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Kultur Briefe von Freya von Moltke veröffentlicht
Mehr Welt Kultur Briefe von Freya von Moltke veröffentlicht
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16:02 29.03.2011
Von Kristian Teetz
Hochzeitsfoto von Freya Deichmann mit Helmuth James Graf von Moltke, aufgenommen am 18. Oktober 1931 in Köln.
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Es hat lange gedauert, bis die mutigen Männer des deutschen Widerstands wie Julius Leber, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Peter Graf Yorck von Wartenburg und Helmuth James Graf von Moltke angemessen gewürdigt und geehrt wurden. Noch viel mehr Zeit aber verstrich, bis die Frauen der Widerständler in den Mittelpunkt des Interesses gerückt sind. Zu ihnen gehört die „Kreisauerin“ Freya von Moltke, die heute 100 Jahre alt geworden wäre.

Das Gut Kreisau in Niederschlesien ist einer der wichtigen Orte des Widerstands im Nationalsozialismus. Im Mai 1942 fand bei den Moltkes die erste von drei Krei­sauer Tagungen statt. Die Rolle der Frauen im Kreisauer Kreis und in anderen Widerstandsgruppen war lange umstritten. Anders als in kommunistischen Gruppen agierten die bürgerlichen Frauen zumeist im Hintergrund, während der Kreisauer Tagungen etwa saßen sie nur schweigend dabei. Aus heutiger Sicht mag die Zurückhaltung der promovierten Juristin Freya von Moltke verwundern. Aber, so betont Frauke Geyken in ihrer hervorragend recherchierten und erzählten Biografie, „wir dürfen nicht die Maßstäbe unserer Zeit an das Handeln der Frauen vor siebzig Jahren anlegen“. Man darf bei der Beurteilung nicht vergessen, dass allein das Wissen um die Gespräche in Kreisau, die sich um ein bürgerlich-christlich geprägtes Nachkriegsdeutschland in einem vereinten Europa drehten, schon als Hochverrat galt. Und auf Hochverrat stand die Todesstrafe.

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Wie stark, wie intelligent, wie mutig Freya von Moltke war, wird aber nirgendwo so deutlich wie in den „Abschiedsbriefen“ zwischen ihr und ihrem Mann. Diese Briefe sind nun ein Jahr nach ihrem Tod erstmals publiziert worden. Dass wir sie heute lesen können, „ist ein Wunder“, wie der Herausgeber und Moltke-Sohn Helmuth Caspar von Moltke betont. Ein Wunder ist der Schriftverkehr deshalb, weil Freya und Helmuth James zwischen September 1944 und der Hinrichtung Moltkes am 23. Januar 1945 offen und ohne Zensur kommunizieren konnten. Für dieses Wunder kamen mehrere Faktoren zusammen.

Moltke war bereits im Januar 1944 verhaftet worden, weil er den Diplomaten Otto Carl Kiep vor einer drohenden Verhaftung warnte. Zunächst saß er im Gefängnistrakt des KZ Ravensbrück ein und konnte zeitweise auf seine Freilassung hoffen. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 flog aber der Kreisauer Kreis auf.

Moltke wurde nach Berlin verlegt, glücklicherweise nicht in das durch Bomben beschädigte Gestapo-Gefängnis in der Lehrter Straße, sondern in die JVA Tegel. Dort arbeitete der (bis zum Kriegsende unentdeckte) Kreisauer Harald Poelchau als Gefängnispfarrer. Der Geistliche schmuggelte in ständiger Gefahr fast täglich die Briefe zwischen Freya und Helmuth James hin und her.

Dank Poelchau können wir Dokumente einer unsterblichen Liebe und eines starken christlichen Glaubens lesen. Wir sehen ein Paar, das sich ohne Verzweiflung dem Schicksal stellt und das dankbar ist, weil es diese Briefe schreiben darf (welcher Häftling im „Dritten Reich“ konnte sich so intensiv von seiner Partnerin verabschieden?). Wir lesen von dem Bemühen Freyas, an vielen Stellen um Gnade für ihren Mann zu bitten. Wir erkennen die unüberbrückbaren Differenzen innerhalb des Widerstands. Und wir können den gemeinsamen Versuch verfolgen, die Verteidigungslinie für die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof festzulegen. Hier wird auch die charakterliche Stärke der beiden deutlich, wenn Freya an ihren Ehemann schreibt: „Wenn (der berüchtigte Volksgerichtspräsident Roland) Freisler brüllt, dann brülle wieder!“ Moltke solle „groß aus der Sache hervorgehen“.

Der bewegende, liebevolle, hochpolitische und wegen seiner Traurigkeit zuweilen kaum zu ertragende Briefwechsel gipfelt in Freyas Worten vom 17. November 1944: „Ich bitte Gott, dass er Dir Kraft und Stärke und Ruhe, Moltkesche Ruhe, geben wird. Außer dem Leben können sie Dir ja nichts nehmen!“ Freya von Moltke hat bis ins hohe Alter das Kreisauer Erbe weitergetragen. Sie hat noch in den fünfziger Jahren eine Schrift über den Widerstand für Schüler verfasst. Sie war in den USA, wo sie seit 1960 lebte, politisch aktiv – auch das erfahren wir aus Frauke Geykens Biografie. So hat sie sich in Hanover (New Hampshire) unter anderem für eine Lebensmittelkooperative und für gemeinnützigen Wohnungsbau engagiert.

Nach dem Fall der Mauer galt ihre Arbeit dem Aufbau einer Internationalen Jugendbegegnungsstätte in der restaurierten Gutsanlage in Kreisau (Krzyzowa). Im Alter von 93 Jahren gründete sie noch die „Freya von Moltke-Stiftung für das Neue Kreisau“ in Berlin. Vor etwas mehr als ­einem Jahr starb Freya von Moltke im Alter von 98 Jahren.

Helmuth James und Freya von Moltke: „Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel. September 1944 bis Januar 1945“. C. H. Beck. 608 Seiten, 29,95 Euro.

Frauke Geyken: „Freya von Moltke. Ein Jahrhundertleben 1911 bis 2010“. C. H. Beck. 287 Seiten, 19,95 Euro.

Sylke Tempel: „Freya von Moltke. Ein Leben, ein Jahrhundert“. Rowohlt Berlin. 221 Seiten, 19,95 Euro.

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