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Kultur Besucherrekord für „Marc, Macke und Delaunay“
Mehr Welt Kultur Besucherrekord für „Marc, Macke und Delaunay“
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21:49 06.08.2009
Von Johanna Di Blasi
Auf zur letzten Runde: Nur noch wenige Tage läuft die Ausstellung „Marc, Macke und Delaunay“. Quelle: Ralf Decker
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Die Anzahl der Besuchern sagt nicht unbedingt etwas über das kulturelle Gewicht von Ereignissen aus. Eine der herausragenden, ja legendären Ausstellungen in Hannover war die Marcel-Duchamp-Retrospektive im Jahr 1965 mit frühen Zeichnungen und Readymades des Übervaters der modernen Kunst. Zugleich war sie eine der am schlechtesten besuchten: Nur 750 Leute kamen in die Kestnergesellschaft; und das Fernsehen hat das Band, auf dem der schalkhafte Duchamp vorgab, über eines seiner Readymades zu stolpern, nach der Ausstrahlung leider entsorgt.

Die am Sonntag nach der Verlängerungszeit ultimativ zu Ende gehende große Ausstellung „Marc, Macke und Delaunay. Die Schönheit einer zerbrechenden Welt (1910 bis 1914)“ im Sprengel Museum werden, wenn der Museumsdirektor und der Exklusivsponsor feierlich die Tore schließen, deutlich mehr als 250.000 Menschen gesehen haben. Direktor Ulrich Krempel sagte gestern: „Es werden wohl 265.000 bis 270.000 Besucher werden.“ Allein am Dienstag dieser Woche kamen 4400 Menschen ins Museum – das sorgte dann freilich für einen Stau.

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„Ich habe von einer solchen Zahl geträumt“, gestand Krempel am Donnerstag. Als Ziel ausgegeben habe man freilich eine andere Zahl, „um das jetzige Ergebnis umso beeindruckender erscheinen zu lassen“. Ursprünglich war von 100 000 erwarteten Besuchern die Rede gewesen.

Mit der Schau ist in Hannover ein neuer Maßstab gesetzt worden. Der bisherige Rekord im Sprengel Museum lag mit 95.000 Besuchern bei „Paul Klee. Tod und Feuer“ 2003/2004. Trotz Blockbusterdramaturgie – blaue Pferde ziehen zuverlässig – konnte das Museum jetzt auch das Fachpublikum begeistern. Das fügt dem quantitativen Gewicht der schieren Besuchermenge ein qualitatives hinzu.

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff kam zur gestrigen Abschlusspressekonferenz ins Museum. Sichtlich begeistert vom Erfolg der Ausstellung sagte er zu, dass die Finanzierung für den 25 Millionen Euro teuren Erweiterungsbau des Sprengel Museums noch in dieser Legislaturperiode unter Dach und Fach gebracht werde. Und Marlis Drevermann, Hannovers Kulturdezernentin, kündigte an, im Frühjahr 2010 den Sieger des Architektenwettbewerbs bekannt zu geben. „Wir werden ein Architektenta­bleau von der besten Güte haben, die in dieser Welt aufzubringen ist.“ Wie zur Besiegelung überreichte Stadtwerke-Chef Michael Feist dem Sprengel Museum einen Scheck über 25.000 Euro.

300 öffentliche und 835 private Führungen durch die Ausstellung „Marc, Macke und Delaunay“ hat es gegeben. 15.000 Schüler wurden vorbei an paradiesisch verklärten Naturszenen, modernistisch zersplitterten Eiffeltürmen und abstrakten Farbdelirien gelotst. Mehr als 1800 Beiträge druckten und sendeten die Medien – eindrucksvolle Zahlen.

„Diese ungewöhnliche Freundschaft dreier Maler, die sich gerne stritten, nicht die gleiche Sprache sprachen, sich nur zweimal trafen und deren Werke doch eng zusammenhängen, war bisher nur graue Kunsttheorie. Dabei lässt sich aus dieser deutsch-französischen Künstlerfreundschaft eine prächtige Ausstellung machen, wie es das Sprengel Museum in Hannover erstmals vorführt“, lobte Uta Baier in der „Welt“. „Die Schönheit einer zerbrechenden Welt. Der zerbrechliche Titel einer schönen Ausstellung. Es sind drei ausgewachsene Monografien, die das Sprengel Museum in Hannover zeigt, eine Ausstellung als grandioses Schauspiel vom unbeirrbaren Trotz der Kunst in einer kunstfeindlichen Zeit“, schieb Hans-Joachim Müller in der „Zeit“.

Fast hat man sich an die prominenten Leihgaben aus New York, Washington, Paris und Madrid gewöhnt, da müssen sie freilich wieder heimreisen. Bereits zum Ende der regulären Ausstellungsdauer, am 19. Juli, musste eine Handvoll Werke ins Münchener Lenbachhaus zurückgegeben werden, darunter eine große Arbeit von Wassily Kandinsky und Franz Marcs „Rehe im Walde“. Doch die Lücken wurden umgehend durch ebenfalls hochkarätige Werke aus den eigenen Beständen des Sprengel Museums gefüllt.

Erfreulicherweise über das Ende der Ausstellung hinaus darf Franz Marcs „Katze hinter einem Baum“ in Hannover bleiben. Im Vorfeld der Ausstellungseröffnung hatte die Nord/LB bekannt gegeben, das Bild aus dem Sprengel Museum an die Erben des jüdischen Vorbesitzers, des Fabrikanten und Kunstsammlers Alfred Hess, zurückerstattet zu haben. „Bis 2010 wird das Bild auf jeden Fall bei uns bleiben“, sagt Krempel. Über eine mögliche Verlängerung über diesen Zeitraum hinaus sei er mit den Erben, die sich die Ausstellung „Marc, Macke und Delaunay“ in Hannover mit Begeisterung angesehen hätten, in guten Gesprächen.

Der Erfolg von „Marc, Macke und Delaunay“ ist ein Wunder, bei dem allerdings kräftig nachgeholfen wurde – mit Powermarketing. Die Berlinerin Yvonne Mielatz, die die Öffentlichkeitsarbeit betreute, schreibt den Erfolg aber auch glücklichen Umständen zu: Dem Wetter – die wartenden Besucher mussten nie in heftigem Regen stehen –, dem Umstand, dass moderne Klassiker Mode sind, und dem Glücksfall, dass es mit Ausnahme der Schau „Der Blaue Reiter. Marc, Macke, Kandinsky, Münter, Jawlensky“ (noch bis 8. November in Baden-Baden) keine größeren Konkurrenzveranstaltungen gab.

„Zaubriger Moment“ ist eines der Blätter aus Franz Marcs berühmtem „Skizzenbuch aus dem Felde“ überschrieben – als zaubriger Moment wird auch die schöne Ausstellung im Gedächtnis bleiben.

Am Freitag und Sonnabend hat die Ausstellung im Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz, von 10 bis 24 Uhr geöffnet, am Sonntag von 10 bis 20 Uhr. Öffentliche Führungen gibt es jeweils um 10.30, 15, 18 und 18.30 Uhr. Weitere Informationen unter www.marc-macke-delaunay.de.

06.08.2009
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