Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Einfach mal abhängen
Mehr Welt Kultur Einfach mal abhängen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:24 08.10.2013
Von Martina Sulner
Lesen im Netz: Auf der Buchmesse in Frankfurt kann man es sich im Pavillon des Gastlandes Brasilien in der Hängematte gut gehen lassen. Quelle: Daniel Reinhardt
Anzeige
Frankfurt

Chillen für den Kulturaustausch: Im Pavillon, wo sich das Gastland der Frankfurter Buchmesse präsentiert, geht es in diesem Jahr entspannt zu. Diesmal ist Brasilien der Ehrengast auf dem weltweit größten Branchentreffen, das gestern eröffnet wurde und bis Sonntag dauert. In einer Ecke des Pavillons sind 18 Hängematten installiert; dort kann man sich ausruhen und über Kopfhörer brasilianische Musik hören, von Gilberto Gil und Caetano Veloso etwa. Man darf sich auch auf eines von acht Fahrrädern setzen. Die vanillefarbenen Hollandräder im Retrostil stehen jeweils vor einem Bildschirm. Wer auf dem Dreigangrad strampelt, das sich nicht vom Fleck bewegt, wird über Kopfhörer und Bildschirm mit den wichtigsten Daten und Ereignissen des Landes - inklusive der Erfolge bei den Fußballweltmeisterschaften - vertraut gemacht. Eine Radtour durch die brasilianische Historie.

So verspielt hat sich noch kein Buchmessengast in Frankfurt präsentiert. Klar, die Hängematten und Sambaklänge gehören auch zum Spiel mit den Klischees übers Land. Doch der Brasilien-Auftritt wirkt besonders gelungen, weil es in der Halle gelassen zugeht und alles hell und luftig ist. Das viele Licht ist ein Statement: Brasilien will sich als (welt-)offenes, modernes Land darstellen; der Pavillon soll eine Begegnungsstätte sein, kein Ort für eine Leistungsschau, wie man es beim Gastlandauftritt Chinas erlebt hat. Die gewaltigen sozialen Probleme Brasiliens tauchen allerdings nur am Rand auf: An einer Stellwand liest man Ausschnitte aus Romanen, die vom Elend in den Vorstädten erzählen.

Anzeige

Nahezu alles in der Halle ist aus Pappe und Papier gefertigt: Stellwände, Regale, Tische. Das zeige, so die Gestalter des Pavillons, wie sehr man das bedruckte Papier wertschätze. Wie sehr man die Klassiker der brasilianischen Literatur achte, die ursprünglich auf Papier erschienen sind. Mit solchen Aussagen und mit der Entscheidung, gedruckte Bücher statt E-Book-Reader auszulegen, wirken die Südamerikaner fast exotisch. Oder sind sie die wahren Visionäre? Die große Fragestellung auf dieser Messe ist ja - ähnlich wie in den Vorjahren -, wie die Branche mit dem digitalen Wandel umgeht. Da gibt es die vielen neuen Unternehmen, die ihr Geschäft ins Internet verlegen. Und da gibt es die Verleger, die darauf setzen, dass Leser mit Vorliebe fürs Gedruckte nicht sobald aussterben.

Buchmessendirektor Juergen Boos geht davon aus, so sagte er gestern auf der Eröffnungspressekonferenz, dass wir einerseits „vor einer Renaissance des literarischen Lesens stehen“. Das meint: Es werden sich wieder mehr Menschen bewusst und genüsslich mit einem Buch zum Lesen zurückziehen. Anderseits, so Boos, lesen wir Sach- oder Fachbücher heute anders als noch vor wenigen Jahrzehnten. Kurz und prägnant sollen diese Texte sein, möglichst zusätzlich visuell aufbereitet. Ein klassischer Fall für den E-Book-Reader also, der als „enriched E-Book“ Filmausschnitte, Diagramme oder Musik zum Text liefert. Beides wird nebeneinander existieren. „Die Vielfalt der Publishing-Branche“, sagt Juergen Boos, „bleibt.“

Diese Vielfalt spiegelt sich auf der Frankfurter Buchmesse. Mehr als 7000 Aussteller aus 100 Ländern sind in diesem Jahr in Frankfurt. Die Zahl der Verleger ist zwar zurückgegangen, die der Agenten jedoch, die über Lizenzen verhandeln, ist gestiegen. Hier trifft man alte Kämpen, die schon seit Jahrzehnten jeweils Anfang Oktober nach Frankfurt reisen. Hier tauchen Jungunternehmer auf, die digitale Geschäftsmodelle vorstellen, und hier lesen bekannte Autoren wie Martin Walser, Uwe Timm, Jussi Adler-Olsen und Helene Hegemann. Auch die aktuelle Buchpreis-Gewinnerin Terézia Mora wird mehrere Lesungen bestreiten.

Zum mittlerweile 40. Mal besucht Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Deutschen Börsenvereins, die Messe. Gestern beschwor er das „neue Selbstbewusstsein der Buchhändler“. Während allenthalben von den Problemen des Sortimentsbuchhandels die Rede ist, macht der scheidende Vorsteher des Vereins positive Signale aus: In den vergangenen Monaten sei der Umsatz beim Handel mit Büchern im Internet und in Warenhäusern um 0,8 Prozent gestiegen - im Sortimentsbuchhandel hingegen um 0,9 Prozent. Das sei, so Honnefelder, eine prima Entwicklung und Grund, selbstbewusst aufzutreten. Schön, wenn immerhin der Chef gute Laune hat.

08.10.2013
Kultur Herr-der-Ringe-Versteigerung - Hobbitfüße unterm Hammer
08.10.2013
Kultur Schauspielerin und Regisseurin - Rossellini will aufhören
07.10.2013