Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Die große in der kleinen Welt
Mehr Welt Kultur Die große in der kleinen Welt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:53 23.10.2013
Foto: „Neu gemacht“: Kuratorin Hilke Langhammer und Direktor Jochen Meiners (oben) haben die Dauerausstellung im Bomann-Museum runderneuert und konfrontieren hinter der alten Fassade (unten) in neuer Weise soziale Kontraste – etwa von Kinderarbeit und Kinderspielzeug (Mitte).
„Neu gemacht“: Kuratorin Hilke Langhammer und Direktor Jochen Meiners (oben) haben die Dauerausstellung im Bomann-Museum runderneuert und konfrontieren hinter der alten Fassade (unten) in neuer Weise soziale Kontraste – etwa von Kinderarbeit und Kinderspielzeug (Mitte). Quelle: Insa Cathérine Hagemann
Anzeige
Celle

Auf den ersten Blick fällt die wandhohe Fotografie der Arbeiter ins Auge, vor der Spinde wie in einer Fabrikumkleide stehen. Doch hinter den metallenen Verschlägen stecken ganz verschiedene Lebensläufe. Etwa der des Bäckerssohns Harry Trüller (1868–1934), der in Celle zum Zwiebackfabrikanten aufstieg. Oder der von Güle Özden, einer kurdischen Jezidin, die 1954 in der Türkei zur Welt kam und als Arbeiterin bei Telefunken bis zur Schließung des Werkes in Celle dabei war. Und in einem Spind daneben trifft man auf Josef Rochell (1918–1996), der aus der Provinz Posen stammt und jahrzehntelang im Kaliwerk „Mariaglück“ in Höfer bei Celle als Diplomingenieur gearbeitet hat.

Drei Jahrhunderte, drei Schicksale, drei von vielen Wegen, die sich in Celle kreuzen. Wie in diesen Lebensgeschichten auch Universalhistorie durchscheint, das trifft man im Alltag oft an – doch in Museen immer noch selten. Wohl aber im Bomann-Museum, dem kulturgeschichtlichen Haus am Platze, das jetzt seine Pforten wieder öffnet. „Neu gemacht“, lautet der Slogan des Museums dazu. Für dessen Direktor Jochen Meiners ist die Neugestaltung der Schlussstein eines Umbaus, der auch das Residenzmuseum im gegenüberliegenden Schloss und das benachbarte Kunstmuseum einbezieht. „Das ist das Ende eines Zehn-Jahres-Plans der Museumsentwicklung“, sagt der Chef aller städtischen Museen sichtlich zufrieden. „Im Bomann-Museum haben wird es zum Prinzip erhoben, Geschichte der Stadt und der Region anhand von Einzelschicksalen zu erzählen.“

Kein Wunder, dass im Erdgeschoss ein Rundgang den chronologischen Überblick über die Geschichte von Stadt und Region auch in einzelnen Lebensläufen widerspiegelt. Dass man im Obergeschoss auf die von Harry Trüller erfundene Zwiebackschneidemaschine stößt. Auf ein Modell des Bergwerks „Mariaglück“, das Josef Rochell gebaut hat. Und im Dachgeschoss auf eine Station zur Einwanderung kurdischer Jeziden, die in Celle nur die jüngste Migrantengruppe bilden. Zuvor hat sich Celles Einwohnerzahl durch die Ankunft von Flüchtlingen und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg um rund ein Drittel erhöht. Und dass es Zuwanderung lange davor gab, wird hier am Beispiel der Hugenotten dokumentiert, die wie später die Jeziden im Ringen um Religionsfreiheit ihre Heimat verlassen haben.

„Statt nach Sammlungsteilen haben wir die Präsentation nach Epochen geordnet“, erläutert Kuratorin Hilke Langhammer das Ordnungsprinzip, das der relativ jungen Forschungsrichtung der historischen Anthropologie entstammt. „Statt Experten für Textilien oder für Keramik bilden wir Expertise dafür aus, was die Exponate den Menschen in ihrer Zeit bedeutet haben.“ Die höchst vielfältige, mehr als hundert Jahre alte und teils sehr viel ältere Exponate umfassende Sammlung wird so zur Illustration städtischer und ländlicher Lebenswelten genutzt. Im Dachgeschoss beispielsweise geht es vor violetten Wänden um Heide-Visionen – auf zahlreichen Ölgemälden, in einer Fotocollage zum Heide-Tourismus, in einem Ausschnitt aus dem Heimatfilm „Grün ist die Heide“ und nicht zuletzt in Werken von Hermann Löns. Es entbehrt nicht der Ironie, dass dem Heidedichter hier ein „Schreibtisch“ mit Bild- und Textbeispielen ausgerechnet unter dem Dach jenes Gebäudes gewidmet ist, dessen Äußeres er einst als „Architekturpudding“ verspottet hat.

In der Tat bietet das 1907 errichtete Haus eine wilde Baustilmischung aus Gotik, Renaissance und Klassizismus, mit neoantiken Säulenzitaten, Fachwerkerkern und einem angedeuteten Turm von Burgfried-Ausmaßen. Aber der erste Museumsdirektor Wilhelm Bomann wollte eben alle Stile der Stadt Celle darin vorkommen lassen – und war dabei doch nicht provinziell. Immerhin hatte der Fabrikantensohn Lehrjahre in New York verbracht. Und bis ins hohe Alter war er für seine Redekunst bekannt, mit der er bei den Bürgern Spenden fürs Museum einsammelte und Bauern Exponate abschwatzte. So kommt es, dass im Erdgeschoss gleich ein ganzes Bauernhaus nebst Inventar zu bestaunen ist – das gut zum lebensweltlichen Präsentationsansatz seines Nachfolgers Meiners passt und nur behutsam überarbeitet wurde.

Das niederdeutsche Bauernhaus scheint zwar noch immer die Aura provinzieller Genügsamkeit und Beschaulichkeit zu atmen. Doch jenseits solchen Traditionsbestands wurden bei der Neugestaltung des Bomann-Museums klare sozialgeschichtliche Akzente für Innovation und Modernisierung gesetzt. Celle wird so auch als Wirkungsstätte des Agrarmodernisierers Albrecht Daniel Thaer, des jüdischen Armenarztes Philipp Simon Dawosky oder des Architekten Otto Haesler geschildert, der im Süden der Stadt das größte zusammenhängende Bauhaus-Ensemble Deutschlands errichtet hat. Wer glaubt, dass Stadt und Region sich in Fachwerkidyll, Heideblüte und Fürstenprunk erschöpfen, wird hier also eines Besseren belehrt: Celle kann erstaunlich modern sein.

Unerhört modern ist auch eine literarische Größe, die 20 Jahre im Dorf Bargfeld östlich der Stadt gelebt hat: der Schriftsteller Arno Schmidt. Dass dessen „Schreibtisch“ unterm Museumsdach Stirn an Stirn mit dem von Löns steht, der seine Glossen im „Hannoverschen Anzeiger“ einst mit „Fritz von der Leine“ zeichnete, ist ein heftiger Kontrapunkt – und durch ein Wort Arno Schmidts gerechtfertigt: „Ich bin ja nun mal ein Heidedichter, allerdings etwas anderer Art als Fritz von der Leine, nich?“ In der Tat. Auch das wird hier dokumentiert – mit einem Exemplar von Schmidts monumentalem 1334-Seiten-Opus „Zettel’s Traum“ und mit Auszügen einer Simultanlesung von Jan Philipp Reemtsma, Joachim Kersten und Bernd Rauschenbach aus dem Dreispalten-Experimentalwerk. Zu hören ist sie an einer von mehr als 50 Medienstationen, die in dem Museum neu installiert wurden – vom Computer über Audioplätze bis zu Touchscreen-Präsentationen.

Solcher Aufwand lässt ahnen, dass die Umgestaltung nicht ganz billig war. „Das Ganze hat 3,5 Millionen Euro gekostet“, sagt Museumsdirektor Bomann. Davon stammten anderthalb Millionen aus EU-Töpfen, eine Million habe die Stadt Celle finanziert, den Rest hätten elf Geldgeber beigesteuert, vor allem die Sparkassenstiftung, die regionale Sparkasse, der Landschaftsverband und der Landkreis. „Dafür“, sagt Meiners, „muss man natürlich Klinken putzen gehen.“

Aber damit steht er ja in der Tradition Wilhelm Bomanns. Und dabei tritt Jochen Meiners durchaus selbstbewusst auf. „Unser Haus ist auch ein Ziel für Touristen – und die zahlen nicht nur Eintritt, sondern lassen auch sonst Geld in der Stadt“, sagt er. „Ein Museum, das nicht unterfinanziert ist, wird damit nicht nur kulturell sondern auch finanziell zum Gewinn.“ Mit solcher Zuversicht geht der Museumsdirektor jetzt übrigens daran, auch die beiden anderen von ihm geführten Häuser, das Haesler- und das Garnison-Museum, auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen.

Eröffnung am Sonnabend um 10 Uhr. Am Wochenende ist der Eintritt frei. Sonntag starten von 11 bis 16 Uhr im Viertelstundentakt Führungen. Außerdem bietet die museumspädagogische Abteilung des Hauses vier Workshops für Kinder an. Bomann-Museum, Schlossplatz 7 in Celle. Details unter www.bomann-museum.de

Kultur Keine neue Amtszeit für Kulturstaatsminister - Sorgen um Bernd Neumann
23.10.2013
Martina Sulner 21.10.2013