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Kultur Christian Kracht provoziert wieder
Mehr Welt Kultur Christian Kracht provoziert wieder
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07:43 15.02.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Christian Kracht provoziert mit seinem neuen Roman "Imperium." Quelle: dpa
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Hannover

Von welchem Autor würde man eigentlich den nächsten großen deutschen Gegenwartsroman erwarten? Einen Roman, der wichtig ist und geheimnisvoll, der etwas sagt über unsere Zeit und auch über die Zukunft, der Neues wagt, der überrascht und verstört. Einen Roman, der in einer Sprache geschrieben ist, die andere Schriftsteller neidisch machen könnte. Einen Roman, den man nicht so ohne Weiteres als Spielerei, Fingerübung oder Ganz-nett-aber-Roman abtun kann. Wer könnte das schreiben? Ulrich Peltzer? Uwe Tellkamp? Sibylle Lewitscharoff? Rainald Goetz? Daniel Kehlmann? Bernhard Schlink? Ingo Schulze? Juli Zeh? Ja. Ja. Ja. Sicher doch. Aber der strahlendste Kandidat dafür wäre ein anderer: Christian Kracht.

Oder doch nicht? Ist Christian Kracht, der Freund dandyhafter Distinktion, der Beschwörer von Reinheit und Läuterung, möglicherweise gar ein deutscher Céline? Einer der antimodernem, demokratiefeindlichem, totalitärem Denken den Weg bahnt? „Krachts Koordinaten waren immer Vernichtung und Erlösung. Er platzierte sich damit sehr bewusst außerhalb des demokratischen Diskurses“, schreibt der Kritiker Georg Diez im „Spiegel“. Der Verleger Helge Malchow reagierte umgehend mit einer Erklärung. Darin heißt es: „Der Vorwurf der Verbreitung rassistischen Gedankenguts in Bezug auf Christian Krachts hoch gelobten Roman ,Imperium‘ ist bösartig und stellt den Autor Christian Kracht auf perfide Weise an den Pranger.“

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Hoppla. Das Land hat einen Literaturskandal. Den Absatz des Romans, der am Donnerstag in den Buchhandel kommt, dürfte das befördern. Aber ist jetzt eine Warnung vor dem Buch angebracht?

Das dann doch nicht. „Imperium“ ist ein Südseemärchen, eine Abenteuergeschichte vom Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Spielort ist Papua-Neuguinea. Die Küstenstadt Rabaul und die vorgelagerten Inseln sind deutsches Kolonialgebiet. Hierhin verschlägt es August Engelhardt aus Nürnberg, eine – nach einer historischen Vorlage gearbeitete – Figur der Lebensreformbewegung. Der „Bartträger, Vegetarier, Nudist“ ist ein früher Aussteiger, ein sympathischer, weltfremder Asket. Er ist – anders als Literaturkritiker Diez das sieht – nicht Hitler.

Engelhardt glaubt an die lebensfördernde und heilende Kraft der Kokosnuss. Er kauft eine kleine Insel (mit den Eingeborenen) und beginnthier Kokosnussöl herzustellen. Andere Europäer tauchen auf, einige werden Freunde, andere Feinde. Wie abzusehen scheitert der sonderbare Held am Ende, aber er scheitert auf eigenartige Weise. Und vielleicht ist das, was wie eine Niederlage aussieht, ja auch gar kein Scheitern.

Drei Romane hat Christian Kracht bisher geschrieben („Faserland“, „1979“ und „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“), und immer wieder ist es ihm gelungen, die Leser zu verblüffen, zu bannen, zu verunsichern. Oft wirken seine Texte leichter, als sie sind, man fühlt sich gut unterhalten, spürt aber auch ein Unwohlsein bei der Lektüre. Es ist, als ob hinter der Ironie, hinter den Zitierkünsten irgendwo das Grauen wartet. Aber wartet es wirklich?

In „Imperium“ spielt der 45-jährige Autor mit dem Genre des Abenteuerromans. Es passiert ziemlich viel – Sturmgewalt, Raub und Liebesleid, die Aufmerksamkeit richtet sich mal hierhin, mal dorthin –, aber kaum etwas ist wirklich wichtig. Interessanter noch als das, worüber Kracht schreibt, ist die Art, wie er schreibt. Er pflegt den auktorialen Blick von oben und einen reichlich dandyhaften Gestus. Da ist nicht von einer kleinen, sondern von einer „minuskülen“ Verbeugung die Rede. Hat sich jemand verschluckt, liegt es an „dem vermeintlich in seiner Trachea logierenden Knochenstückchen“. Statt Shampoo benutzt man „Schaumpon“. Und statt Schock heißt es „choc“.

Das ist nun nicht gerade schockierend, sondern manchmal sogar ganz nett, aber irgendwann beginnt diese ironische Thomas-Mann-Überbietung auch zu nerven. Gern auch trägt Kracht dick auf. Einmal ist von der Fahrt eines kleinen Dampfschiffs die Rede. Im Maschinenraum arbeitet erstaunlicherweise nur ein einziger Heizer: Herr November. Das Schiff gerät in einen Sturm, und Herr November hat verständlicherweise viel zu tun. Im „Imperium“ klingt das so: „... es ist nicht allein ein Kampf gegen den Orkan, den November dort im Maschinenraum führt, sondern ein beinahe urzeitliches Ringen gegen die Natur an sich, es ist die archaische Auflehnung eines Demiurgen, der, dem Elementar-Chaos trotzend, die eiserne Schaufel einhunderttausendmal wider die Impertinenz der Weltordnung erhebt.“

Der Heizer als Demiurg. Das soll ironisch sein. Aber warum? Gegen was richtet sich das? Solche Stellen sind eher ärgerlich als verstörend – und es gibt viele solcher Stellen.

Und das Schwadronieren von einem Deutschland, das einmal ein „Imperium“ war? Das wirkt befremdlich, aber in einem Roman, in dem ein Heizer namens November dem Elementar-Chaos trotzt, auch wieder harmlos. Zu Beginn schreibt Kracht: „So wird nun stellvertretend die Geschichte nur eines Deutschen erzählt werden, eines Romantikers, der wie so viele dieser Spezies verhinderter Künstler war, und wenn dabei manchmal Parallelen zu einem späteren deutschen Romantiker und Vegetarier ins Bewusstsein dringen, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre, so ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce, auch kohärent.“

Das ist, Verzeihung, natürlich Unsinn. Hitler sollte einem nicht als Vegetarier und Romantiker in den Sinn kommen. Aber das Spiel mit solchen Parallelen muss doch möglich sein. Krachts Gerede vom „Jahrhundert, in dem Deutschland seinen rechtmäßigen Ehren- und Vorsitzplatz an der Weltentischrunde einnehmen würde“, ist ein ironisches Spiel mit Versatzstücken, von denen andere Schriftsteller eher die Finger lassen. Kracht hat keine Berührungsangst. Die hatte er auch nicht im Briefwechsel mit dem amerikanischen Künstler David Woodard, der im vergangenen Jahr im hannoverschen Wehrhahn Verlag erschienen ist. Aus den Schriften dieses Künstlerbriefwechsels, in denen satanistisches und auch rechtsradikales Gedankengut gestreift wird, hat „Spiegel“-Kritiker Diez zitiert – und zu Beweismaterial umgemünzt, was für die Künstler nur Spielmaterial war.
Christian Kracht: „Imperium“. 256 Seiten, 18,99 Euro.

Am Freitag, 24. Februar, liest der Autor um 20.15 Uhr in Hannover in der
Buchhandlung Schmorl & von Seefeld

14.02.2012
Karl-Ludwig Baader 14.02.2012