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Kultur Der kreative Vampir
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17:52 03.11.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Was sagt der da? Boris Aljinovic, beobachtet von Val McDermit bei Hugendubel. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

„Alles geschah gleichzeitig. Ein entsetzlicher Schmerz raste an ihren Nervenbahnen entlang – sie war sich sicher, Jimmys Namen zu rufen, während sie auf dem Boden aufschlug.“ Doch sicher ist nur, dass Unsicherheit selten so eindringlich beschrieben wird wie in „Der Verrat“, dem neuen Roman von Val McDermid. Wie es weiter geht mit Stephanie, deren kleiner Schützling Jimmy am Flughafen entführt wird? Um das zu erfahren, müssen auch die Gäste der Buchhandlung Hugendubel das neue Werk erst lesen.

Geboten wird dort dafür, was sich nicht nachlesen lässt: Wie so ein Roman entsteht, welche Folgen die Übersetzung hat, wie er seine Leser packt und wie er im Original klingt – das wird an diesem Abend teils ganz sinnlich vorgeführt. Denn dabei liest Val McDermid im Wechsel mit dem „Tatort“-Schauspieler Boris Aljinovic, und Moderatorin Margarete von Schwarzkopf bringt die schottische Bestsellerautorin dazu, dem Publikum Einblicke in ihre Schreibwerkstatt zu geben.

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Da geht es darum, wie wichtig der erste Satz ist. „Der ist meine Chance, Leser zu fesseln“, sagt die 58-Jährige, die Reporterin war, bevor sie als Thriller-Autorin Erfolg hatte, „und Leser haben das Recht auf Unterhaltung.“ Noch vor dem ersten Satz stehe aber die zündende Idee für die Geschichte. In diesem Fall war es die Erfahrung eigener Panik, als sie bei einer Flughafen-Kontrolle kurz von ihrem Sohn getrennt wurde, die sie in „Verrat“ (Droemer, 512 Seiten, 19,99 Euro) zur Geiselnahme entwickelt hat. „Jeder gute Thriller entwickelt sich von dem Punkt, an dem das Unheil in die Normalität einbricht, die heile Welt zerstört und unerbittlich die Frage aufwirft: Wie weit werde ich gehen, um zu retten, was zu retten ist?“ Das sei auch der Ausgangspunkt jedes guten Hitchcock-Films, sagt sie und fügt lachend hinzu: „Hitch und ich teilen dasselbe Profil.“
Ihr neues Werk trägt im Original den daher passenderen Titel „The Vanishing Point“, „Der Punkt des Verschwindens“ also. Aber mit der Idee für einen solchen Wendepunkt steht weder die Geschichte noch das Figurentableau. „Dafür überlege ich, welche Haltungen man zu einem Konflikt einnehmen kann – und spiele sie mit den Figuren durch.“

Die sprechen bei der Schottin teils Dialekt, und wie das klingt, genießt das des Englischen mächtige Publikum bei Hugendubel so sehr, dass es dafür Zwischenapplaus spendet. Vielleicht auch für einige derbe Flüche, deren Heftigkeit die Übersetzung kaum erschließt. Boris Aljinovic improvisiert daher bei seiner Lesung deftig – und erläutert das fast entschuldigend: „,So ein Mistkerl‘, steht hier wörtlich – auf Hochdeutsch lässt sich eben einfach nicht fluchen.“

Der Weg von der Idee zum Buch kann übrigens lang sein, plaudert Val McDermid noch aus der Schule des Schreibens. Der Plot ihres vorletzten Werks „Trick of the Dark“ (deutsch: „Alle Rache will Ewigkeit“) habe sogar zwölf Jahre vor sich hingegärt, bis er zum Roman gereift gewesen sei. Und wie verbringt sie solche Jahre des Suchens?  „Krimiautoren sind Vampire“, sagt Val McDermid. „Der menschliche Teil hat Mitleid, wenn eine Freundin etwas Schlimmes erlebt, der andere überlegt: Wie kann ich daraus eine Geschichte machen?“ Vampire sind bekanntlich Doppelwesen. Und einige können offenbar recht kreativ neben sich stehen.

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