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Kultur Das Glück der anderen
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11:20 15.02.2012
Von Stefan Stosch
Christian Petzolds DDR-Drama „Barbara“ gilt als Favorit bei der Berlinale 2012. Quelle: Schramm Film
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Berlin

Das Festival ist gerade mal zur Hälfte vorüber. Einen Favoriten gibt es nicht, aber einige wenige preiswürdige Filme – zum Beispiel „Sister“ (Regie: Ursula Meyer) aus der Schweiz über einen auf sich allein gestellten Zwölfjährigen, der Nähe mit Geld zu erkaufen versucht.

Gestern hatte Hans-Christian Schmids Beitrag „Was bleibt“ über ein tragisch endendes Familientreffen Premiere. Die beiden Söhne hoffen, dass das Wochenende stressfrei ablaufen möge. Marko (Lars Eidinger) ist aus Berlin angereist, Jakob (Sebastian Zimmler) betreibt eine Zahnarztpraxis im Provinzstädtchen der Eltern. Es kommt anders. Vater Günter (Ernst Stötzner) verkündet, dass er seinen Frankfurter Verlag verkauft habe und nun das Pensionärsdasein genießen wolle. Mutter Gitte (Corinna Harfouch) erklärt zur Überraschung aller, dass sie nach Jahrzehnten ihre Medikamente abgesetzt und die Depressionen bezwungen habe.

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Betretene Gesichter in der Runde. Diese Ankündigung war gewiss nicht die erste ihrer Art. Meint Gitte das ernst? Am nächsten Morgen ist sie verschwunden. Was ist passiert? Und wer ist schuld? Wer eben noch abgeklärt und souverän erschien, lässt nun Egoismus und Selbstgerechtigkeit durchscheinen. Und die Söhne, die mit Mitte dreißig noch immer an den Rockzipfeln der Eltern hängen, werden schmerzvoll wachgerüttelt.

„Was bleibt“ hat eindringliche Momente, entwickelt aber nicht einen Thrill wie Petzolds „Barbara“. Gewissermaßen schaut man dem Leben bei der Arbeit zu. Schmid ist ein nüchterner Beobachter, so wie eine ganze Reihe von deutschen Regisseuren seiner Generation. Die Manipulationsmaschine Kino wird so weit wie möglich heruntergefahren, auf dass dem Zuschauer Raum zum Denken bleibe. Die Berlinale fördert diese Art von Kino nach Kräften – morgen folgt Matthias Glasners Aussteigerdrama „Gnade“.

Andere Regisseure zielen eher aufs Gefühlige: In Doris Dörries neuem Film „Glück“ (Kinostart: 23. Februar), der in einer Nebenreihe läuft, sehen wir eine junge Frau in einem namenlosen Land. Mohnfelder, goldgelber Honig, süße Lämmer auf grüner Weide. Im nächsten Moment brechen Soldaten in die Idylle ein. Schüsse fallen, Panzer rollen, und schon machen sich Soldaten über die Halbnackte her. Kurz darauf begegnen wir Irina (Alba Rohrwacher) in Berlin wieder. Sie fristet nun als Prostituierte ihr Dasein.

Die Geschichte klingt nach Sozialdrama, aber davon ist kaum etwas zu sehen. Der Obdachlose Kalle (Vinzenz Kiefer), dem Irina begegnet, sieht viel zu gesund aus. Und Irinas mehrfach auftauchender Freier ist ein netter Kerl. Dörrie verfilmt eine Kurzgeschichte von Ferdinand von Schirach, der einen Fall aus seiner Zeit als Rechtsanwalt aufgegriffen hat. Dörrie testet, was es braucht, um das Glück festzuhalten. Kann ein an den gesellschaftlichen Rand katapultiertes Paar miteinander glücklich werden?

Soziale Härte und Harmoniebedürfnis stehen hier in einem seltsamen Widerspruch. Die größte Prüfung steht Kalle noch bevor: Der nette Freier stirbt in Irinas Wohnung – Herzinfarkt. Kalle will die Leiche verschwinden lassen, um seine Freundin zu schützen. „Glück“ verwandelt sich beinahe in eine Splatterorgie. Jetzt muss Kalle um sein Glück kämpfen – mit ganzem Körpereinsatz.

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