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Kultur Bilder von Larry Sultan in der Kestnergesellschaft
Mehr Welt Kultur Bilder von Larry Sultan in der Kestnergesellschaft
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11:47 11.06.2010
So porträtierte Larry Sultan 1984 seine eigene Familie. Quelle: The Estate of Larry Sultan Courtesy Gallerie Thomas Zander
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Diese Dreiecksgeschichte lässt niemanden kalt: Mutter posiert vor der Kamera, Vater hat sich längst abgewendet und schaut lieber fern. Es ist der Sohn, der fotografiert. In Larry Sultans Arbeit „My Mother Posing for me“ von 1984 ist bereits alles konzentriert, was seine Fotokunst ausmacht. Die trügerische Idylle amerikanischer Vorstädte ist sein Thema und die bonbonfarbene Fassade einer Bürgerlichkeit, deren Risse sichtbar werden. Seltsam isoliert wirken die Protagonisten.

Dabei ist Larry Sultan einer von ihnen. Die Patina der persönlichen Anteilnahme liegt über seinen Bildern, für die er an die Orte seiner kalifornischen Kindheit zurückkehrte. „Pictures from Home“, eine Reihe von Aufnahmen seiner Eltern zwischen 1984 und 1992, ist als Studie zum Familienbild der Reagan-Ära angelegt und gerät doch zunehmend zur melancholischen Hommage. Auch deshalb, weil Sultans persönliche Texte die Bilder begleiten. „Ich will die Zeit anhalten“, kommentierte er. „Ich möchte, dass meine Eltern ewig leben.“ „Pictures from Home“ gehört zum Nachlass von Larry Sultan. Im Dezember 2009 ist er 63-jährig überraschend in Kalifornien gestorben.

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Da war die Ausstellung, die Kurator Martin Germann ihm jetzt in der Kestnergesellschaft eingerichtet hat, bereits in Vorbereitung. Die Auswahl der drei Fotoserien, die alle mit dem Klischee der Heimat spielen, hat der Künstler noch selbst vorgenommen. In „The Valley“ (2001) dringt er ins Zentrum der amerikanischen Pornoindustrie vor, die im San Fernando Valley, wo Sultan aufgewachsen ist, Privathäuser als Kulisse nutzt. In den Drehpausen machte er seine Aufnahmen. Etwa vom nackten Darsteller, der sich elegisch auf die Arbeitsplatte einer Einbauküche stützt, oder von der Blondine, die erschöpft und sinnierend auf einer Bettkante sitzt. Gerade so, als wäre sie einem Gemälde von Edward Hopper entsprungen. Ein Zwitter zwischen Traum und Albtraum, pittoresk und abstoßend zugleich, entfalten diese Bilder ihre verstörende Wirkung.

Für die jüngste Serie „Homeland“ (2009) hat Larry Sultan mexikanische Tagelöhner vor dem romantischen Panorama der San Francisco Bay inszeniert. Sie rasten unter blühenden Kirschbäumen, rudern einen sanft geschwungenen Fluss entlang, waten durch überschwemmte Wiesen. „Kontamination des Pittoresken“ hat der Künstler seinen Eingriff genannt, der die Motive Heimat und Exil, Geborgenheit und Entwurzelung miteinander verquickt. Bei Sultan bleibt der amerikanische Traum reine Utopie. Und das ist eine schmerzliche Erkenntnis.

Es gehört zu den klugen Details der Inszenierung, dass die Ausstellung von Olaf Nicolai im Obergeschoss der Kestnergesellschaft an Sultans Thema der kalifornischen Landschaft als Raum für Träume und Entwürfe anknüpft. Nicolai hat am Aussichtspunkt „Zabriskie Point“ im amerikanischen Death Valley eine Nachtwanderung mit Kamera und Blitzlicht dokumentiert. Bild an Bild als Fries gehängt, wirkt die 80-teilige Serie wie ein langer Filmstreifen, der Bewegung simuliert. Auf den Spuren Nicolais schreitet der Besucher den Parcours entlang, vorbei an düsteren Aufnahmen von Felsen, Geröll und staubigen Flechten, ergänzt assoziativ die klaffenden Lücken und kreiert einen eigenen Film.

Das Phänomen menschlicher Wahrnehmung befragt Olaf Nicolai in seiner konzeptuellen Kunst. Eine monumentale Installation aus spiegelnden Sprungtürmen besetzt den zentralen Saal und mag an die Geschichte der Goseriede als Jugendstilschwimmbad erinnern. Wer die glitzernde Plattform betritt, sieht sich in einem Spiegelkabinett gefangen. In unzähligen Facetten bricht sich dynamisch der umgebende Ausstellungsraum. Der benachbarte Pavillon aus schwarzen Perlenbändern irritiert den Besucher mit Moiréeffekten. Unfähig, das mehrschichtige Muster konstant zu fokussieren, produziert das Auge bewegte Rasterbilder. Menschliche Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess.

Und schließlich hat Kuratorin Kathrin Meyer im letzten Saal die Installation „Samani“ platziert. An einer senkrechten Stange schlängelt sich ein Scheinwerfer hoch, stoppt und startet, dreht sich wie wild im Kreis, als folge er einer geheimen Choreografie. Sein Motorengeräusch liefert dazu einen energetischen Soundtrack. Tote Materie, lebendes Wesen? Im geheimnisvollen Dunkel des Raums, in dem das Spotlight irrlichternde Spuren legt, mag man das kaum entscheiden.

„Larry Sultan. Katherine Avenue“ und „Olaf Nicolai. Faites le travail qu’accomplit le soleil“ bis 22. August in der Kestnergesellschaft Hannover. Der Katalog „Larry Sultan“, 150 Seiten, mit Texten von Veit Görner, Larry Sultan und Martin Germann kostet 35 Euro. Im August erscheint der Katalog „Olaf Nicolai“ mit Abbildungen der aktuellen Ausstellung und Texten von Anne von der Heiden, Kathrin Meyer und Monika Szewczyk zum Preis von 25 Euro.

Kristina Tieke

Uwe Janssen 10.06.2010