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Kultur Berlinale: Starke Frauen, müder Wettbewerb
Mehr Welt Kultur Berlinale: Starke Frauen, müder Wettbewerb
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00:15 18.02.2013
Von Stefan Stosch
Ausgezeichnet: Einen Ehrenbären erhielt der französische Regisseur Claude Lanzmann. Quelle: dpa
Berlin

Starke Frauen haben die 63. Berlinale geprägt: Gloria zum Beispiel, die Endfünfzigerin aus Chile, die sich nicht unterkriegen lässt von Einsamkeit und Alter. Sie singt die Schlager im Autoradio mit, tanzt in der Disco - und als ihr neuer Partner, ein wahres Weichei, nicht loskommt von seiner Ex-Frau, schultert sie die Wumme aus dem Paintball-Park, zieht los und veranstaltet ein farbenfrohes Massaker. Einen befreienderen Rachetrip hat man lange nicht gesehen als in dem Film „Gloria“ von Regisseur Sebastian Lelio, eine komplexere Frauenfigur auch nicht. Und deshalb hat Hauptdarstellerin Paulina Garcia einen Bären verdient.

Eine wahre Mutter-Hyäne ist Claudia (Luminita Gheorghiu), wohnhaft in Rumänien und unverkennbar der Oberschicht angehörend: Nur im Pelzmantel und mit Riesenklunkern verlässt sie das Haus. In ihrer Handtasche stapeln sich dicke Briefumschläge. Cornelias Sohn Barbu hat mit einer Geschwindigkeit von 150 Stundenkilometern ein Kind überfahren. Sie will Barbu herauspauken und nebenbei auch noch die verlorene Macht über ihn zurückgewinnen. So macht sich Cornelia daran, den Unfallzeugen zu bestechen, die für die Blutprobe zuständigen Ärzte oder auch die trauernde Familie des Opfers. Diese Frau scheint ein seelenloses Monster zu sein. Und doch gibt es einen Moment in „Child’s Pose“ (Regie: Calin Peter Netzer), in dem Cornelia gewahr wird, dass sich zwar vieles in einem von der Korruption zerfressenen Land kaufen lässt, ein Kinderleben aber nicht.

Kino aus (Ost)Europa als Berlinale-Schwerpunkt: Das war nicht lustig. Roma in Bosnien, die von Ärzten im Stich gelassen werden („An Episode in the Life of an Iron Picker“), schwule Priester in Gewissensnöten in Polen („In the Name of“), Bauern ohne Land in Russland („A long and happy Life“): Eine geradezu selbstverständliche Brutalität wohnt diesen Geschichten inne. Mitleid kommt kaum vor - es fleht auch niemand darum.

Das gilt auch für den 13-jährigen Außenseiter Arslan (Timur Aidarbekov) in „Harmony Lessons“, dem Regiedebüt des gerade einmal 29-jährigen Regisseurs Emir Baigazin. Er entfaltet ein totalitäres Gesellschaftssystem, in dem der Druck von oben nach unten weitergegeben wird - bis hin zu Arslan, der Küchenschaben auf einem elektrischen Stühlchen foltert. Der erste kasachische Film, der es in den Wettbewerb geschafft hat, ist in wunderbar großzügigen Bildern fotografiert - ein Genuss im Vergleich zu all den Handkamera-Bildern, die sonst im Umlauf sind.

Mit Stars erlebt man seltsame Dinge: Gleich drei Projekte hatte Tausendsassa James Franco mit zur Berlinale gebracht („Maladies“, „Interior. Leather Bar“, „Lovelace“), zudem eine Kunstausstellung mit eigenen Werken eröffnet, doch jetzt soll der 34-Jährige über seinen neuen Disney-Film „Die fantastische Welt von Oz“ sprechen, der noch gar nicht fertig ist. Disney will das so. Okay, aber zunächst eine andere Frage: Wieso wird Franco auf Tritt und Schritt von jungen Leute gefilmt? Das seien Studenten aus seinem Kurs für Kreatives Schreiben an der New Yorker Uni, die die Öffentlichkeitsmaschinerie hinterfragen, sagt Franco. Die Studenten dokumentieren, wie ihm immer wieder dieselben Fragen gestellt werden. Für einen Hollywoodstar sei es gut, den Fokus von sich selbst zu lösen. Die Kameras lassen Franco bei diesen Worten nicht aus dem Blick.

Vor dem Film kommen die Sponsoren: Vor jeder Vorführung - noch vor dem Berlinale-Trailer - wird einer Autofirma, einem Kosmetikkonzern und einem TV-Sender leinwandfüllend gedankt. Die Prioritätensetzung verweist darauf, wie sehr das 21 Millionen teure Festival von der Wirtschaft abhängig ist. Berlinale-Direktor Dieter Kosslick, der oft über die Zwänge bei der Zusammenstellung des Programms klagt, könnte wohl noch über ganz andere Zwänge klagen.

Den Ehrenbären gab es für einen Dokumentarfilmer: eine Premiere. Claude Lanzmann hat seit 1986 eine besondere Beziehung zur Berlinale. Hier lief seine Maßstäbe setzende Dokumentation „Shoah“ - ein Interviewfilm, in dem die Überlebenden sprechen, neun quälende Kinostunden lang. Lanzmann befragt etwa einen Friseur, der den Todgeweihten die Haare schneiden musste, oder Mitglieder der jüdischen Sonderkommandos, die dazu verdammt waren, die Knochen der Ermordeten zu zerstampfen. Für eine Ehrung wäre „Shoah“ zu lang gewesen. So zeigte das Festival „Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr“ (2001), der vom einzigen erfolgreichen Aufstand in einem Vernichtungslager erzählt. Und wie kommentiert der Preisträger die Würdigung? „Ein Film, in dem Juden Deutsche töten! Das ist forsch. Das hat Klasse“, sagte der 87-Jährige in einem Interview.

Das Fazit nach zehn Tagen: ein prall gefülltes Festival - und eine filmkünstlerisch bescheidene Ausbeute. Die Jury muss über viel Durchschnittliches entscheiden. Ein Regisseur wird gewiss heute Abend einen Preis bekommen: Der Mut des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, trotz aller Drangsalierungen seine Selbstreflexion „Geschlossener Vorhang“ nach Berlin zu schicken, hat weltweit beeindruckt.

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