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Kultur Burkhard Spinnen: "Wir lügen den ganzen Tag"
Mehr Welt Kultur Burkhard Spinnen: "Wir lügen den ganzen Tag"
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00:15 30.11.2012
Von Jutta Rinas
Burkhard Spinnen studierte Germanistik, Publizistisk und Soziologie in Münster. Seit 1996 ist er freier Schriftsteller. Quelle: HAZ Archiv
Hannover

Herr Spinnen, wie lange sitzen Sie täglich vor dem Computer?

An einem ganz normalen Arbeitstag werden es schon zwischen acht und zehn Stunden sein.

Nutzen Sie moderne Kommunikationsformen wie Facebook beruflich oder privat?

Ich beobachte das Phänomen Facebook sehr genau, genauso wie ich mich lange mit Websites von Autoren oder mit Blogs beschäftigt habe. Aber ich bin unschlüssig, ob das etwas für mich ist.

Warum?

Viele Formate im Netz funktionieren nur mit einer bestimmten Aufmerksamkeitsspanne. Allein die Tatsache, dass es im Netz die Phrase „Too long didn’t read“ (deutsch: zu lang, nicht gelesen) gibt, sagt schon etwas darüber aus, welche Länge sie hat. Die Aufmerksamkeitsspanne bei einem Roman beträgt in der Regel rund 400 gelesene Seiten, ein Blogbeitrag umfasst zehn bis 20 Zeilen. Da kann man sich schon fragen, ob man das bedienen will. Oder nehmen Sie das Trolling. Das kommt von Trollen, also Kobolden, die viel Blödsinn machen. Im Netz gibt es viele User, die sich lieber mit provokantem Blödsinn statt mit einem seriösen Fachbeitrag in eine Diskussion einbringen. Damit erreichen sie mehr Aufmerksamkeit. So etwas brauche ich nicht.

Sie haben mit „Nevena“ ein Buch über einen Jungen geschrieben, der seine gesamte Freizeit vor dem Computer verbringt. Er verliebt sich in ein Mädchen aus dem Internet, reist ihr nach und findet heraus, dass sie nicht die ist, für die sie sich ausgibt. Was hat Sie an diesem Stoff gereizt?

Wir Schriftsteller sind ja immer auf der Suche nach Themen, die repräsentativ, beispielhaft für unsere Gesellschaft sind. Deshalb stand am Anfang meines Romans die Frage, ob eine solche erfundene Netzidentität etwas Seltenes ist oder ob sie zur Netzkultur dazugehört. Ich habe festgestellt, dass fast jeder, der sich längere Zeit im Netz bewegt, so etwas schon einmal erlebt hat.

Unter anderem Ihr Sohn Caspar. Sie danken ihm in Ihrem Nachwort dafür, dass Sie seine Geschichte aufschreiben durften. Wie hat er reagiert, als Sie ihm von Ihrem Vorhaben erzählten?

Er fand die Idee gut, als Form der Aufarbeitung, Verarbeitung des Ganzen. Ich hätte seine Geschichte nie verwendet, wenn er nicht einverstanden gewesen wäre. Wir sind in der Realität auch keinem Mädchen aus dem Internet nachgefahren und haben es gesucht. Mein Sohn konnte im Netz klären, dass der Avatar, den er so mochte, in Wirklichkeit ein Junge war.

Verändert das Internet durch solche falschen Netzidentitäten unseren Begriff von Identität, speziell bei Jugendlichen?

Nein, das ist alles nicht so schockierend, wie es sich zunächst anhört. Wir versuchen ja auch in der realen Welt unser Ichbild zu beeinflussen. Nicht umsonst hängt in fast jedem Wohnungsflur ein Spiegel, damit wir kontrollieren können, wie wir aussehen. Wenn man es genau nimmt, lügen wir den ganzen Tag, weil wir beim Sprechen alle Inhalte in unserem Sinn formen, stilisieren. In der Realität sind lediglich die Möglichkeiten eingeschränkter. Wenn Sie 1,60 Meter groß sind, können Sie nicht einen auf 1,80 Meter machen.

Es ist also kein grundsätzlich neues Phänomen, wenn Jugendliche im Netz in andere Rollen schlüpfen?

Nehmen Sie den Karneval. Da werden Millionen Menschen für ein paar Stunden oder Tage im Jahr im Kostüm zu jemand anderem. Gerade Kinder lieben es, sich zu verkleiden. Ist doch klar, dass sie das Angebot, im Netz jeden Tag mehrere Stunden Karneval zu feiern, reizvoll finden.

Verändert das Internet auch die Arbeit des Schriftstellers?

Natürlich. Ich habe zum Beispiel in den neunziger Jahren einen Text über Frank Sinatra geschrieben und wollte meine Ideen an einem bestimmten Lied illustrieren. Aber der Liedtitel fiel mir partout nicht ein. Ich hätte in die Stadtbibliothek fahren müssen. Dazu hatte ich keine Lust. Also habe ich ein anderes Lied genommen. Heute hätte ich den Computer angemacht und ­- schwupps, schwupps - den Titel gehabt. Die Möglichkeiten der Recherche haben sich vertausendfacht.

Am Schluss Ihres Romans danken Sie einer Stiftung, die es Ihnen ermöglicht hat, für Ihr Buch nach Bosnien zu fahren. Dort soll die Internetfreundin Ihres Protagonisten leben. Werden solche Reisen für Autoren künftig noch nötig sein? Oder reichen Internetbilder und Google Maps, um eine fremde Welt zu beschreiben?

Nein. Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie groß die Differenzen zwischen der Netzwelt und der realen Welt sind. Alle Daten aus dem Netz sind hochgradig vorgeformt. Die realen Körper vor Ort sind etwas ganz anderes. Für meine Recherchen bin ich ja in ehemaligen bosnischen Kriegsgebieten gewesen - und habe mir natürlich vorher im Internet angeschaut, was mir begegnen wird. Vor Ort erlebt man dann, was den Bildern im Netz vor allem genommen worden ist: der Schrecken, der die Spuren des Krieges in der Realität noch prägt.

An Ihrem Roman fällt auf, dass Ihren Schilderungen des Jungen vor dem Computer alles Rauschhafte fehlt. Wenn Patrick als Zauberelfe im Spiel „Couple Quest“ gegen Ungeheuer kämpft, wirken seine Schachzüge eigentlich genauso analytisch und nüchtern, wie wenn sein Vater Henner in der Realität die Restauration eines alten Möbelstücks plant. Warum?

Weil es auch in Wirklichkeit so ist. Wenn man von Computerspielen die Jargonschicht abkratzt, das also, was vor allem Eltern so oft schockiert, dann bleiben extrem einfache, fast schon archaische Dinge übrig. Ein Märchen ist vom Fantasyszenario eines Computerspiels nicht so weit entfernt, wie man zunächst denken könnte. Jemand zieht aus, um etwas zu finden und besteht dabei Abenteuer. Zu glauben, ein Spiel wie „World of Warcraft“ sei ein herausragendes Merkmal des 21. Jahrhunderts und damit total inkompatibel mit allem, was vorher war, ist falsch. Es handelt sich um eine Übersetzung von anthropologischen und literarischen Grundkonstanten in neue Darstellungstechniken: Grimms Märchen, digital und interaktiv.

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