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Kultur "Cats" begeistert bei Galapremiere in Hannover das Publikum
Mehr Welt Kultur "Cats" begeistert bei Galapremiere in Hannover das Publikum
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12:01 04.05.2011
Von Uwe Janssen
Die Katzendarsteller sind bis unter die Haarspitzen motiviert. Quelle: Rainer Dröse
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Wer hätte gedacht, dass sich der altehrwürdige Waterlooplatz mal in eine Schrotthalde verwandeln würde, auf der herrenlose Tiere herumstreunen! Nun ist es so weit, aber es ist alles halb so wild. Aber auch halb so wild ist noch wild, und vielleicht ist genau das auch der Grund, warum diese Halde so viele Neugierige anlockt, die sogar noch Geld dafür bezahlen. Denn: Auf der Müllkippe ist richtig was los.

Des Rätsels Lösung steckt unter einer großen Plane in müllkompatibel beschichtetem Schwarz – und heißt natürlich „Cats“. Mit großen, gelben Augen starrt das Zelt einen an, mit großem Brimborium ist Andrew Lloyd Webbers Mutter aller Popmusicals auf Tournee, Hannover ist nach Hamburg die zweite Station in Norddeutschland. Am Dienstag war nach einigen Voraufführungen am Wochenende nun die Galapremiere und lockte auch einige prominente Katzenfreunde oder einfach nur Show- und Eventfans an. Dass wegen der großen Nachfrage nicht hinten, sondern vorne Vorstellungen angehängt wurden und somit die Galapremiere einfach vorverlegt wurde, sagt auch etwas über die Beschaffenheit dieses Stücks Unterhaltungsgeschichte aus: Hier ist eine Vorstellung wie die andere, nicht erst seit Sonnabend oder seit Tourneestart, sondern seit 30 Jahren. Und auch Dienstag bekamen die Gäste das, wofür „Cats“ seit mehr als einem Vierteljahrhundert steht: Qualität und Professionalität, buchstäblich bis in die Haarspitzen. Ob Kostüme, Schminke, Gesang oder Tanzchoreografie – hier weicht nichts und niemand von den ursprünglichen Vorgaben ab, diese Katzen stehen unter strengstem Artenschutz.

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Das ergibt auf der Bühne ein großes Stück Nostalgie, das fast stur allen Entwicklungen der Szene zu trotzen vermag. Vom ersten Moment, als die Katzen im zirkusartigen Rund vor den rund 1800 Menschen auf der Bühnenhalde zu ihrem „Jellicle Ball“ zusammenströmen, fühlt man sich zurückversetzt in die Achtziger, als „Cats“ allgegenwärtig und eine echte Musiktheatersensation war. Die „Jellicle Cats“, als die sich die Streuner in einer ersten Ensemblechoreografie besingen und betanzen, erinnern heute an Massenszenen aus Michael Jacksons „Thriller“-Video. Die Posereinlage des eitlen Katzengockels Rum Tum Tugger könnte auch aus der Rocky Horror Picture Show stammen. Und die weichen Synthesizerteppiche in Kombination mit Elementen aus Big-Band-Sound, Disko und Artrock verweisen auch unumwunden auf die Zeit, in der sie komponiert wurden. Das wirkte lange überholt, mittlerweile nimmt man es wieder als schicken Retrotrend. Und als absolut familientaugliches Kulturspektakel. Da nehmen die Eltern gern die Kinder mit. Vielleicht ist es sogar umgekehrt.

Zu handlungskomplex geht es jedenfalls nicht zu auf dem Schrottplatz. Die Katzen feiern ihr alljährliches großes Fest, um schließlich einen unter ihnen zur Wiedergeburt auszuwählen. Bis dahin dürfen sich die vielen Charaktere der Reihe nach in Tanz und Gesang vorstellen. Auffällig sind neben Rum Tum Tugger vor allem Grizabella, eine ehemalige Glamourkatze, deren beste Tage längst gezählt sind, die alte gemütliche Gumbie-Katze, Alt-Deuteronimus, weiser Seniorkater im Clan, oder das agile Paar Mungojerry und Rumpleteazer, die mit einer furiosen Vorstellung für ein bejubeltes Highlight vor der Pause sorgen. Um sich alle Katzen mit ihren absonderlichen Namen (Jenny Fleckenfell, Shimbleshanks, Munkustrap, Mistoffelees) merken zu können, muss man schon Edelfan sein. Deren Zahl sollte man nicht unterschätzen: Von Beginn an wird auf vielen Plätzen mitgesungen, als ob hier die Rolling Stones spielten. Ein bisschen ist sogar dran an diesem Vergleich. Nur dass man in das Mick-Jagger-Kostüm keinen jungen Darsteller stecken kann.

Später taucht auf der Bühne ein Störenfried auf, aber so richtig böse wirkt hier keiner, Konflikte haben auf der Katzenfete keinen Platz, sie werden flugs weggezaubert oder mitreißend weggetanzt – manchmal toben die Akteure gar halsbrecherisch in den Publikumsgängen. Für Melancholie ist aber immer Zeit. „Memories“, singt Grizabella, mit der die Sippe schließlich auch wieder ihren Frieden findet. Es ist die größte Schnulze des Abends – und einer der größten Hits, die der Musicalmarkt je abgeworfen hat.

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