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Kultur Das Gespür für Schnee
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10:49 23.05.2009
Schemenhafte Gestalten: Die Tanzcompagnie von Inbal Pinto und Avshalom Pollak ist in Wolfsburg mit einer Deutschlandpremiere zu Gast.
Schemenhafte Gestalten: Die Tanzcompagnie von Inbal Pinto und Avshalom Pollak ist in Wolfsburg mit einer Deutschlandpremiere zu Gast. Quelle: Pollack
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Pulverschnee macht Spaß. Man lässt sich rückwärts hineinplumpsen, schiebt die zunächst eng am Körper gehaltenen Arme im weiten Bogen über den Kopf, steht dann vorsichtig auf und sieht einen Engel. Dafür braucht es kein kindliches Gemüt, die Zeichnung im Schnee ist eindeutig. Und – natürlich – vieldeutig. Wer statt des Engels einen Teufel erkennen möchte oder nur eine verschwommene Spur im Schnee, hat auch recht. Vieldeutigkeit als Lustprinzip.

Bei der Choreografie „Shaker“, die am Himmelfahrtstag bei den Movimentos-Festwochen der Autostadt ihre Deutschlandpremiere hatte, geht es um Vieldeutigkeit im Schnee. Und darüber hinaus darum, dass sich die Lust in dem Maße erhöht, wie sich die Interpretationsmöglichkeiten vermehren. Denn „Shaker“ bedeutet in diesem Fall nicht die puritanische Glaubensgemeinschaft mit dem betulichen Dresscode, sondern das englische Wort für eine Schneekugel. In einem Shaker schüttelt der Mann an der Bar zwar auch teuflisch gute Cocktails. Doch für den Shaker, von dem die israelische Tänzerin und Choreografin Inbal Pinto und der Schauspieler und Choreograf Avshalom Pollak erzählen, genügt je eine kaum wahrnehmbare Handbewegung, damit die kleine Idylle in der Schneekugel immer anders aussieht. Poesie im Kitschformat.

Großformatig dagegen ist die Bühne im ausverkauften Kraftwerk, großformatig ist auch die aufgebotene Schneelandschaft. Vorn links kniet ein Mann hinter einer Windmaschine, deren Größe eher für ein Kasperletheater angemessen wäre. Er dreht und dreht das klapprige Ding, und der Zuschauer darf glauben, dass ein Schneesturm durch die einstige Industrieanlage tobt. Wenn er es glauben möchte. Streng genommen darf das Publikum bei Pinto & Pollak alles glauben: dass in drei Häuschen in der Größe von Hundehütten das Leben weitergeht, wenn einer der elf Tänzer hineinrobbt. Oder dass der kopflose Mann im gestreiften Anzug am Ende des gut einstündigen Abends an Politiker erinnern soll, die Kriege anzetteln.

Pinto, früher Startänzerin der Batsheva-Compagnie, die 2007 bei Movimentos zu Gast war, und Pollak, der vor zehn Jahren zu dem 1992 von Pinto gegründeten Ensemble kam, entwickeln surreale, groteske Bilder von einem Leben mit vielen, vielen Sinnen.

Auch ihr Bewegungsvokabular ist vielsprachig. Zum Beispiel puppen- und marionettenhaft. Einer der gesichtslosen Gesellen auf der Bühne (sein ganzer Körper inklusive Kopf steckt im Trikot) hält in jeder Hand je einen schwarzen Haarschopf fest, an denen er das dazugehörige Mädchen tanzen lässt. Es gibt auch weiche, schmelzende Bewegungen, als würde der Körper nicht von harten Knochen, sondern von rotierenden Bändern gehalten. Gleich denen, die die Frau im Abendkleid am Anfang und Ende des märchenhaften Spektakels um sich herum schwingt.

Wie verändertes Licht aus dem Schneefeld (winzige Silikonkügelchen) eine Sandwüste werden lässt, so scheint hier keine Spur dingfest zu sein. Unter den Nachrichten, die aus der Heimat der Tänzer von Krieg und Aggression berichten, brodelt das Magische und Geheimnisvolle. Selbst die Musik ist scharlatanhaft eingesetzt: Klavier und Kastagnetten, Charleston, Ländler und Menuett, Purcell, Chopin und Arvo Pärt ordnen sich assoziativ in die spielerische Melange ein.
Die beiden künstlerischen Leiter fehlten bei dem Gastspiel, weil just am Tag der Wolfsburger Premiere ihr zweites Kind geboren wurde. Das blieb das einzig Eindeutige an diesem kurzweiligen Abend.

von Alexandra Glanz

„Shaker“ ist am Sonnabend um 20 Uhr noch mal zu sehen. Die Movimentos-Festwochen enden mit dem Gastspiel der brasilianischen Compagnie von Deborah Colker, die am 26., 27. und 28. Mai die Europapremiere von „Cruel“ zeigt.