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Kultur „Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht (Teil 1)“ startet im Kino
Mehr Welt Kultur „Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht (Teil 1)“ startet im Kino
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13:20 22.11.2011
Von Stefan Stosch
Baden ist okay, aber bitte nur mit BH: Edward (Robert Pattinson) und Bella (Kristen Stewart) in den Flitterwochen. Quelle: Concorde
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Wer hätte gedacht, dass Vampire so sehr auf Hochzeitskonventionen stehen? Gut, einige Gäste bei der Feier fallen aus dem Rahmen. Sie wirken extravagant, besonders die auf Bräutigam-Seite. Sie sind kalkweiß im Gesicht und haben rot leuchtende Pupillen. Aber sonst?

Die Braut trägt Weiß und einen gewagten Rüschen-Rückenausschnitt (der wohl demnächst in Hochzeitsfachgeschäften von „Twilight“-Fans stark nachgefragt werden dürfte). Ihr Vampir-Bräutigam wartet bei der Trauungszeremonie geduldig, bis der Schwiegervater die Auserwählte bei ihm abliefert. Den Treueschwur nuschelt der junge Mann im Smoking leider ein wenig in sich hinein, aber so etwas wie „Bis(s) dass der Tod uns scheidet“ dürfte dabei gewesen sein. Dann wird die ein oder andere peinliche Rede gehalten und eine pompöse Torte angeschnitten, die wohl schon bei „Sex and the City“ als Requisit gedient haben könnte.

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Dann endlich geht’s los in die vom Bräutigam-Vampir gebuchten Überraschungsflitterwochen: im Privatjet über Rio de Janeiro zu einem luxuriösen Strandanwesen, wo man vor Panoramafenstern prima Schach spielen kann – wenn man nicht gerade anderes zu tun hat. Die vom Mondlicht beschienene Hochzeitsnacht fällt so wild aus, dass das Designerbett zusammenkracht und vom genervten Personal entsorgt werden muss. Kein Wunder, dass der junge Ehemann am nächsten Morgen über seinen Leidenschaftsausbruch erschrocken ist.

So ungefähr verläuft die erste halbe Stunde von „Twilight: Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht“. Mit dem ewigen Kampf zwischen Vampiren und Werwölfen hat das alles nichts zu tun. Der Zuschauer wird das Gefühl nicht los, in die Werbebroschüre einer überteuerten Hochzeitsagentur geraten zu sein, die Bella Swan (Kristen Stewart) und Edward Cullen (Robert Pattinson) als Models gebucht hat. Ein bisschen funktioniert die Vampir-Werwolf-Saga ja auch so: Sie liefert das Sehnsuchtsbild einer kitschig-konventionellen Liebe, die sich nur durch die biologischen Absonderlichkeiten einiger Protagonisten von einer Seifenoper unterscheidet.

Mit dem am kommenden Donnerstag anlaufenden vierten Teil hätte eigentlich Schluss mit „Twilight“ sein sollen – wären die Produzenten nicht auf die geschäftsträchtige Idee gekommen, Stephenie Meyers vierten und letzten Roman zu teilen. Ganz ähnlich haben es die „Harry Potter“-Macher beim siebten Band vorexerziert, um sich doppelte Einnahmen an der Kinokasse zu sichern. Bei Potter versteckte sich unter all dem Hokuspokus immerhin eine erfrischende Internatsgeschichte, hier eine weit weniger originelle Lovestory.

Die Halbierung des Romanstoffs bedeutet für „Breaking Dawn“, dass Bellas unmittelbar folgende Schwangerschaft bald zwei Stunden lang im Zentrum steht – es handelt sich um eine ziemlich langwierige, komplizierte und auch blutige Geburt.

Klar ist schon sehr bald, dass ein gefährliches Wesen in Bellas Bauch heranwächst, das die werdende Mutter geradezu leersaugt. Und nun endlich verlassen Regisseur Bill Condon (bekannt durch „Gods & Monsters“, eine Filmbiografie über „Frankenstein“-Regisseur James Whale) und sein Team die Hochglanzwelt: Bella sieht bald schon so krank und abgemagert aus, dass Beobachter im Kinosessel nur noch zwischen der Diagnose Bulimie oder Drogen schwanken – was nicht ganz falsch ist: Bella mag nichts mehr essen, trinkt aber täglich Blutkonserven mit dem Strohhalm aus Pappbechern, die wie jene aussehen, die man am Kinotresen erstehen kann.

So deutlich wie keiner der drei vorangehenden transportiert dieser Film verstockte Moralvorstellungen. Lediglich religiöse Hardliner dürften ihre Freude daran haben: Bis zur Ehe haben sich Bella und Edward krampfhaft zurückgehalten, nun ist Sex erlaubt – natürlich ohne Verhütungsmittel. Ein Schwangerschaftsabbruch kommt für Bella nicht infrage, auch wenn die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass sie bei der Geburt sterben wird.

Oder ist die opferbereite Bella im tiefsten Herzen doch eine Feministin, die sich den Schlachtruf „Mein Bauch gehört mir!“ zu eigen gemacht hat? Aber so hat sich das die bekennende Mormonin Stephenie Meyer wohl kaum gedacht.

Nervtötend ist die Humorlosigkeit des Films. Spätestens wenn die Werwölfe ins Spiel kommen und vor der Cullen-Villa herumlungern, schlägt der heilige Ernst aller Beteiligten ins Lächerliche um. Die Werwölfe jagen wie gehabt majestätisch durch den Wald, sprechen aber mit einer so quietschigen Menschenstimme, als hätten sie tüchtig Kreide gefressen.

Solche Seltsamkeiten dürften dem Regisseur egal sein. „Twilight 4“ bedient, was die Fans an diesem Sehnsuchtsstoff schätzen: geballte Romantik. Und jetzt, nach der Geburt von Töchterchen Renesmee (die Namensgebung ist ja immer ein Problem), beginnt erst das wirkliche Finale.

Den fünften und letzten Film hat Regisseur Condon gleichzeitig mit dem vierten gedreht. Im Kino soll er erst in einem Jahr starten. Bis dahin wünschen wir dem jungen Glück nur das Beste.