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Kultur Christoph Schlingensief ist 49-jährig gestorben
Mehr Welt Kultur Christoph Schlingensief ist 49-jährig gestorben
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20:18 22.08.2010
Von Stefan Arndt
Christoph Schlingensief ist am Sonnabend gestorben. Quelle: afp
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Schlingensief: Der Name klang gefährlich Anfang der neunziger Jahre. Irgendwie schlangenhaft und heimtückisch bedrohlich – er passte nur gut zu einem, den die Medien gerade als „Provokateur“ und „Berserker“ zu entdecken begannen. An der Berliner Volksbühne, wo man in den Nachwendejahren das Theater des noch jungen wiederver­einigten Deutschlands machte, holte Schlingensief als Hausregisseur das Blut und das Chaos auf die Bühne, mit denen es zuvor schon seine Filme zu Untergrundberühmtheiten gebracht hatten. „Das deutsche Kettensägenmassaker“ heißt der berüchtigtste davon: Eine westdeutsche Metzgerfamilie feiert darin die Wende auf jene sonderbare Weise, auf die der Film­titel so unzart anspielt. Auch Schlingensiefs Theaterabende waren nicht ganz ungefährlich: In „Rocky Dutschke“ suchte er mit eitrigen Blasen auf der nackten Brust den Hautkontakt zum Publikum. So einer musste doch einfach einer der wilden Männer sein, an denen die Theater- und Kunstgeschichte so reich ist.

So war man überrascht, wenn man dem vermeintlichen Berserker endlich einmal gegenüberstand. „Schlingensief“, sagte der Mann bei der Begrüßung und streckte artig die Hand aus. Es klang gar nicht gefährlich, sondern zurückhaltend, höflich und nicht einmal eitel. Im frischen Gesicht des Mittdreißigers hatte sich der ­Babyspeck gehalten, die Augen waren von feinen Lachfältchen umgeben. Die Haare türmten sich struppig wie bei Max von Wilhelm Busch, und es dauerte nicht lange, bis aus Schlingensief Christoph wurde: Der „Provokateur“ war in Wahrheit ein großer, netter Junge, der eben manchmal komische Sachen machte; einer der angesagtesten, hippsten Künstler war eine Figur wie aus einer anderen Zeit: ein Lausbube. Kein Wunder, dass „Rocky Dutschke“ als flüssigkeitsabweisende Hörspielfassung später den Preis der Kriegsblinden bekam.

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Das eilig angeheftete Etikett des Provokateurs blieb Schlingensief allerdings treu, als seine Aktivitäten auch außerhalb der Kulturwelt wahrgenommenen wurden – auch wenn das eher Streiche als verbissen ernste Kunstaktionen waren: Mit den Anhängern seiner selbst gegründeten Partei Chance 2000 etwa wollte er 1998 das Urlaubsdomizil von Helmut Kohl durch ein Massenbad im Wolfgangsee fluten. Der Kanzler überstand das ebenso unbeschadet wie Schlingensiefs vorhergehenden Talkshowaufruf „Tötet Helmut Kohl“, der dem Medienkünstler selbst immerhin eine Festnahme einbrachte. Auf dem Wiener Opernplatz baute er einen „Big-Brother“-Container, dessen Bewohner in Österreich vergeblich Asyl beantragt hatten – und die Zuschauer durften jeden Tag einen auswählen, der abgeschoben werden sollte. In Berlin sammelte er Geld, um unter dem Motto: „Rettet den Kapitalismus“ 10.000 Zehnmarkscheine vom Reichstag zu werfen.

Wie zuvor der Film wurde Schlingensief das Theater bald zu eng. Im Wiener Burgtheater baute er begehbare Kulissen als eigenständiges Kunstwerk auf die Bühne, und auch seine viel besprochene Bayreuther „Parsifal“-Produktion hatte 2004 mehr von einer Installation als von einer Inszenierung: Videos wie das eines langsam verwesenden Hasen überlagerten das üppig-trashige, mit Schriftzügen bedeckte Bühnenbild, das ständig in Bewegung war und immer neue Bilder präsentierte.

Da war es nur konsequent, dass der Regisseur ein Jahr später eine Gastprofessur an der Braunschweiger Kunsthochschule annahm. Bei seiner Antrittsvorlesung konnte man einen guten Eindruck seines Kunstverständnisses gewinnen: Schlingensief plauderte von Bayreuth und seiner Kindheit als Apothekersohn in Oberhausen und garte auf dem Podium mit Freunden einen Putenrollbraten. Der Hexenmeister als Chefkoch: Schlingensief war groß darin, unterschiedliche Einflüsse zu einem ganz eigenen, gekonnt nebensächlichen Stil zu vermischen. So kam es, dass die Schlingensief-Ästhetik eine Zeit lang so aussah wie die Kunst des Malers Jonathan Meese – und so klang wie die skurrilen Beatles-Bearbeitungen von Klaus Bayer. Ein fester Stamm von Schauspielern, Malern, Musikern und Lebenskünstlern gehörte damals zum Schlingensief-Universum.

Doch Ende 2007 ändert sich Leben und Kunst schlagartig, als bei Schlingensief Lungenkrebs diagnostiziert wird.

Er überlebt Operationen und Chemotherapie und bringt kaum ein halbes Jahr später bei der Ruhrtriennale 2008 ein Stück auf die Bühne, das seine Krankheit thematisiert: „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. Das Stück ist der Beginn einer völlig veränderten Rezeption: Statt als ewiger Provokateur wird Schlingensief nun einer ungewöhnlich breiten Öffentlichkeit als „ernsthafter“ Künstler bekannt. Am Wiener Burgtheater erlebt er mit seiner Readymade-Oper „Mea Culpa“ seinen größten Theatertriumph. In Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ werden die Lausbuben am Ende zu Brot. Schlingensief inszeniert sein öffentliches Sterben in großen Spielen.

Gleichzeitig beginnt er damit, seinen während der Krankheit gefassten Plan von einem Festspielhaus für Afrika zu verwirklichen. In Burkina Faso findet er den Ort für ein Kulturzentrum mit angeschlossener Schule und Krankenstation, bei dem für den Europäer nur die Rolle des Lernenden vorgesehen ist: Das Opernhaus für Afrika solle ein lehmgefügtes Monument für die afrikanische Kultur sein.

Bei den Kunstfestspielen in Herrenhausen war vor wenigen Monaten eine ­„Außenstelle“ des Operndorfs zu sehen. Zur Eröffnung konnte Schlingensief bereits nicht mehr anreisen. Die in einem Hotelzimmer aufgenommene Videobotschaft, auf der Schlingensief in Hannover um Spenden für sein Projekt warb, war einer seiner letzten öffentlichen Auftritte.

Am Sonnabend ist der Künstler und Regisseur nun im Alter von 49 Jahren seiner Krankheit in Berlin erlegen. Das teilte unter anderem die Ruhrtriennale mit, wo bis vor wenigen Wochen für diesen Tag eine neue Theaterproduktion mit Schlingensief geplant war. Den letzten Traum von einem Tod in Afrika konnte er sich nicht mehr erfüllen. Die Beisetzung soll in aller Stille stattfinden, Freunde wollen aber ein großes Theaterfest zu Ehren des Regisseurs organisieren. Statt Blumen wünscht sich die Familie Spenden für Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso.

Pläne für die Zukunft hat der Schwerkranke, der erst im vergangenem Jahr seine Freundin Aino Laberenz geheiratet hatte, noch reichlich gehabt: Im Oktober sollte er die erste Produktion der Berliner Staatsoper an ihrem Umbaudomizil im ehemaligen Schillertheater inszenieren. Als Künstler sollte er im kommenden Jahr den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig gestalten. Und für den Herbst, kurz vor seinem 50. Geburtstag, war die Veröffentlichung seiner Autobiografie geplant. Schlingensiefs letztes Buch, das „Tagebuch einer Krebserkrankung“, war im vergangenem Jahr ein großer Erfolg. „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!“, war der Titel.

Lieber Christoph, wir hoffen, du hast dich geirrt.

Kultur Bedeutender Regisseur der Gegenwart - Trauer um Christoph Schlingensief
23.08.2010