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Kultur Bastian Sick gibt in Hannover Nachhilfe
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20:50 10.11.2014
Von Wiebke Ramm
Foto: Bastian Sick ist auf seiner aktuellen Tour auch nach Hannover gekommen.
Bastian Sick ist auf seiner aktuellen Tour auch nach Hannover gekommen. Quelle: dpa
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Hannover

Zum Schluss gibt es eine Rose in Apricot. Bastian Sick freut sich sichtlich. Nie zuvor sei ihm aus dem Publikum eine Blume auf der Bühne überreicht worden, sagt er am Sonntagabend im Theater am Aegi. Eine Premiere, die kaum besser lokalisiert sein könnte, steht doch Hannover in dem Ruf, des reinsten Deutsches mächtig zu sein. Sick darf die Rose also als Auszeichnung verstehen, tut dies auch und verspricht, sie getrocknet in Ehren zu halten. Nun gelten Trockenblumen heutzutage als in etwa so sexy wie Konjugationstabellen, Mireille Mathieu, der Grand Prix Eurovision (der nicht einmal mehr so heißt) und Besserwisser. Sick aber zelebriert seine ausgeprägte Neigung zu alldem ohne Scheu auf großer Bühne - und mit anhaltendem Erfolg.

„Füllen Sie sich wie zu Hause“ heißt das aktuelle Programm, mit dem der Sprachpfleger der Nation in einer Mischung aus Deutschstunde, Comedy, Dia- und Quizshow sein Publikum belehrend erheitert. Er wandelt dabei auf einem schmalen Grat, erfreuen sich Menschen, die sich über die Fehler anderer lustig machen, doch nicht selbstverständlich großer Beliebtheit. Sick aber darf das.

Charmant führt der 49-Jährige etwa durch den deutschen Schilderwald. Es ist ein Spaziergang des Grauens. Dass eine Bäckerei das Steh-Café zum „Steh Café“ macht, ist da noch die harmlosere Entgleisung. Einem unbekannten Schilderbeschrifter hat ein Supermarkt die Rarität „Tampons Damen und Herren, 3,95 Euro“ zu verdanken. Andernorts ist ein Grundstück „zu frkaufen“, was nicht für hohe sprachliche „Kompetens“ spricht. Letztere s-z-Vertauschung stammt von einem Maklerschild und wird von Sick mit dem nicht unwichtigen Hinweis versehen, dass sich eben offenbar nicht nur Menschen aus bildungsfernen Schichten oder mit Migrationshintergrund mit der Rechtschreibung schwertun, „sondern auch Profis“. Journalisten zum Beispiel.

Im „Spiegel“ gibt es die Rubrik „Hohlspiegel“ mit sprachlichen Fehlgriffen aus der deutschen Presselandschaft. Nicht wenige Journalisten blättern jeden Montag zu allererst auf diese, letzte Seite des Magazins, bange, eigene Texte dort zu finden. Sick macht den „Hohlspiegel“ zur Abendunterhaltung. Polizeimeldungen verschiedener Zeitungen werden riesengroß an die Bühnenwand projiziert. Gemeinsam erfreut man sich an allerlei falschen Bezügen: Tote werden zum Leben erweckt, Hunde werden zu Rettungssanitätern, und ein Kardinal springt halb nackt auf den Altar.

Bastian Sick las einst als Schlussredakteur beim „Spiegel“ die Texte der Kollegen Korrektur, bis sein damaliger Chef auf ihn aufmerksam wurde, ihm die Kolumne „Zwiebelfisch“ gab und damit den Grundstein für Sicks Showkarriere legte. Zehn Jahre ist es her, dass er sich mit „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ einen sicheren Platz in den Bücherregalen der Deutschen erschrieben hat.

Noch bevor der Sprachbewahrer an diesem Abend die hannoversche Bühne betritt, zeigt ein Film minutenlang sein Leben und Werk. Eine seltsame und etwas zu eitle Idee, wirkt es doch wie ein Werbefilm und damit reichlich deplatziert. Alle Menschen, die diesen Einspieler sehen, sitzen an diesem Abend ja schon in seiner Show, um Sick live zu erleben und nicht um ein Best-of seines Werdens als Film anzuschauen. Viel schöner sind da seine nicht wirklich perfekt vorgetragenen, aber mit höchster Leidenschaft dargebotenen Gesangseinlagen. Es ist beruhigend zu sehen, dass auch er zu wissen scheint: Manchmal zählt Leidenschaft einfach mehr als Perfektion.

Und jeder, der bemerkt hat, dass in der Kulisse an der Wand über dem Sofa die Worte „Home sweat Home“ statt „Home sweet Home“ stehen, was mehr als Werbung zum Schwitzen mit einem Heimtrainer taugt als für einen gemütlichen Abend im trauten Heim, wird nach gut zwei Stunden mit einem guten Gefühl eben dorthin zurückgekehrt sein. Die Fehler anderer zu bemerken, fühlt sich eben doch ziemlich gut an.

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