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Kultur Das Landesmuseum zeigt die vielen Facetten von Marco Polo
Mehr Welt Kultur Das Landesmuseum zeigt die vielen Facetten von Marco Polo
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09:58 23.09.2011
Von Simon Benne
Sah er so aus? Direktorin Katja Lembke neben einer Statue mit dem Abbild des Weltreisenden Marco Polo. Die Statue stammt aus dem 19. Jahrhundert. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Die Geschichte mit dem Einhorn war seiner Glaubwürdigkeit eher abträglich. Aber kein vernünftiger Mensch zweifelte im Mittelalter an der Existenz von Einhörnern, und da wir oft nur das sehen können, was in unserer Vorstellungswelt bereits einen Platz hat, beschrieb Marco Polo eben, wie dieses Einhorn aussah, das ihm in Java über den Weg gelaufen war: Füße wie die eines Elefanten, das Horn schwarz und dick, der Kopf glich dem eines Ebers. Kurz: „Ein sehr hässlich anzusehendes Tier. Es ist auch nicht so, wie man bei uns sagt, dass es sich mit einer Jungfrau fangen ließe“, bemerkte er verwundert. Heute wissen wir, dass Marco Polos „Einhorn“ einem ganz realen Nashorn verdächtig ähnlich sah.

Die Geschichte des venezianischen Kaufmanns, der im Jahre 1271 als 17-Jähriger mit Vater und Onkel zu einer abenteuerlichen Weltreise aufgebrochen sein soll, ist bis heute ein unauflösbares Knäuel aus Fakten und Fabulierkunst. Marco Polo diktierte die Erlebnisse seiner 24 Jahre langen Reise nach seiner Heimkehr im Gefängnis von Genua als Kriegsgefangener seinem Mithäftling Rustichello da Pisa. Das Buch „Il Milione“, die „Wunder der Welt“, gibt bis heute viele Rätsel auf: Wenn Marco Polo tatsächlich bis ins Reich der Mongolen kam, bis ins heutige Peking – warum erwähnte er die Chinesische Mauer nicht? Oder den chinesischen Tee? War Marco Polo eher ein Karl May als ein Christopher Kolumbus?

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„Wir kommen zu dem Schluss, dass mehr für seine Glaubwürdigkeit spricht als dagegen“, sagt Katja Lembke, Direktorin des hannoverschen Landesmuseums. Dort ist jetzt die erste Ausstellung zu sehen, die sich in Deutschland ganz mit Marco Polo beschäftigt. Die farbenprächtig inszenierte, rund 500.000 Euro teure Schau zeigt Ölgemälde und Münzen, Reliefs und Schiffsmodelle, chinesisches Porzellan, Statuen und Siegel. Und sie entdeckt diesen Marco Polo, der als Reisender nach neuen Märkten suchte und in diplomatischer Mission des Papstes unterwegs war, als vorurteilslosen, toleranten und weltoffenen Menschen, der davon getrieben wurde, Wissen zu erwerben und Grenzen zu überschreiten – gewissermaßen als eine Art Galionsfigur der Globalisierung.

Besucher gehen in der Ausstellung die Wege Marco Polos nach. Der Rundgang startet im mittelalterlichen Venedig – einer prosperierenden Stadt, die mit muslimischen Kaufleuten regen Handel trieb. Aus Museen in Venedig stammt das Gros der rund 120 Exponate, darunter eine unscheinbare Porzellanvase aus der Schatzkammer von San Marco, von der es heißt, Marco Polo höchstselbst habe sie aus China mitgebracht. Für die Ausstellung hat das kostbare Stück erstmals seit dem Mittelalter Italien verlassen. Sie flog auf einem Sitz erster Klasse, ein Monsignore lieferte sie persönlich im Museum ab. Die Vase hat unter allen Exponaten noch die größten Bezüge zur Person Marco Polos – und illustriert so nolens volens auch, wie der Mann bis heute ganz hinter seinem eigenen Mythos verschwindet.

Weiter führt der Weg durch die Ausstellung über den Vorderen Orient, das Pamir-Gebirge und die Wüste Gobi ins Reich des mächtigen Mongolenherrschers Kublai Khan. Die mongolischen Reiterkrieger hatten vor Polos Ankunft große Teile Asiens unterworfen, doch der Kublai Khan hatte eine weltmännische Seite: Er pflegte gegenüber Juden und Muslimen, Christen und Buddhisten gleichermaßen Toleranz. Klöster jeder Religion genossen Steuerfreiheit. An seinem Hof tummelten sich chinesische und türkische, persische, syrische und tibetische Beamte – und sein Land blühte.

Islamische Künstler adaptierten in diesem multikulturellen Riesenreich chinesische Techniken. Die Ausstellung zeigt eine persische Keramik aus der Zeit um 1300 – mit einer chinesischen Drachen­figur. Die Mongolen selbst übernahmen eine Schrift syrischer Herkunft. Kobalt für die Porzellanproduktion schafften sie aus dem fernen Persien heran: „Für einen venezianischen Groschen erhält man ohne Weiteres drei Stücke von unbeschreiblicher Schönheit“, heißt es bei Marco Polo.

Die Mongolen förderten auch die Zucht von Seidenraupen. Marco Polo berichtet vom heutigen Peking, dass dort „jeden Tag mehr als tausend Wagen ankommen, voll beladen mit Seide“. Exportiert wurde die sogenannte Yuan-Seide in die halbe Welt; man fand Reste in ägyptischen Gräbern ebenso wie in italienischen oder finnischen Kirchen: Die Europäer schneiderten Messgewänder daraus.

Zum Erstaunen Marco Polos bezahlte man im Reiche des Kublai Khan auch mit Papiergeld, das viel leichter war als die schweren Münzen, die er aus Venedig kannte. Die Ausstellung zeigt einen chinesischen Geldschein aus Maulbeerbaumrinde. Das Papiergeld, das zu den ältesten erhaltenen Geldscheinen überhaupt gehört, ist eine Leihgabe der staatlichen Münzsammlung München. Allerdings stammt der Geldschein aus der Ming-Dynastie (1368–1644) und somit nicht aus der Zeit Marco Polos. Prächtige Gebetsmühlen und eine Lama-Mütze aus der eigenen Sammlung, die im Landesmuseum das Leben in Tibet illustrieren, sind gar aus dem 20. Jahrhundert. Originale aus der Epoche Polos sind rar.

Die Ausstellung behilft sich, indem sie stellvertretend jüngere Stücke zeigt – und ganz auf Sinnlichkeit setzt: Auf einer zehn Meter langen Landkarte können Besucher Videos zum alten Venedig oder zum fernen Asien abspielen. In einer mongolischen Jurte können sie sich auf echten Wolfsfellen ausstrecken, um an einer Hörstation den Geschichten Marco Polos zu lauschen. Und exotische Exponate wie die vergoldete Holzstatue aus dem „Tempel der 500 Götter“ in Kanton überwältigen in ihrer Farbenpracht. Diese Statue, die Kopie eines chinesischen Künstlers aus dem 19. Jahrhundert, stellt einer alten Tradition zufolge Marco Polo dar. Im Pantheon der Götterfiguren war dies die einzige Statue, die eine historische Persönlichkeit des Westens zeigte. Einen Wanderer zwischen den Welten, dessen Geschichten über die Jahrhunderte nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben.

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