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10:07 22.02.2013
Von Stefan Arndt
Das Klavier feiert in der Musikbranche ein Comeback. Quelle: dpa
Hannover

Es ging hoch her im Gasthaus „Zum Schwarzen Adler“ in der Münchener Kauffingergasse. Ein musikalisches Spektakel, wie es selten in der Stadt zu erleben war, zog die Besucher gleich massenhaft an. Der berühmte Pianist Ignatz von Beecke war hier zum Klavierwettkampf angetreten. Sein Gegner: ein ehrgeiziger junger Musiker aus Salzburg. Wolfgang Amadeus Mozart war damals 19 Jahre alt - fast zwei Jahrzehnte jünger als von Beecke und doch zu alt, um weiter als Wunderkind die europäischen Fürstenhöfe zu verzaubern. Er musste nun als ernsthafter Musiker Fuß fassen. Und Events wie das musikalische Kräftemessen mit dem etablierten Virtuosen waren schon 1775 das rechte Mittel, um die dafür nötige Aufmerksamkeit zu erregen.

Funktioniert hat es allerdings nicht. Das Urteil der Nachwelt jedenfalls meinte es an diesem Tag nicht gut mit Mozart. „Beecke übertrifft ihn weit“, bilanzierte Christian Friedrich Daniel Schubart (dessen Gedicht „Die Forelle“ später von Franz Schubert vertont werden sollte) in seiner „Deutschen Chronik“ des Jahres. „Anmut und schmelzende Süßigkeit“ seien Keulen, die dem „Herkules“ Beecke „wohl niemand aus der Hand winden“ werde, urteilte Schubart.

Der britische Musikwissenschaftler John Irving muss heute nicht mehr auf die griechische Sage zurückgreifen, um zu erklären, warum Mozart einem inzwischen längst vergessenen Virtuosen unterlegen war. Im „Schwarzen Adler“, vermutet Irving, sei der Komponist zum ersten Mal einem Instrument begegnet, das er aus Salzburg nicht kannte - dem Hammerklavier. „Pianoforte“ nannte man diese Innovation auch, weil man im schnellen Wechsel leise (piano) und laut (forte) darauf spielen konnte, ohne, wie bis dahin beim Cembalo üblich, das ganze Register wechseln zu müssen.

Die Saiten wurden nicht länger von Federkielen angezupft, sondern von kleinen Filzhämmern angeschlagen. Durch unterschiedlichen Druck auf die Tasten konnte man Geschwindigkeit und Wucht steuern, mit denen der Hammer auf die Saite trifft. Statt Ton-an oder Ton-aus hatte der Spieler nun eine Vielzahl von Möglichkeiten, den Klang zu gestalten. Der Effekt, den diese neue Differenziertheit machte, hatte sicher erheblichen Anteil am Erfolg des Virtuosen von Beecke, der früh auf Hammerklaviere gesetzt hatte.

Dass auch Mozart in der Zeit unmittelbar nach dem Wettspiel fasziniert von den Möglichkeiten der neuen Instrumente war, lässt sich an einem Zyklus von Klavierwerken ablesen, die er bald darauf komponierte und seinem Vater gegenüber als „meine schweren Sonaten“ bezeichnete. Die Noten der G-Dur-Sonate KV 283 etwa sind geradezu übersät mit Vortragsangaben, die man nur auf einem Instrument mit dynamischem Anschlag umsetzen kann.

Wie spektakulär das klingt, ist nun auf einer Aufnahme hören, die der südafrikanische Pianist Kristian Bezuidenhout eingespielt hat. Die bei Harmonia Mundi erschienene CD ist der vierte Teil einer Gesamtaufnahme der Mozart-Klavierwerke, die Bezuidenhout schon nach den ersten Ausgaben sehr viel Lob eingebracht hat. Sicher steht der Südafrikaner nicht mehr in Konkurrenz zu Cembalisten - längst spielt man Mozart auf modernen Konzertflügeln.

Aber mit dem intimen und warmen Klang eines Hammerklaviers macht Bezuidenhout hörbar, was im Glanz eines großen Steinways manchmal untergeht: die Qualität eines Stückes wie der Fuge in C-Dur (KV 394) etwa, das man bisher eher als kontrapunktisches Übungsstück denn als eigenständiges Werk wahrgenommen hat. Bei Bezuidenhout aber klingt auch die dichteste Engführung so übersichtlich und klar, dass man das eigentümliche Leuchten dieser Musik noch spüren kann, das sich sonst so oft im Tastendonner verliert.

Mit der Wahl seines Instrumentes ist der 1979 geborene Bezuidenhout indes heute kein Pionier mehr. Er ist kein musikalischer Extremist, der erst beweisen muss, dass man überhaupt auf einem Hammerklavier spielen kann. Er ist ein normaler Pianist, der mit der größten Selbstverständlichkeit auch Schumann-Lieder auf dem Fortepiano begleitet. Die Sensation ist dauerhaftem Wohlklang gewichen.

Auch Altmeister der Pianistenzunft lassen inzwischen alle Vorbehalte fahren. Der 1946 geborene Rudolf Buchbinder hat jahrzehntelang privat auf Hammerklavieren gespielt, ohne je damit aufzutreten. Erst im vergangenen Sommer hat er sich auf Bitten des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt mit Mozart-Konzerten an die Öffentlichkeit gewagt, die nun auch als CD-Mitschnitt (von Sony) erfolgreich sind.

Pianisten wie Alexander Melnikov sind Berührungsängste mit „Originalinstrumenten“ inzwischen fremd. Auf einer Einspielung der Violinsonaten von Carl Maria von Weber mit der Geigerin Isabelle Faust (Harmonia Mundi) ist er am Fortepiano zu hören, das den kleinen Sonaten des „Freischütz“-Komponisten eine Energie und Frische gibt, die von einem großen Konzertflügel wohl allzu leicht überspielt würde. Natürlich wird das Hammerklavier nicht den Konzertflügel verdrängen wie Jahrhunderte zuvor das Cembalo. Aber es etabliert sich neu im Konzertleben. Sein besonderer Klang ist nicht länger exotisch, sondern eine zusätzliche Farbe, auf die immer weniger Pianisten verzichten wollen.

Ein handfestes Duell mit Fäusten wäre bei diesen beiden Herren ebenso vorstellbar: Russell Crowe und Hugh Jackman sind schließlich beide auch im Actionfach zu Hause. Nun aber treten die beiden australischen Hollywood-Haudraufs bei einem Sangeswettstreit gegeneinander an. Sie geben die Kontrahenten in der Musicalverfilmung von Victor Hugos Roman „Les Misérables“.

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