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21:43 09.05.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Foto: Artistisch: die Tänzer von Beijing Dance.
Artistisch: die Tänzer von Beijing Dance.
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Am Ende wird der Titel zu einem Bild: „Wild Grass“ heißt der dreiteilige Tanzabend, den das Bejing Dance Theatre – als Europapremiere – auf der großen Ballettbühne im VW-Kraftwerk in Wolfsburg präsentiert, und im dritten Teil ist dann tatsächlich wildes Gras zu sehen. Die Tänzer bewegen sich auf einer Bodenbedeckung, die aussieht wie ein schwer vergilbter Flokati. Hoch steht das Gras in vertrockneten Büscheln auf der Spielfläche; für die Tänzer ist es sicher kein leichtes Unterfangen, sich durch dieses Gestrüpp zu kämpfen. Sie tanzen intensiv dabei. Immer wieder schleudern schnellbewegte Füße Grashalme durch die Luft. Und die vielen Drehungen und Sprünge lassen gelben Staub von der trockenen Tanzwiese aufstieben. Im seitlichen Licht wirkt der mutierte Rollrasen wie ein unheimlicher Urwald. Schön ist das nicht. Aber die Bewegungen der zwölf Tanzvirtuosen aus China sind es.

Das Gras im Titel und auf dem Boden hat mit der literarischen Vorlage für die drei Choreografien zu tun, die Wang Yuanyuan hier an einem Abend präsentiert. Sie beziehen sich auf eine Gedichtsammlung des chinesischen Schriftstellers Lu Xun. Der lebte von 1881 bis 1936 und gilt als einer der Begründer der modernen chinesischen Literatur. Seine Texte wirken expressiv und politisch. Unter dem Titel „Wilde Gräser“ hat er 1927 Texte veröffentlicht, die er selbst – recht blumig – als „blasse Blumen am Rand einer heruntergekommenen Hölle“ bezeichnete. „Ich träume mich rasend auf Bergen aus Eis. Riesige Berge aus Eis, ihre Spitzen vereinigen sich mit eisigen Himmeln, bedeckt von gefrorenen, schuppigen Wolken. An den Füßen der Berge wachsen eisige Bäume, ihre Blätter sind wie Piniennadeln. Alles kalt. Alles bleich“ – so beginnt der Text von Lu Xun, mit dem sich die renommierte Choreografin Wang Yuanyuan für „Dead Fire“, den ersten Teil des Abends, hat inspirieren lassen.

Die Expressivität der Sprache ist auch ihrer Choreografie eigen. Aber sie übersetzt die Eislandschaft in etwas ganz anderes. Die Tänzer verstreuen immer wieder weiße Federn auf dem schwarzen Bühnenboden. Wie später beim letzten Teil (der den treffenden Titel „Dance of Extremity“ trägt) die Grasbüschel, stören im ersten Teil die Federn den Tanz. Immer wieder rutschen die Tänzer auf dem befederten Boden aus. Und immer wieder fangen sie sich sofort wieder. Diese Ausrutscher und die Stockungen, die die Grasbüschel später verursachen, sind wichtig. Denn sie nehmen dem Tanz der Pekinger Compagnie die Glätte des Allzu-Artistischen. Im Mittelteil fehlen diese Behinderungen – das ist der kühlste Teil die Tanztrilogie.

Choreografin Wang Yuanyuan vereinigt in ihrer Arbeit Elemente des klassischen chinesischen Balletts mit Bewegungsmustern des zeitgenössischen europäischen Tanzes. Auffallend ist, wie sie immer wieder den Gegensatz zwischen Masse und Individuum herausarbeitet. Im ersten Stück liegt eine rot gekleidete Gestalt inmitten anderer Tänzer in ihren hautfarbenen Kleidchen. Im letzten Stück zeigt sie Szenen der Zurichtung: Wie Sklaven werden Tänzer von anderen Tänzern in bestimmte Positionen gedrückt. Dazu das vertrocknete Gras – dieser Tanz wirkt sehr politisch.

„Wild Grass“ vom Bejing Dance Theatre ist noch heute und am Sonntag bei Movimentos zu sehen. Am 15. Mai hat „Atomos“ von Wayne McGregors Compagnie Random Dance Deutschlandpremiere.

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