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Kultur Das Grauen fühlen: Wie Kino und Fernsehen den Holocaust zeigten
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18:22 25.01.2020
Schindlers Liste Sonntag
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Es ist still im Kino. Viele Zuschauer weinen. Ein kleines Mädchen im roten Mantel läuft durch die Straßen des Krakauer Ghettos. Still, ganz allein, wandert es durch die Hölle. Nazis treiben Juden zusammen. Schüsse fallen. Menschen brechen tot zusammen. Das Mädchen geht weiter. Sein roter Mantel ist die letzte Insel der Menschlichkeit in einem schwarzweißen Meer aus Barbarei. Ein Chor singt das jiddische Kinderlied „Oyfn Pripetshik“.

Später im Film dann ist auf einem Leichenkarren schemenhaft ein Kind zu erkennen. Sein Mantel ist rot. Das Mädchen ist tot. Der Geiger Itzakh Perlman spielt John Williams klagende, wunderbare Musik. Williams wollte den Soundtrack zu „Schindlers Liste“ zunächst nicht schreiben. Er könne es nicht, sagte er zu Steven Spielberg, tief beeindruckt von dessen Film. „Du brauchst einen besseren Komponisten.“ – „Ich weiß“, sagte Spielberg. „Aber sie sind alle tot.“

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Spielberg? Droht das nicht melodramatischer Erinnerungskitsch?

Das Mädchen im roten Mantel. Es ist vor allem diese Szene, mit der Spielberg 1993 die Welt rührte. Er war ein großes Risiko eingegangen. Viele fragten sich: Kann der das? Der Regisseur von „Indiana Jones“ und „E.T.“? Auschwitz? Wird das nicht melodramatischer Erinnerungskitsch? Einzelne kritische Stimmen verstummten schnell. Es wurde ein weltweit gefeiertes Meisterwerk, gekürt mit sieben Oscars.

Denn „Schindlers Liste“ bot genau jenen „Urgrund des Fühlens“, von dem Fritz Bauer vor Jahrzehnten sprach, jener Generalstaatsanwalt, der 1963 die Auschwitzprozesse in der Bundesrepublik vorantrieb. Bauer und Spielberg wussten, dass Fakten Gefühle brauchen, um wirklich ins Bewusstsein zu dringen. Menschen brauchen Menschen, um zu verstehen. Das Tagebuch der Anne Frank etwa wird mit seiner zutiefst rührenden Kraft immer eine größere Wirkung erzeugen als jede Dokumentation, jede Statistik oder Fotoausstellung.

Die Serie „Holocaust“ brach ein gesellschaftliches Tabu auf

Ein Tabubruch freilich war „Schindlers Liste“ nicht mehr. Die mediale Pionierarbeit hatte bereits die US-amerikanische TV-Serie „Holocaust“ erledigt. Martin Chomskys fiktiver Vierteiler über die verwobenen Schicksale der arischen Familie Dorf und der jüdischen Familie Weiss hatte 1979 in der Bundesrepublik Deutschland ein gesellschaftliches Trauma aufgebrochen. Die Miniserie, die James Woods und Meryl Streep zu Stars machte, „übersetzte“ quasi die anonyme, abstrakte Zahl von sechs Millionen getöteten Juden mit erzählerischen Mitteln in fiktive, aber doch konkrete, menschliche Einzelschicksale. Die ARD zeigte „Holocaust“ an vier Abenden im Januar 1979 in den zusammengeschalteten Dritten Programmen, weil unter anderem das Bayerische Fernsehen einer Ausstrahlung im Hauptprogramm nicht zugestimmt hatte. Damit waren DDR-Bürger praktisch ausgeschlossen.

Um die Ausstrahlung der Begleitdokumentation „Endlösung“ zu verhindern, verübten rechtsextreme Terroristen im Vorfeld gar Bombenanschläge auf Sendemasten der ARD. Das erhöhte nur das Interesse. 20 Millionen Deutsche sahen „Holocaust“. 23.000 von ihnen riefen danach erschüttert beim WDR an. Mitarbeiter berichteten, sie hätten „seelsorgerische Dienste“ geleistet. Das Land war kollektiv entsetzt.

Ein erinnerungsgeschichtlicher Meilenstein

Der Publizist Elie Wiesel kritisierte die Serie in der „New York Times“ als „Seifenoper“ und „Beleidigung für die, die umkamen und für die, die überlebten“. Er geißelte die „Trivialisierung des Holocaust“. Auch die Journalistin und Auschwitz-Überlebende Renate Harpprecht beklagte, Chomsky zeige „eine manikürte Version von Edelmut, schönen Menschen, Nächstenliebe und Todesverachtung“. Und tatsächlich nutzte Chomsky, der zuvor den Vierteiler „Roots“ über die Sklaverei in den USA gedreht hatte, das Handwerkszeug des Hollywoodkinos.

Dennoch (oder gerade deshalb) wurde „Holocaust“ zum erinnerungsgeschichtlichen Meilenstein. Es war, als dämmere den Deutschen nach Jahrzehnten des kollektiven Verdrängens erst jetzt, welches Ausmaß das Menschheitsverbrechen wirklich hatte – und dass davon „Menschen wie du und ich“ betroffen waren. Auch unter dem Eindruck der Serie hob der Bundestag 1979 die Verjährungsfrist für Mord auf. Das Wort „Holocaust“ – das etwa „Brandopfer“ bedeutet – etablierte sich als Begriff für die nationalsozialistischen Massenmorde. Zuvor sprach man meist vom „Völkermord an den Juden“. „Holocaust“ war Wort des Jahres 1979. Umfragen danach zeigten, dass die Serie mentalitätsverändernd gewirkt hatte: Vor der Ausstrahlung hatten sich 51 Prozent der Deutschen dafür ausgesprochen, die Strafverfolgung von NS-Tätern einzustellen. Nach der Serie waren es noch 35 Prozent.

In den Fünfzigern: Heimatschnulzen statt Holocaust

Das erste Filmwerk freilich, das vom Holocaust erzählte, war es bei weitem nicht. Schon 1947, nur zwei Jahre nach Kriegsende, erzählte Regisseur Kurt Maetzig in „Ehe im Schatten“ am Beispiel des Schauspielerehepaares Wieland von der antisemitischen Verfolgung. Der Film, den bis 1950 zehn Millionen Deutsche im Kino sahen, gehöre zu den „wenigen Ausnahmefilmen der Nachkriegszeit, in denen Täter und Opfer des NS-Regimes gleichermaßen erkennbar auftreten“, schreibt der Historiker Michael Aschenbach in seiner Magisterarbeit „Holocaust und Film“. Nach der deutschen Teilung freilich herrschte zwei Jahrzehnte lang Operettenseligkeit statt Vergangenheitsbewältigung: Mit quietschbunten Heimatfilmschnulzen floh das Land medial in eine zuckersüße Parallelwelt.

Warum Auschwitz wichtig bleibt: Katja Kipping

Im DDR-Spielfilm „Nackt unter Wölfen“ dann erzählte Frank Beyer 1963 nach dem Roman von Bruno Apitz vom Schicksal eines dreijährigen Kindes im KZ Buchenwald – frei nach dem Schicksal von Stefan Jerzy Zweig, den sein Vater bis April 1945 versteckt gehalten hatte. Elf Jahre später verfilmte wieder Beyer Jurek Beckers Roman „Jakob der Lügner“. Zunächst sollte Heinz Rühmann die Titelrolle spielen – doch Erich Honecker intervenierte. Ein westdeutscher Star in einer DDR-Vorzeigeproduktion? Undenkbar. Die Rolle des fiktiven Ghettobewohners Jakob ging an den Tschechen Vlastimil Brodsky.

Darf man über Auschwitz fiktional erzählen?

Darf man den Holocaust überhaupt als Erzählfolie für fiktive Dramen nutzen? Oder zwingt er Künstler geradezu dazu, sich auf authentisches Material zu beschränken? Der französische Filmemacher Claude Lanzmann, der 2019 starb, ging 1985 in seiner neunstündigen Dokumentation „Shoa“ noch radikaler vor: Er verzichtet sogar auf Archivbilder. Seine Monumentalcollage „Shoa“ zeigt allein Interviews und lange Kamerafahrten über historische Orte. Nur „Leerstellen“ würden dem Geschehen angemessen gerecht, fand Lanzmann. „Shoa“ solle „das Gedächtnis des Grauens“ sein, befand seine Lebensgefährtin Simone de Beauvoir. Im Fernsehen war der Film kein Publikumserfolg, wirkte aber stilprägend über Jahre.

Nach „Holocaust“ stieg die Zahl der Filmwerke über die NS-Zeit deutlich an. Dazu gehört der französische Film „Au revoir, les enfants“ von Louis Malle. Die Geschichte des jungen Julien, der sich 1944 in einem Internat mit dem dort versteckten jüdischen Mitschüler Bonnet anfreundet, bis die Nazis Bonnet auf die Spur kommen, berührte 1987 Millionen. Ein Jahr später lief der Fünfteiler „Die Bertinis“ nach der Lebensgeschichte von Ralph Giordano im ZDF, ein aufwendiger Bilderbogen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1945.

Das Interesse lässt kaum nach

Der Versuch, sich dem Holocaust tragikomödiantisch zu nähern, gelang Roberto Begnini 1998 mit „Das Leben ist schön“, der Geschichte von Guido, der seinem Sohn Giosué im Konzentrationslager weismacht, es handle sich um ein großes Spiel zwischen Insassen und Wachen. Die Phantasie als Schutzraum der kindlichen Seele – ein Meisterwerk. In „Der Pianist“ schließlich erzählte Roman Polanski 2002 die Geschichte des polnischen Pianisten Wladyslaw Szpilman mit Adrien Brody in der Hauptrolle. Der Form- und Farbenreichtum von Filmen über die NS-Zeit ist inzwischen gewaltig – von der leisen Romanverfilmung „Der Vorleser“ (2008) mit Kate Winslet und dem jungen David Kross bis zu Quentin Tarantinos visuellem Parforceritt „Inglorious Basterds“ (2009).

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis Film und Fernsehen es wagten, sich dem Genozid mit individuellen Geschichten zu nähern. Das jedoch war notwendig, um das Verbrechen auch für ein Massenpublikum nachvollziehbar zu machen. Gerade ist mit Charlotte Links Judith-Kerr-Verfilmung „Als Hitler das rote Kaninchen stahl“ ein neues Werk über die Flucht einer jüdischen Familie in die Kinos gekommen. 480.000 Menschen haben ihn bisher gesehen. Es gibt keine Anzeichen, dass das Interesse am wichtigsten Thema der deutschen Nachkriegszeit nachlassen könnte.

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Von Imre Grimm/RND

Der Artikel "Das Grauen fühlen: Wie Kino und Fernsehen den Holocaust zeigten" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

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