Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Chefdirigent Eiji Oue nimmt Abschied in Japan
Mehr Welt Kultur Chefdirigent Eiji Oue nimmt Abschied in Japan
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:08 30.06.2009
Von Rainer Wagner
Chefdirigent Eiji Oue (Mitte) Quelle: Frank Wilde

Es gibt viele Gründe, nach Japan zu fahren. Man kann als Kulturbotschafter seiner Wahlheimat in seine Heimat zurückkehren und dort zeigen, was man erreicht hat: in Amt und Würden. Das machte jetzt Eiji Oue, der scheidende Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie und frisch gebackene Verdienstkreuzträger des Landes Niedersachsen. Den Orden trägt er tatsächlich – stolz auf der Japan-Tournee seines Orchesters.

Man kann aber in Japan als Hobbykoch auch edle Messer erstehen. Etliche Mitglieder der NDR Radiophilharmonie wissen das, schließlich sind sie schon zum dritten Mal auf Japan-Tournee. Routine fast schon – und diesmal doch ganz anders. Denn dies ist die letzte Konzertreise, die sie mit Eiji Oue in seiner Funktion als Chef unternehmen (was mit dem neuen Ehrendirigenten Oue passiert, wird man sehen).

Sechs Konzerte stehen auf dem Programm. Natürlich darf weder Osaka fehlen, wo Eiji Oue als Chef auch des Osaka Philharmonic Orchestra immer ein Heimspiel hat, noch Hiroschima, wo Eiji Oue zu Hause ist. Hier spielen sie Mahlers Neunte – und Eiji Oue erzählt Tage später in Tokio begeistert von der Emotionalität dieser Aufführung. Den vierten Satz, so hatte er den Musikern bei der Probe erklärt, wolle er in Hiroschima dem Gedenken der Kriegsopfer widmen. Besonders bewegte Oue, dass nach dem Konzert eine betagte Überlebende ihm erzählte, sie habe bei der Katastrophe ihren Sohn verloren, der Trompete spielte. Weder vom Sohn noch von der Trompete habe man nach der Atombombenexplosion irgendeine Spur gefunden. Doch als im dritten Satz von Mahlers 9. Sinfonie der Solotrompeter Kaspar-Laurenz Märtig sein anrührendes Motiv intonierte, da habe sie gefühlt, dass ihr Sohn als Engel wiedergekehrt sei. Eiji Oue sprudelt über von solchen emotionalen Geschichten.

Es gibt auch Geschichten, die einem ungefragt erzählt werden. Da machen sich die einen darüber Gedanken, dass Oue bei Mahlers Neunte Sinfonie immer langsamer werde und damit langsam seine Musiker in Nöte brächte. Andere Orchestermitglieder haben eher Schwierigkeiten damit, alle Momente (oder Posen) von Oues Ergriffenheit nachzuvollziehen.

Da ist die Gruppendynamik einer Hundertschaft auf Klassenreise wirksam. Die sich am Ende in blanker Harmonie auflöst. Ein so herzlicher Abschied nach elf Jahren Zusammenarbeit ist nicht nur in der Musikbranche nicht die Regel.

Was die Ergriffenheit angeht, rückt in Tokio, beim vorletzten Konzert der Tournee, ein wackerer Zuhörer alles ins rechte Lot. Als Oue nach dem Schluss von Tschaikowskys „Ave verum Corpus“-Bearbeitung gar zu lang in stummer Gebanntheit verharrt, ruft der begeisterte Fan ein erlösendes Bravo und löst den Bann.

Die Weltstadt Tokio, das ist eben doch in vieler Hinsicht eine ganz andere Größe. Nicht nur, weil die Suntory-Hall für 2000 Zuhörer eine perfekte Akustik bietet, die Durchhörbarkeit, Präsenz und wohldosierte Wärme wunderbar vereint. Wer übrigens die Wertschätzung, die Oue und sein Orchester hier erfahren, ganz prosaisch in Zahlen messen will, der muss nur auf die Eintrittspreise schauen. 20 000 Yen kostet die teuerste Karte (das sind 156 Euro). Wer demnächst das Russische Nationalorchester unter Michail Pletnev hören will, muss nur 15 000 Yen zahlen. Und auch die Bamberger Symphoniker sind billiger zu haben.

Nach Tokio sind die Musiker am Freitagabend nach dem Konzert in Nagoya in einer dreistündigen Busfahrt angereist. Am Sonnabendmorgen gibt es erst einmal Aufregung. Der Schlagzeuger Wolfgang Schneider ist bei einem Stadtausflug auf dem Weg zu einer Messerschmiede schwach geworden. Kreislaufprobleme? Wäre kein Wunder bei dem schwülwarmen Wetter. Oder gar Herzprobleme?

Orchestermanager Matthias Ilkenhans hat Sorgen. Zuerst natürlich um seinen Musiker, der zum Durchchecken ins Krankenhaus kommt. Aber daneben muss er sich für den Fall der Fälle um Musikerersatz kümmern, denn Mahlers Neunte braucht das volle Schlagwerk, hier hat jeder der fünf Musiker alle Hände voll zu tun. Da trifft es sich, dass gerade ein Musiker mit Cellokasten durch das Ana Intercontinental Hotel läuft (kein großer Zufall, denn die Suntory Hall ist keine 100 Meter weit entfernt). Und der kennt einen Kollegen, der notfalls einspringen könnte. Aber so weit kommt es dann doch nicht, denn der hannoversche Schlagzeuger hat „nur“ eine Virusinfektion, die aufs Zwerchfell (und dadurch auch aufs Herz) wirkte. Er wird am Sonntag mitspielen können. Punktgenau.

Erleichterung bei den Kollegen. Und die liefern am Sonnabend mit ihrem Beethoven-Programm ein Konzert ab, auf das sie stolz sein können. In Beethovens 3. Klavierkonzert gelingt vor allem der langsame Satz so wunderschön selbstverständlich (wenn auch mehr der Empfindsamkeit als der Klassik verpflichtet), dass man den Moment aufheben möchte. Die junge Japanerin Yu Kosuge, die am hannoverschen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium ihre mittlere Reife gemacht hat, perfekt Deutsch spricht und hier und in Salzburg bei Prof. Karl-Heinz Kämmerling studierte, sagt hinterher, sie sei „glücklich, aber nicht zufrieden“, weil ein Musiker nie ganz zufrieden sein dürfe. Aber sie war stellenweise schon ganz nah dran.

Nach der Pause spielt die famos aufgelegte NDR Radiophilharmonie dann Beethovens 7. Sinfonie auf eindrucksvolle Weise. Kein Stück haben Oue und sein Orchester öfter aufgeführt. Doch diese Version dürfte zu den besten Interpretationen zählen. Makellos in den Bläsern, zügig(er) im Tempo. Entsprechender Jubel des Publikums, das sonst eher zurückhaltend sein soll.

Und das steigert sich beim Abschiedskonzert bei Mahlers Neunter Sinfonie noch einmal. Alle Musiker sind auf den Punkt konzentriert, Oue packt zu, das Orchester packt aus, das Ergebnis ist packend. Leidenschaftlich im ersten Satz, selbstbewusst kernig im ländlerhaften zweiten Satz, beherzt im dritten und ganz auf Sehnsucht und Hoffnung gestimmt im Finale, das Oue nicht als Abgesang verstanden haben will. Zwar verklingt der Streichergesang im atemlosen Nirgendwo, doch er verstummt nicht, sondern verweht nur. Fortsetzung folgt. Dieses „to be continued“ steht auch auf den T-Shirts („thank you for 11 years“), mit denen sich Oue auf der Abschiedsparty bei seinem Orchester bedankt, das ihm zuvor einen Ehrenring überreicht hat. Auf der Vorderseite der Hemden prangen Deutschlandfahne, Niedersachsenross und Hannover-Wappen.

Und für alle drei hat Eiji Oue an diesem Abend Ehre eingelegt: Mahlers Neunte wird bejubelt und beklatscht, eine Viertelstunde Applaus, das ist hier ebenso ungewöhnlich wie die Zahl von gut 300 Fans, die ein Autogramm von Maestro Oue einsammeln. Ein Triumph.

Und was ist nun mit den Messern? Wer suchte, der fand. Auch wenn die japanischen Messer eigentlich nicht stumpf werden, sollten sie alle drei Jahre nachgeschliffen werden. Dann wäre also wieder Zeit für eine Japantournee des Orchesters.

Mehr Infos unter www.ndrkultur.de

Der Tenor Placido Domingo wird mit dem Echo Klassik für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Weitere Preisträger sind unter anderen Elina Garanca, Christian Gerhaher, David Fray und Sylvain Cambreling, wie der Bundesverband Musikindustrie am Montag in Berlin mitteilte.

29.06.2009

Das UNESCO-Welterbekomitee hat 13 Stätten neu in die Liste des Welterbes aufgenommen. Drei weitere Stätten wurde auf der Tagung in Sevilla auf die „Liste des gefährdeten Welterbes“ gesetzt.

29.06.2009

Die überwiegende Mehrheit der Dresdner Bevölkerung plädiert für eine erneute Bewerbung der Stadt um den Weltkulturerbetitel.

29.06.2009