Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Bilanz des Festivals „Theaterformen“
Mehr Welt Kultur Bilanz des Festivals „Theaterformen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:34 21.06.2009
Von Ronald Meyer-Arlt
Szene aus „La Mélancolie des Dragons“ Quelle: Handout

In „La Mélancolie des Dragons“ von Philippe Quesnes „Vivarium Studio“ und in „Patience Camp“ des jungen Schweizer Regisseurs Thom Luz kamen Schneemaschinen zum Einsatz. Und auf ganz unterschiedliche Weisen erzählen beide Stücke vom Überleben in der Kälte.

Aber ist das wirklich nötig? Das Festival jedenfalls wurde bis zum letzten Tag von einem Wärmestrom der Freundlichkeit begleitet. Es war ja auch selbst sehr freundlich. Mit Dries Verhoevens „Niemandsland“, bei dem Migranten die Zuschauer – gelegentlich sacht tanzend – durch Hannover führten, war das Theaterfestival schnell in der Innenstadt präsent.

Und dann hat man einfach überall mitgemacht. Egal, welches Fest in Hannover gerade gefeiert wurde, ob „Nacht der Museen“ und Intendantenabschied am vergangenen Wochenende oder „Fête de la Musique“ an diesem – die Theaterformen gehörten immer dazu. Dieser Integrationswille hat sich bezahlt gemacht. Das Festival wurde in der Stadt erstaunlich gut angenommen, viele Vorstellungen waren ausverkauft, der Jubel nach manchem Stück war enorm. Die Platzausnutzung des Festivals, das gestern zu Ende ging, lag bei 95 Prozent. Mehr als 15 000 Besucher sollen nach Angaben der Veranstalter zu Gast gewesen sein, davon rund 9500 bei den 14 Theaterproduktionen, 5500 bei den acht Konzerten und 500 bei der Ausstellung „Meine Großeltern“. Die Auslastung lag bei 95 Prozent. Insgesamt 50000 Karten wurden verkauft.

Anja Dirks, die neue Intendanten, kann stolz und zufrieden sein, sie hat ihren Job gut gemacht. Leicht war das ja nicht, als Nachfolgerin des rührigen Stefan Schmidtke anzufangen. Unter Schmidtke hatte das Festival vor drei Jahren einen Neustart erlebt. Er ist offensiv auf die Städte zugegangen, hat viel Zirkus und Spektakel gemacht und daneben manche kleine Kostbarkeit angeboten.

Anja Dirks arbeitet ganz ähnlich; auch sie hat sichere Nummern im Programm wie Andreas Kriegenburgs fantastische Bebilderung von Kafkas „Der Prozess“ oder Alvis Hermanis groteske Fotogeschichten aus der Sowjetunion in „Schukschins Erzählungen“. Damit kann man nicht viel falsch machen.

Viel richtig hat Anja Dirks in den kleinen Formaten gemacht. Besonders „Niemandsland“ – wo für jeden Zuschauer ein Darsteller bereitstand – war ein großer Wurf; applaudieren konnten die Zuschauer ihren fremden Stadtführern am Ende nicht, aber sie konnten Grüße ins Gästebuch schreiben. Diese Eintragungen zeugen davon, dass der Weg durch die Stadt für viele kein einfacher Spaziergang, sondern ein tief emotionales Erlebnis war.

Besonders stark waren diese Theaterformen immer dann, wenn sie die Form des Theaters hinterfragt haben. Das war auch in den letzten Premieren so. „La Mélancolie des Dragons“ erzählt die Geschichte einer siebenköpfigen Hardrockcombo, die mit Autopanne im Schneesturm liegen bleibt. Eine Automechanikerin schaut sich den Motor an und beginnt sich für die Kunst der Langhaarigen zu interessieren. Irgendwie ist sie die ideale Zuschauerin und so zeigt ihr die Band die ganze Bandbreite ihrer Kunst. Nicht Rockmusik steht im Zentrum, sondern der Traum von einem Vergnügunspark. Am Ende bauen die Rocker riesige Skulpturen aus Plastikfolie und Luft. Vivarium macht angenehm schräges Theater – in der Tradition von Antonin Artaud, Christoph Marthaler und Baumarkt Obi. Zuvor hat die Gruppe „L’Effet de Serge“ gezeigt, auch so ein Stück über Baumarktbastelei und Vorführungsdrang. Ob so ein Theater aus dem Geist des Zeigens und Schraubens für weitere Produktionen taugt? Schwierig.

Die eher bekannte Theaterform des Spiels mit wenig Requisiten bedient der junge Regisseur Thom Luz. In „Patience Camp“ begibt er sich auf die Spuren des Polarforschers Henry Shackleton. Der wollte Anfang des vorigen Jahrhunderts die Antarktis durchqueren, und zwar zu Fuß. Im August 1914 sticht sein Expeditionsschiff, die „Endurance“, in See, im Januar 1915 steckt es im antarktischen Packeis fest. Und bleibt stecken. Die Männer müssen sich irgendwie die Zeit vertreiben, bis der lange antarktische Winter vorbei ist. Doch als er vorbei ist, ist das Schiff nicht mehr da, das Eis hat die „Endurance“ zerbrochen. Die Männer harren in Zelten aus, hoffen, dass die Eisdrift sie ans offene Meer bringt. Sie schaffen es, mit den geborgenen Rettungsbooten wieder in See zu stechen, aber nur um auf einer unbewohnten Insel zu landen. Von dort aus macht sich Shackleton im Rettungsboot auf den 800 Seemeilen langen Weg nach South Georgia Island, wo es eine Walfangstation gibt. Zwei Jahre nach dem Aufbruch gelingt es Shackleton, seine Männer nach London zurückzubringen.

Es ist eine große Geschichte von Zähigkeit und Disziplin und es ist eine gute Geschichte fürs Theater. Man spielt im fast leergeräumten kleinen Ballhof. Vier Schauspieler stehen auf der Bühne. Zwei Frauen, zwei Männer, einer davon ist Shackleton. Die anderen spielen Besatzungsmitglieder, Freundinnen, Ehefrauen.
Ein Harmonium spielt eine wichtige Rolle und eine transportable Tür, wie man sie aus Aufführungen von Schultheatergruppen kennt. Eine Schneemaschine kommt auch zum Einsatz. Die Gruppe macht sehr schönes, poetisch leichtes Erzähltheater. Phil Hayes, der den Polarforscher spielt, singt sehr schön zur Gitarre und zum Harmonium. Erstaunlich, wie hier eine alte Theaterform, das erzählende Spiel mit wenig Requisiten, wiederbelebt wird.

„La Omisión de la Familia Coleman“ von Claudio Tolcachir und dem Theater „Timbre4“ aus Buenos Aires, das auch am letzten Festivalwochenende zu sehen war, wirkt dagegen geschwätzig und konventionell. Wortreich und mit einer gewissen Grundaufgeregtheit wird hier die Geschichte einer chaotischen Familie mit sterbender Großmutter erzählt. Neu und anders wirkt hier nichts. Aber das ist nicht weiter schlimm, die vielen spanischsprechenden Zuschauer waren immerhin ganz zufrieden. Und einem Theaterfestival ganz ohne Flops, würde am Ende auch etwas Wichtiges fehlen.

Mit fünfjähriger Verspätung hat in Athen das neue Akropolis-Museum seine Pforten geöffnet. Der ultramoderne Glas- und Betonbau am Fuße der Akropolis zeigt über 350 Skulpturen und Artefakte aus der Antike.

21.06.2009

Sieben Künstler mit leichter Hand und heißem Herzen - die Präsentation erinnert an die hannoversche Schau „Made in Germany“.

21.06.2009

Norddeutschlands größtes Open-Air-Spektakel ist gestartet: Bei wechselhaftem Wetter hat am Freitagnachmittag das Rockfestival Hurricane in Scheeßel am Rande der Lüneburger Heide begonnen.

Marina Kormbaki 19.06.2009