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Kultur Beeindruckende Bodenhaftung
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20:35 18.04.2014
Leichtfüßig: Das Ballett am Rhein beim „Deutschen Requiem“. Weigelt
Leichtfüßig: Das Ballett am Rhein beim „Deutschen Requiem“. Weigelt
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Hannover

Im Zehenstand strebt der Körper himmelwärts, und die Tänzerin wandelt sich zu einem ätherischen Wesen, das ohne Bodenhaftung über der Erde zu schweben scheint. In einem Ballett über das Mysterium menschlichen Lebens und Sterbens läge also Spitzentanz nah, um das Transzendente zu illustrieren. Martin Schläpfer jedoch setzt den Spitzenschuh in seiner 2011 uraufgeführten Choreografie „Ein Deutsches Requiem“ nach der gleichnamigen Musik von Johannes Brahms nur einmal, aber dafür umso wirkungsvoller in Szene: Im fünften Satz, während Chor und Sopran das johanneische „Ihr habt nur Traurigkeit“ singen, trippelt Marlúcia do Amaral mit einem Fuß im Spitzenschuh über den schwarzen Bühnenboden, während der zweite Fuß barfuß ist.

Ihr anrührendes und gleichsam elegantes Hinken versinnbildlicht deutlich wie keine zweite Szene den menschlichen Balanceakt zwischen Schwere und Leichtigkeit, zwischen Himmel und Erde, Leben und Tod, dem diese Choreografie nachspürt.

Das Ballett der Niedersächsischen Staatsoper hatte Schläpfer und sein Ballett am Rhein eingeladen, „Ein Deutsches Requiem“ in Hannover im Rahmen der Ostertanztage aufzuführen und hätte kaum eine bessere Einstimmung auf Karfreitag und die Feiertage wählen können. Das Publikum im restlos ausverkauften Opernhaus musste sich hörbar zusammenreißen, um nicht nach jeder Szene des 75-minütigen Stücks zu applaudieren. Vereinzeltes, spontanes Klatschen wurde mit „Schsch!“-Lauten gleich unterdrückt. Beifall inmitten dieser eindrucksvollen Totenmesse hätte die feierliche, fast sakrale Atmosphäre gestört - und wohl auch die Konzentration der Tänzer.

Brahms’ Komposition nach Worten der Heiligen Schrift für Sopran, Bassbariton, Chor und Orchester gilt nicht gerade als tanzbar. Bei der Uraufführung spielten die Düsseldorfer Symphoniker, und der Chor und die Solisten thronten auf der Bühne über dem Geschehen. Jetzt war nur eine CD-Einspielung des Orchesters San Francisco Symphony zu hören. Doch der Wucht der Musik konnte das nichts anhaben. Schläpfer lässt seine rund 40 Tänzer dazu hoffen, leiden, resignieren, freuen, fallen, wieder aufstehen, sich gegenseitig abweisen oder trösten.

Der renommierte Choreograf und ehemalige Solist am Basler Ballett unter Heinz Spoerli schafft skulpturale Bilder vom Kreuz über die Trauerprozession bis hin zum gefallenen Engel, ohne die Psalmvertonungen wörtlich in die Bewegungssprache zu übersetzen. Viel Dynamik mit schnellen Formationswechseln sowie raumgreifende Elemente aus dem Modern Dance lassen das Stück alles andere als düster und schwermütig wirken - auch wenn Schläpfer selbst seinem Ensemble die Leichtfüßigkeit nimmt, indem er seine Akteure konsequent barfuß tanzen lässt.

Für so viel beeindruckende Bodenhaftung gibt es minutenlangen Beifall.

Wegen großer Nachfrage steht „Chaplin“ zusätzlich am 22. Mai auf dem Spielplan der Staatsoper. Der ursprünglich vorgesehene Ballettabend „Sissi“ entfällt.

Von Kerstin Hergt

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