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18:46 18.03.2015
„Das war jugendlicher Größenwahn“: Helene Hegemann, inzwischen 23, im Gespräch mit Max Dax.
„Das war jugendlicher Größenwahn“: Helene Hegemann, inzwischen 23, im Gespräch mit Max Dax. Quelle: Emre Yaylagülü
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Hannover

Die Schriftstellerin fährt sich durch die langen Haare. Wie fast immer hängen sie ihr im Gesicht. Als Helene Hegemann, Tochter des Dramaturgen Claus Hegemann, 17 Jahre alt war, erschien ihr Debütroman „Axolotl Roadkill“, der von den Feuilletons himmelhoch jauchzend gelobt wurde. Bis herauskam, dass Hegemann unter anderem Passagen von dem Berliner Blogger Airen abgeschrieben hatte. Doch anstatt sich für das Plagiat zu entschuldigen, konterte Hegemann selbstbewusst in einer öffentlichen Stellungnahme: „Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit.“

Zwei Jahre nach ihrem Debütroman erschien „Jage zwei Tiger“; mittlerweile hat Hegemann den Vertrag für ihr drittes Buch unterzeichnet. Doch gerade widmet sich die erfolgreiche Jungautorin einem anderen Projekt: Sie arbeitet an einer Filmadaption von „Axolotl Roadkill“. Auch im Filmgeschäft ist Helene Hegemann kein Neuling mehr. Über die Planungen der Dreharbeiten und „Torpedo“, ihr Filmdebüt aus dem Jahr 2008, spricht sie mit Max Dax, dem Gründer des Interview-Magazins „Alert“ im Literarischen Salon. Das Drehbuch zu „Torpedo“ schrieb Hegemann im Alter von 14 Jahren; sie suchte sich selbst eine Produktionsfirma. Heute bezeichnet sie das als „jugendlichen Größenwahn“.

Die ersten zehn Minuten von „Torpedo“ werden im Literarischen Salon gezeigt: Teenagerin Mia trampelt auf dem Dach eines Autos herum, bis die Besitzer des Wagens sie sehen. Mia flieht, einer der Männer nimmt die Verfolgung auf. Als er sie geschnappt hat, fragt sie: „Würdest du mir vielleicht eine reinhauen?“ Nachdem der Mann ihr ins Gesicht geschlagen hat, bedankt sie sich. Mia ist eine chronische Schulschwänzerin, die den Tod ihrer Mutter nicht verarbeitet hat und bei ihrer coolen Tante im coolen Berlin leben muss. Der 45-minütige Film beinhaltet viele autobiografische Elemente. Hegemann, die nach dem Realschulabschluss die Schule verließ, wuchs in der Berliner Theaterszene auf, was sie sehr geprägt hat.

Nachdem der Roman „Axolotl Roadkill“ zum Bestseller wurde, bekam Hegemann mehrere Angebote von Filmproduktionsfirmen. Doch sie lehnte alle ab. „Die kaufen ihren Konkurrenten die Stoffe weg, und nur in 5 Prozent der Fälle wird das tatsächlich verfilmt“, begründet die Autorin und Regisseurin ihre Entscheidung. Nun schreibt sie an dem Drehbuch für ihren neuen Film, der „Axolotl Blockbuster“ heißen soll. Weil Hegemann das Drehbuch an die Schauspielerinnen und Schauspieler anpassen will, wird sich der Text voraussichtlich auch noch während des Drehs ändern. Improvisationen sind erlaubt und erwünscht, damit die Zeilen lebendiger und glaubwürdiger werden, erklärt die Autorin. Mit einem Budget von 600 000 Euro gilt die Produktion des Films als „Low Budget“. Doch Hegemann findet das nicht schlimm. „Ich kenne auch Filme, die hatten zu viel Geld. Da kommt der Friseurgehilfe plötzlich mit einem rosa Cabrio angefahren, weil man nicht wusste, wohin damit.“

An diesem Abend spricht Helene Hegemann im Rahmen des Allons!-Festivals nicht nur über ihre geplante Romanverfilmung und ihr Leben in der Berliner Künstlerszene. Sie trägt auch den einzigen Dialog, der direkt und unverändert aus dem Roman ins Drehbuch übernommen werden soll, vor: Drei Geschwister unterhalten sich in einer Dönerbude. Es geht um Haustiere. Eine Maus, die scheinbar ausgebüchst war, aber tatsächlich vor langer Zeit an eine Katze verfüttert wurde. „Das wird viel plausibler, wenn man die Schauspieler damit umgehen sieht“, beteuert Hegemann.

Obwohl sie von der Bewertung ihres Debütromans „traumatisiert“ sei, sagt die Schriftstellerin, dass sie keine Angst vor dem Schreiben habe. Sie kennt die Berliner Kulturszene seit Teenager-Zeiten und hat daher auch keine großen Berührungsängste, was wichtige oder scheinbar wichtige Persönlichkeiten angeht. „Es war mein Glück, dass ich Leute, die ich aus der Ferne bewunderte, dann doch konkret in ihrem echten Leben mitbekam.“ Einerseits sei diese Erfahrung toll gewesen, andererseits desillusionierend. „Ich habe sie nicht für unantastbare Götter gehalten, sondern verstanden, was sie machen und was es sie kostet.“ „In wiefern hat das deine Arbeit beeinflusst?“, hakt Moderator Max Dax nach. „Man hat keine Angst mehr vor der Geste des Schreibens.“

Helene Hegemann gibt sich selbstbewusst im Haifischbecken des Kulturbetriebs, und mit dem Begriff der brotlosen Kunst kann sie nur wenig anfangen: „Ich habe Leute beobachtet, die in dem Bereich arbeiten, in dem ich arbeiten will“, sagt die Autorin und Regisseurin. „Sie sind noch nicht verhungert. Und es gibt sie wirklich!“

Das Allons!-Festival endet am Freitag. Am Donnerstag liest Martin Suter um 20 Uhr aus seinem neuen Roman „Montecristo“ im Audimax, Welfengarten 1. Am Freitag treten die deutschen Synchronsprecherinnen und -sprecher von Angelina Jolie, Bradley Cooper und Daniel Craig zusammen mit dem Geräuschemacher Jörg Klinkenberg auf. „Wird schon Stimmen!“ beginnt um 20 Uhr im Conti-Hochhaus, 14. Etage.

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