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Kultur Coco Schumann in Hannover
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18:29 27.01.2013
Von Simon Benne
Musikmachen und Erzählen: Gitarrist Heinz Jakob „Coco“ Schumann und sein Quartett in der Villa Seligmann. Quelle: Tobias Kleinschmidt
Hannover

Natürlich, den hat er gekannt. Er hat den Namenszug von Louis Armstrong im Goldenen Buch der Stadt Hannover entdeckt, als er sich jetzt selbst dort eingetragen hat. „Hab ick mit jespielt, mit Louis“, berlinert Coco Schumann. Er hat ja mit fast allen Großen gespielt in seinem 88-jährigem Leben. Als Schulkind trommelte er in Berlin mit Kochlöffeln herum, während die anderen zur HJ gingen. In den Dreißigern machte er in Bars heimlich „undeutsche“ Jazz- und Swingmusik. „Einmal kam Gestapo-Kontrolle“, erzählt er. „Sie müssen mich jetzt verhaften“, erklärte er den Schergen. „Erstens bin ich minderjährig, zweitens Jude und drittens spiele ich Jazz.“ Doch die Nazis lachten und ließen ihn unbehelligt: „Die dachten, ich mache nur Flachs“, erzählt Schumann und freut sich noch heute diebisch über seine damalige Chuzpe.

Der Jazzer ist nach Hannover gekommen, um mit seinem Quartett als Gast der Siegmund Seligmann Stiftung in der Villa Seligmann zu spielen. Doch erst einmal erzählt er auf der Bühne im Gespräch mit Jazz-Club-Chef Bernd Strauch aus seinem Leben. Im März 1943 wurde er nach Theresienstadt deportiert, das die Nazis ausländischen Delegationen als scheinbar humanes Vorzeigelager präsentierten. „Dort durfte man alles machen, was man sonst nicht durfte“, sagt er. Zum Beispiel Jazzmusik. Und weil der Schlagzeuger der Bigband schon nach Auschwitz verschleppt war, stieg er bei der Kapelle ein, die sich „Ghetto-Swinger“ nannte. Später, als er selbst nach Auschwitz deportiert worden war, gehörte er zu den Musikern, die an der Todesrampe spielen mussten. „Die SS-Männer wollten immer ,La Paloma’ hören“, sagt er. In der Villa Seligmann herrscht Totenstille, als er davon erzählt.

Schumann überlebte. Die Musik, sagt er, habe ihm das Leben gerettet. Das gilt wohl in mehrfacher Hinsicht. Als er mit seinem Quartett zu spielen beginnt, spürt man, welch existenzielle Bedeutung der Jazz für ihn hat. Da sitzt er hinter seiner Gitarre, hält diese fast so tief zwischen den Beinen wie ein Cello und zupft mit großer Lässigkeit Duke Ellingtons „Take the A-Train“. Die Band nimmt sich zurück, alle lassen einander Raum. Keiner muss dem anderen etwas beweisen. Karl-Heinz Böhm gelingt am Saxofon das Kunststück, druckvoll und zugleich entspannt zu spielen. Thomas Koch am Bass und Sven Kalis am Schlagzeug bleiben meist im Hintergrund, sind aber mit großer Präzision dabei. Es gibt Samba, Swing, Standards. Alte Schule, gute Schule.

Vor allem aber gibt es Coco Schumann. Er gilt als erster Deutscher, der nach dem Krieg E-Gitarre spielte. Er ließ sich ein Instrument bauen, das so klang wie die in den US-Soldatensendern. „Die Magneten kamen aus alten Funkerkopfhörern der Wehrmacht“, sagt er. In Berlin gab es damals nur eine Handvoll Jazzklubs. „Stars aus den USA gingen dort hin, wenn sie nach ihren Konzerten noch einen Absacker nehmen wollten“, erzählt er. Frank Sinatra war einer von ihnen. „Und einmal geht die Tür auf, und Ella Fitzgerald kommt herein.“ Im „Studio 22“ stand plötzlich die Frau, deren Musik ihn selbst zum Jazz gebracht hatte, und fragte, ob sie mitsingen darf. „Wie ein schüchternes Mädchen“, sagt er. „These Foolish Things“ spielten sie zusammen. Schumanns Augen leuchten, wenn er davon spricht.

Inzwischen ist er selbst eine Legende, und auf der Bühne zeigt er, warum das so ist. Die Finger müssen gar nicht mehr so flink sein, wenn man mehr als 70 Jahre Bühnenerfahrung und immer ein paar Sprüche in petto hat. Er lächelt wie Paul Kuhn, nimmt bei Soli sein Plektrum lässig in den Mund. Bei „Georgia on my Mind“ lässt er sich viel Zeit, bis seine Töne in den Strom der Melodie einfließen. Bei seinem „Stripperblues“ improvisiert er gniedelnd drauf los, und alle zwei Takte sieht er so aus, als würde er gerade etwas ganz Neues entdecken. Man merkt: Der alte Herr dort hat Spaß an dem, was er tut.

„Autumn Leaves“, „Sentimental Journey“ - nach dreieinhalb Stunden verabschiedet er sich vom Publikum: „Auch Musiker haben ein Liebesleben.“ Die Besucher applaudieren stehend.

In der Garderobe erinnert er sich wieder an Louis Armstrong. Einmal, im Berliner Jazz-Klub „Badewanne“, habe er den Amerikaner gefragt, warum er so viel kommerzielles Zeug mache. Armstrong habe geantwortet: „Es ist nicht wichtig, was du spielst, es ist wichtig, wie du spielst.“ Schumann macht eine Pause. Er nickt. „Mit Louis hab’ ick mich anfürsich sehr jut verstanden.“

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