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21:53 08.12.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Absturzgefährdet: Sina Martens, Philippe Goos, Karolina Horster, Susana Fernandes Genebra und Sandro Tajouri (v. l.). Quelle: Isabel Machado Rios
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Hannover

Es kommt gar nicht darauf an, immer der Erste zu sein. Jedenfalls im Theater. Da ist es auch gut, mal der Zweite, Dritte oder Vierte zu sein. So hat etwa die Sucht des Betriebs nach Uraufführungen für Autoren eine unangenehme Nebenwirkung: Weil niemand der Zweite sein will, schaffen viele Stücke nicht mehr als nur die Uraufführungsinszenierung. Hannovers Schauspielintendant Lars-Ole Walburg hat sich vorgenommen, da gegenzusteuern. Er setzt mit seinem Team auf junge Autoren, verzichtet aber bewusst darauf, die Stücke immer als Uraufführungen herauszubringen. Denn nachspielen ist wichtig und hilft jungen Autoren oft noch mehr als die Uraufführung.

Jetzt hatte ein junges deutsches Stück über deutsche Gegenwart, die von deutscher Geschichte nicht zu trennen ist, auf der Cumberlandschen Bühne Premiere: Dirk Lauckes „Zu jung zu alt zu deutsch“. Der Autor wurde mit dem Stück „alter ford escort dunkelblau“ bekannt; dafür erhielt er den Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker und eine Einladung zu den Mülheimer Theatertagen. Für das Theater Osnabrück hat er nach der dortigen Uraufführung des Ford-Stücks die Auftragsarbeit „zu jung zu alt zu deutsch“ geschrieben, 2009 wurde das Stück dort uraufgeführt.

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„Zu jung zu alt zu deutsch“ bietet ein Panorama deutscher Befindlichkeiten, 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Putzhilfe Gitte geht ein Satz wie „Arbeit macht frei“ ziemlich locker von den Lippen (aber die wie so oft ganz wunderbare Susana Fernandes Genebra macht durch verschämtes Kichern deutlich, dass ihr der historische Kontext durchaus bewusst ist), und der Schlägertyp Micha, der sich nach einem Aufenthalt im Gefängnis Roy nennt, erzählt stolz, wie er beim Schulausflug besoffen durch das KZ Dachau gewankt ist. Die Vergangenheit ist bekannt, aber nicht aufgearbeitet. Sie lässt uns nicht los, aber manche scheinen sich davon befreien zu wollen. Lauckes Stück ist kaleidoskopartig aufgebaut. Der Zuschauer lernt verschiedene Paarkonstellationen kennen, Berührungspunkt und Zentrum der Geschichten ist ein sexbesessener Nazi-Großvater. Der tritt nicht auf, das Gemeinsame der Geschichten bleibt im Dunkel.

Das Stück bietet schöne Spielvorlagen. Micha, der sich jetzt Roy nennt, ist ein aufbegehrender Schlägertyp – Sandro Tajouri lässt ihn ziemlich gefährlich erscheinen. Der gute Jens (Philippe Goos) ist eine Art Gegenpol: der brave Bürger als Würstchen. Karolina Horster spielt Sascha aus Kasachstan, und Sina Martens ist als Lydia zu sehen, die Freundin von Jens, die früher mit Micha zusammen war. Sie sind beide sehr brav. Der junge Regisseur Nick Hartnagel (der zuvor „Fabian“ und „Die Römische Octavia“ in Hannover inszeniert hat) lässt die Sache in einer guten Stunde über die schräg gestellte Bühne (von Mareike Hantschel) gehen. Und das reicht durchaus.

Im Stück ist viel von Blut die Rede; Gitte und Sascha putzen in der Blutbank, Sascha verletzt sich, Roy schlägt Jens die Zähne aus. In Hartnagels Inszenierung fließt allerdings kein Blut, er nimmt rote Plastiktüten dafür. Im gelben Licht leuchten sie dann aber bräunlich. Soll das so sein?

Die schräge Bühnenfläche bringt im Übrigen nichts wirklich ins Rutschen. Ergriffen, geschockt, gepackt oder gar verstört muss sich hier kein Zuschauer fühlen.

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