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Kultur Corinna Harfouch erzählt von Nahtoderfahrung
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18:09 02.06.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Corinna Harfouch freut sich über den Berliner Theaterpreis. Im Kostüm nach der Probe wollte sie sich nicht fotografieren lassen. Quelle: Arno Burgi
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Hannover
Bei den Dreharbeiten zum zweiten „Bibi Blocksberg“-Film ist die Schauspielerin Corinna Harfouch 2003 fast ertrunken. Im Gespräch mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung berichtet sie jetzt von ihrer Nahtoderfahrung. Sie habe den Stunt im Wildwasserfluss unbedingt selber machen wollen. 
Corinna Harfouch probt zur Zeit in Hannover Heiner Müllers Stück "Der Auftrag". Premiere der Kooperation zwischen dem Schauspiel Hannover und den Ruhrfestspielen Recklinghausen ist am 9. Mai im Theater Marl. In Hannover wird die Inszenierung zum Auftakt der kommenden Spielzeit am 11. September gezeigt.  

Interview mit Corinna Harfouch

Das ist ein merkwürdiges Kostüm, das Sie da tragen. Welche Rolle spielen Sie damit in Heiner Müllers „Der Auftrag“?

Ich spiele den Debuisson und den Mann im Fahrstuhl.

Sie sind ein Clown.

Ja, ein Weißclown.

Macht es sich das Theater nicht zu einfach, wenn es immer wieder Clowns auf die Bühne bringt?

Macht das Theater das? Ich weiß es gar nicht.

Ich habe so den Eindruck. Ich habe schon sehr, sehr viele Clowns auf der Bühne gesehen, gerade auch in Hannover.

Okay. Aber der Auftritt von Clowns ist hier durchaus berechtigt, weil Heiner Müller eine sehr intensive Sehnsucht nach dem Zirkus hatte. Alexander Kluge erwähnt diese Zirkussehnsucht, die Heiner Müller besonders am Ende seines Lebens hatte, auch in seiner Trauerrede.

Gut. Das mag inhaltlich berechtigt sein, aber wie ist das für Sie als Schauspielerin?

Es ist mein erster Clown.

Als Clown kann man als Schauspieler doch nie zuviel tun. Oder?

Nun ja, wir kennen uns in der Clownskunst ja nicht wirklich aus. Hier sind die Clowns in eine sehr strenge Form eingebunden. Wir probieren Ungewöhnliches aus. Wir synchronisieren Heiner Müllers Stimme. Es gibt eine Aufnahme von Heiner Müller, die um 1980 herum gemacht wurde. Da hat er, kurz bevor er den „Auftrag“ inszeniert hat, eine Lesung des Textes gemacht. Mit dieser Aufnahme arbeiten wird. Sie wurde natürlich geschnitten und bearbeitet. Eine sehr entscheidende Komponente wird dabei die Musik der „Tentakeln von Delfi“ sein.

Sie sind gerade mit dem Berliner Theaterpreis ausgezeichnet worden, den Gertrud-Eysoldt-Ring und die Goldene Kamera haben sie auch schon längst. Gibt es einen Theaterpreis, den Sie noch nicht haben?

Ich kenne mich in der Vielzahl der Theaterpreise nicht so gut aus, um diese Frage angemessen beantworten zu können.

Ich meine, Sie haben schon alle.

Tja. Dann ist es damit nun wohl vorbei. Das war’s.

Diese vielen Preise stehen ja für etwas. Die Leute mögen sie, und die Jurys mögen sie. Was glauben sie, warum?

Also wirklich, das weiß ich doch nicht, das müssen Sie schon die Leute fragen. Ich arbeite auch nicht gerade wenig. Und ich hatte sehr viel Glück mit guten Arbeiten, die auch bemerkt wurden. Das liegt jetzt nicht nur an mir, sondern auch an dem jeweiligen Umfeld.

In der Rede zum Berliner Theaterpreis hat Alexander Khuon über Sie gesagt: „Corinna ist ziemlich schonungslos, was die Investitionsmenge angeht. Dadurch ist ihre Auszahlung am Ende sehr hoch.“ Was investiert man genau als Schauspielerin?

Ich habe das Empfinden, dass ich vieles von meinen Rollen selber erfinde. Ich fordere Intensität, und ich gebe sie auch. Etwas Intensives zu erleben, ist meiner Ansicht nach das schönste Vergnügen für den Zuschauer.

Wenn über Sie geschrieben wird, fallen oft die Worte Schonungslosigkeit und Hingabe.

Ich weiß das gar nicht genau. Ich will etwas erleben. Ich will nicht einschlafen, während ich spiele. Niemand kann mich daran hindern, zu der Spielenergie zu finden, bei der ich mich wohlfühle.

Meinen Sie damit immer das Maximum?

Spielenergie bedeutet nicht, die ganze Zeit immer nur durchzupowern oder Kraftmeierei zu betreiben. Spielenergie bedeutet auch, eine gewisse Komplexität der Figur zu erwischen.

Und worauf konzentrieren Sie Ihre Spielenergie bei den Proben zu Müller?

Hier geht es viel um Akrobatik. Wichtig ist eine große Präzision. Die Arbeit mit dem eingespielten Müllertext macht mir gerade sehr großen Spaß.

Das klingt aber auch so, als ob der Schauspieler hier Teil einer großen Maschine wäre. Die Technik gibt den Rhythmus vor, und Sie sind dann nur noch Erfüllungsgehilfin.

Nein, nein, nein, nein. Niemals ist ein Schauspieler Erfüllungsgehilfe. Hier gibt auch nicht die Maschine den Rhythmus vor, den Rhythmus haben wir selbst erarbeitet, und es macht sehr viel Spaß, in diesem Rhythmus zu bleiben und etwas Eigenes zu schaffen.

Wenn der Autor hier im Originalton auf die Bühne kommt - ist das dann auch eine Müller-Heldenverehrung?

Nein. Abgesehen davon, dass Heiner Müller das durchaus verdient hätte.

Sie proben in Hannover, die Premiere ist in Marl, aus Berliner Perspektive sieht das wie ein Ausflug in die Provinz aus.

Erstens arbeiten wie mit Heiner Müller. Und das ist schon mal überhaupt kein Ausflug in die Provinz. Zweitens, und das ist wirklich wahr, fühle ich mich hier unglaublich wohl. Ich war vom ersten Tag an wirklich glücklich hier. Das hängt auch mit dem sehr angenehmen Ensemble zusammen. Die Kollegen sind frisch, interessiert, lässig. Ich mag die sehr.

Der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier hat Sie einmal eine „blitzgescheite Beherrschungsberserkerin“ genannt. Ich finde, er hat Sie damit ganz gut getroffen. Was meinen Sie?

Der Herr Stadelmaier macht seinen Beruf ja wohl auch mit Leidenschaft und hat mit Sicherheit auch Spaß an seinen Wortschöpfungen. Ich freue mich, dass ich ihm Anlass für solch eine Wortschöpfung gegeben habe, aber letztendlich lasse ich so etwas eher an mir vorbeirauschen.

Um noch einmal auf die Investitionsenergie zu kommen: Mindestens einmal haben Sie wohl zu viel gegeben. Bei den Dreharbeiten zu einem „Bibi Blocksberg“-Film sind Sie fast ertrunken. Hatte das etwas mit Intensität und Einsatzbereitschaft zu tun?

Vielleicht. Ich weiß aber gar nicht, was daran besonders sein soll. Ich empfinde das als ganz normal. In diesem Fall wollte ich den Stunt im Wildwasserfluss unbedingt selber machen. Das hatte ganz persönliche Gründe. Ich war damals vielleicht ... aus bestimmten Gründen ... sogar ein bisschen todessehnsüchtig.

War das das schlimmste Erlebnis in Ihrer Karriere?

Ich habe eine sehr gute und wichtige Erfahrung damit gemacht: Dass nämlich Ertrinken überhaupt nicht so schlimm ist, wie man sich das immer vorstellt. Es ist tatsächlich sehr sanft gewesen. Irgendwann war ich unter Wasser und kam nicht mehr an die Oberfläche. Kurioserweise habe ich da vollkommen richtig gehandelt: Ich habe einfach gar nichts gemacht. Ich habe gedacht: Schließ’ deinen Mund. Und dann habe ich gedacht: Jetzt sollten sie aber bald kommen. Und dann war ich weg. Erst war alles schwarz, dann zogen so weiße Fäden an mir vorbei und dann war alles blendend weiß. Es war großartig, dass ich das erleben konnte.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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