufs Fell.

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Hannover hat engmaschige Netze ausgeworfen, um parallel zur Kasseler documenta, die in knapp vier Wochen eröffnet wird, wieder im großen Stil zu zeigen, was derzeit an junger internationaler Kunst in deutschen Ateliers geschaffen wird. Auf rund 3000 Quadratmetern sind Werke von 45 Künstlern aus 13 Nationen zu sehen.

Noch deutlicher als bei der ersten Ausgabe vor fünf Jahren, als 60.000 Besucher kamen, ist diesmal eine einheitliche Handschrift zu erkennen, ein Rhythmus zieht sich durch alle drei Häuser. Und viel stärker als noch vor fünf Jahren laden Künstler diesmal zu einer Abenteuer- und Entdeckungstour ein, die die Phantasie und Imagination herausfordert.

Der israelische Künstler Alon Levin führt in der Kestnergesellschaft einen unmöglichen Körper vor Augen: einen Polyeder. Das Objekt, über dessen reale oder fiktive Natur in der Geschichte viel gerätselt wurde, findet sich im Hintergrund von Albrecht Dürers berühmtem Holzschnitt „Melancholia I“. Die Melancholia ist das Gestirn der Künstler, wie jüngst auch der dänische Regisseur Lars von Trier in einem Filmwerk zeigte. Levin sagte: „Ich war erstaunt, wie lange es dauerte, den Polyeder zu formen.“

Nebenan konfrontiert die niederländische Malerin Helen Verhoeven mit einem fast körperlich bedrängenden Gemälde, das die Übermacht der Kunstgeschichte zeigt. Alles scheint schon gemalt, alles dargestellt worden zu sein. Verhoeven drängt die Fülle des bisher Dargestellten in ein fiktives Höllen- oder Fegefeuerszenario mit zehn Metern Breite. „Ich gucke mir alles an“, sagt die Künstlerin, „und versuche, die Bilder, die in meinem Kopf stecken, in meiner Kunst in eine Art von intuitiver Ordnung zu bringen.“

Doch nicht nur die Abgründe, sondern auch das „Erhabene“ findet sich in Hannover. „Real Sublime“ nennt die in Berlin lebende Italienerin Rosa Barba eine ratternde Filmprojektion. Der Projektor hängt im Sprengel Museum an Filmstreifen, die über Spulen am Plafond laufen. Ihre Bewegung lassen die Projektionsmaschine wie ein Papierschiff schwanken.

Von der Verzauberung als Überlebensmittel zeugt eines der großartigsten Kunstwerke von „Made in Germany Zwei“: Sven Johnes „Following the Circus“. Es besteht aus tristen Fotografien öder Orte mit Namen Flöha, Finsterwalde, Senftenberg oder Schmölln. Dazu kündet ein Conférencier auf einem Monitor am laufenden Band Sensationen und Attraktionen an. Er macht Lust auf den Auftritt ausgestorben geglaubter Pferderassen, kündigt Liliputaner an, die Elefantenherden befehligen, und verspricht „ultimative Glückseligkeit“.

Einen Hauch davon erlebt man bei Alicja Kwade, einer in Hannover aufgewachsenen polnischstämmigen Künstlerin. Sie verzaubert im Kunstverein mit einem Raum, in dem 303 Uhrengewichte, Kegel-, Zylinder- oder Zapfenformen, an Ketten hängen. Das Werk ist von einer poetischen Zeitlosigkeit wie das Märchen, in dem sich ein kleines Geißlein in einem Uhrkasten versteckt.

Unter die Haut geht dagegen die täuschend echte Simulation der Zelle einer psychiatrischen Albtraumanstalt. Eine lebensgroße Puppe in weißem Mantel und mit Brille steht in dem Raum im Raum für einen fiktiven Künstler, das Alter Ego des hannoverschen Konzeptkünstlers Dirk Dietrich Hennig. Wieso sich ein Künstler aus Hannover ein psychisch lädiertes Alter Ego bastelt, um für einen Moment ins Licht der Öffentlichkeit zu geraten, bleibt allerdings rätselhaft. Dank „Made in Germany“ können sich Künstler in Hannover jedenfalls nicht über mangelnde Sichtbarkeit und Beachtung beklagen.

Schon auf die nächste „Made in Germany“-Ausgabe in fünf Jahren weist ein junges Künstlerduo in der Kestnergesellschaft voraus: Daniel Keller und Nik Kosmas alias Aids-3D sind zwei Mitte der achtziger Jahre geborene Amerikaner in Berlin. Sie haben im Internet kitschige Zimmerspringbrunnen geordert und Computer darin eingebaut. Dank „Grid Computing“ spendet „Made in Germany“ Rechnerlaufzeit an gemeinnützige Projekte. Das Werk zeigt, dass die Cyberkids inzwischen volljährig sind.

Lassen sich Gemeinsamkeiten in der Kunstproduktion feststellen? Im Katalog haben die acht Kuratoren der sehenswerten Ausstellung einige Tendenzen herausgearbeitet: „Seit dem Historismus des 19. Jahrhunderts hat sich keine Künstlergeneration so intensiv mit ihren historischen Vorläufern beschäftigt wie die heutige“, liest man dort beispielsweise.

Die Künstler arbeiten sich spürbar an der Übermacht des modernen Erbes ab. „Der Künstler, verzweifelt vor der Größe der antiken Trümmer“, lautet der Titel einer berühmten Zeichnung von Johann Heinrich Füssli, einem Künstler aus der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Heute könnte man in Abwandlung dazu sagen: „Die Künstler, verzweifeln vor der Größe der modernen Trümmer“.

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